Die Berenberg Art Consult blickt auf 2017: Was wird alles anders?

Alles neu macht der Mai, doch noch ist es Januar. Die gute Nachricht ist: Schockmeldungen wie Anfang 2016 an den Börsen bleiben auf dem Kunstmarkt aus. Alles ist ruhig, und vielerorts wird gerade die Ruhe besonders empfohlen. Denn 2016 war seit dem Herbst 2008 – immerhin ließ die Lehman-Pleite den Kunstmarkt weitestgehend verschont – das Jahr der Zäsur. Die Preisrekorde im neunstelligen Bereich wie seit 2004 gab es auf einmal nicht mehr, und die Auktionsumsätze ließen bei manchen Häusern um nahezu die Hälfte nach. Offenbar wurden auch privat keine Werke mehr über $ 100 Mio. verkauft. Im vollbesetzten Saal von Sotheby’s in New York erlebten wir stattdessen, wie ein eher schwacher Edvard Munch, die „Mädchen auf der Brücke“ von 1902, mühsam knapp unterhalb des erwarteten Hammerpreises von wenigstens $ 50 Mio. zugeschlagen wurde. Kein wirklich großes Gemälde und ebenso wenig die ideale Version des von Munch mehrfach gemalten schönen Motivs. Doch gab es neben dieser recht zähen Performance auch 2016 reichlich erfolgreiche Zuschläge, die erkennen ließen, dass die Nachfrage nicht zurückgeht, dass Preise nach wie vor steigen und dass die Märkte für Kunst in Europa, den USA und Asien erstaunlich stabil sind. Immerhin: Der Brexit, der horrende Konflikt um Syrien, die Drohgebärden des neu gewählten amerikanischen Präsidenten, das alles hat die Kaufinteressenten im Kunstbereich ausgesprochen wenig tangiert. Sie sind, das meint die Berenberg Art Consult, in der Regel smart.

Aber könnte es passieren, dass gerade Künstlerinnen und Künstler mehr und mehr auf die politischen Krisen eingehen und sich gegen den weltweit wachsenden Nationalismus und gegen drohende Handelskriege positionieren? Die Berenberg Art Consult erwartet, dass die junge Kunst deutlich politischer wird. Die kommende documenta in Athen und Kassel, die nächste Biennale in Venedig werden eine differenziert friedliche Welt aufgrund übergroßer Sorgen präsentieren. Der Kunstmarkt wird dem nach und nach, allerdings nicht binnen Jahresfrist, folgen.

Was sind in den Augen der Berenberg Art Consult die Haupttendenzen für 2017? 

Die Käufer sind mehr denn je vorsichtig und wollen aufgrund der anhaltenden Intransparenz des Marktes mehr denn je überzeugt sein. Solide Informationen vor dem Kauf von Kunst sind deshalb zentral. Die Veränderung, die sich insgesamt, bis zum Ende des Jahrzehnts, abzeichnen wird, ist von der Digitalisierung getrieben. Artnet, BlouinArtinfo Corp, Artsy und die hochseriöse Kunstzeitschrift The Art Newspaper sind sich darin einig, dass die Digitalisierung auch auf dem Kunstmarkt große Schatten voraus wirft; auch über das Wie wird diskutiert. Sotheby’s hat auf Initiative des neuen CEO Thomas „Tad“ Smith im Oktober 2016 die Mei Moses Art Indices erworben, eine Datenbank, die die Auktionsergebnisse der vergangenen Jahrzehnte mit der Preisentwicklung verknüpft. Artnet wiederum hat im Dezember 2016 Tutela Analytics übernommen, um mit Hilfe einer eigens entwickelten Analysesoftware den Wiederverkaufswert von Kunst vorherzusagen.

Solche Akquisen, denkt die Berenberg Art Consult, sind wegweisend, nichtsdestoweniger steckt die Digitalisierung des Kunstmarkts noch immer in den Kinderschuhen. 

Christian Herchenröder, Deutschlands vorzüglicher Marktkenner unter den Kunstjournalisten, stellte zum Jahreswechsel einen Preisvergleich an, den er „absurd“ nannte. Denn die 64 Altmeistergemälde, die Anfang Dezember in New York bei den beiden großen Auktionshäusern versteigert wurden, hätten mit $ 32,7 Mio. Gesamtumsatz eine gute Million weniger eingebracht als ein einzelnes Gemälde von Gerhard Richter aus dem Jahr 1986, das der Handelsblatt-Autor als „großes, abstraktes Fließbandwerk“ brandmarkte. Kritisch vermerkte er: „In einer weltweit austauschbaren Status-Konsum-Gesellschaft wird Kunst, die keinen ‚brand name’ trägt, missachtet.“ (Handelsblatt Nr. 249/2016, S. 56). Doch warum ist da so?

Die Berenberg Art Consult denkt, dass es Moden immer gab. So ist die heutige Mode, ein Kunstwerk als Marke zu erfassen und gleich das Wachstumspotential der neuen Asset Class mit anderen Gütern zu vergleichen, nicht einfach von Gier, sondern von Vernunft getrieben. Wir werden lernen müssen, dass eine Welt, in der sich Wertsteigerungen im Kunstbereich so nachhaltig ergeben haben, Kennerschaft mit Algorithmen vermählen will. Der Experte geht abends halt nicht nur mit schönen Büchern, sondern auch mit dem kleinen Robot ins Bett. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Auch echte Sammler wollen seit 2016 mehr Sicherheit. Die Frage der Berenbert Art Consult an die Käuferschichten ist, ob man diese beim Shopping auf den großen Messen, geleitet von gleichen Namen in meist gleichen Galerien, tatsächlich finden wird. Umgekehrt: Besitzer ganz bedeutender Werke wollen aufgrund der zurückhaltenden Marktstimmung momentan nicht verkaufen. Die Frage der Berenberg Art Consult an die Eigentümer lautet, wie groß die Gefahr ist, zu lange zu warten. Die Kunstwelt wird durch die Digitalisierung sowohl 2017 als auch danach ein Stück geheimnisloser werden. Der Kunstmarkt heute ist nicht von Angst getrieben; er erscheint bei längerem Hinsehen vielmehr ziemlich ausgeschlafen.

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