Berenberg Art Consult blickt auf den Kunstmarkt im Frühjahr

Schubumkehr oder volle Kraft voraus? „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung’.“ Karl Marx hatte zum Thema „Das Kapital“ drei Bände verfasst, zum Kunstmarkt schrieb er nicht. Spätestens im Frühjahr 2017 verdient das einzelne Kunstwerk – die „Elementarform“ eines faszinierenden Sachwertemarkts – einen neuen Blick. Es gibt ein paar schlechte Nachrichten, die vielleicht mehr sind als eine warnende Ausnahme. Zugleich, ein Zeichen für den anhaltenden Aufbruch, wächst der Markt in China stark. 

Die schlechten Nachrichten meldete Bloomberg bereits am 23. Februar 2017: Der Russe Dimitry Rybolovlev, der einem einzigen Vermittler, dem Franzosen Yves Bouvier, binnen weniger Jahre 38 Gemälde und Skulpturen von Leonardo da Vinci bis zu Mark Rothko für rund $ 2 Milliarden abgekauft hatte, verlor durch die Veräußerung lediglich dreier Werke aus seinem Konvolut rund $ 120 Mio. Yves Bouvier war offenbar weder als Händler noch als Berater tätig, seine wenig transparente Rolle wird juristisch zu klären sein. Nachdem die eher zufällige Bekanntschaft des Russen mit einem amerikanischen Berater, Sandy Heller, schon 2015 zu der bestürzenden Erkenntnis geführt hatte, dass Bouvier wohl fast $ 1 Milliarde an den Transaktionen verdient haben musste, war bekannt, dass die gezahlten Preise sämtlich zu hoch lagen. Als sich Ryblovlev daraufhin von einer Marmorskulptur Auguste Rodins trennte, verlor er anscheinend $ 27,7 Mio., die Differenz zu dem, was er bezahlt hatte. Hinzu kamen je ein Gemälde von Paul Gauguin und René Magritte aus seiner Sammlung, die Anfang März 2017 in London versteigert wurden. Die Erlöse betrugen $ 25,3 Mio. statt $ 85 Mio. und $ 12,7 Mio. statt $ 43,5 Mio., was einen bislang einzigartigen Verlust von über $ 90 Mio. für zwei Werke widerspiegelt. 

Der Markt der achtstelligen Preise ist durcheinander geraten, auch weil zum Beispiel ein Picasso-Gemälde von 1935, „Tête de Femme“, das zuerst Ende 2013 und sodann Anfang 2016 in zwei Auktionen verkauft wurde, von $ 39,9 Mio. auf $ 27,5 Mio. gefallen war. Besonders hohe, auf Spekulation getrimmte Preise können, wenn man die Ausnahmen verallgemeinert, derzeit folglich bis zu 70% Verlust nach sich ziehen. Die Berenberg Art Consult empfiehlt ihren Anlegern nachdrücklich, mit solidem Wissen und Umsicht zu kaufen.

Im Frühjahr 2017 ist der Kunstmarkt zugleich jünger und dynamischer geworden. In Beijing fand in der zweiten Märzhälfte ein erstes Gallery Weekend statt. Die namhaften Adressen in 798 und Caochangdi schlossen sich zusammen. Waling Boers, Inhaber der Boers-Li Gallery, baute darauf, dass sein wichtigster Künstler, Zhang Peili, von der amerikanischen Kunstzeitschrift Artforum mit dem Cover und einem großen Text der Kuratorin Pauline J. Yao geeehrt wurde. Das kleine, schöne, siebenstöckige Rockbund Art Museum in Shanghai zeigte die konfuzianisch durchdachte Retrospektive des 1966 geborenen Aktionskünstlers Song Dong, „I Don’t Know the Mandate of Heaven“. Das private Long Museum in Shanghai huldigte wie geplant dem kalifornischen Lichtkünstler James Turrell. Seine besonders aufwändigen Installationen wurden von Tausenden von Chinesen gegen ein einzigartig hohes Eintrittsgeld bestaunt. 

China ist im Kunstbereich wach. Den Höhepunkt des beginnenden Frühjahrs 2017 bildete nicht die TEFAF in Maastricht, nicht die Messe Art Dubai, sondern die Art Basel Hong Kong. Hier eröffneten die Galerien ihre Ausstellungen ebenfalls gleichzeitig. Theaster Gates aus Chicago zeigte Bilder und Bronzen, von denen aufgemalter, stark glänzender Teer stellenweise noch herab tropfte. Der Künstler gab auf der abendlichen Party allen Gästen wie ein Messias die Hand. Der Schweizer Urs Fischer stellte neue Werke vor, bei denen gefundene Fotos, Ansichten seines Ateliers und pastose Pinselstriche durch verschiedenste Acrylsubstanzen amalgamiert waren. 

Auf der Messe selbst wurden Werke von Marlene Dumas, Luc Tuymans, Martin Kippenberger oder Rudolf Stingl für Millionenbeträge verkauft. Die Händler aus China, Korea, Japan oder Taiwan jubelten. Die amerikanischen, belgischen, britischen, deutschen oder österreichischen Galerien zollten zudem Respekt. Denn sehr viele junge Chinesinnen und Chinesen erwerben Kunst für ihre Sammlungen sehr gut informiert und wach. Ob sie wie der Russe viel zu viel bezahlen würden? Gutes Wissen sollte mit einem guten Spürsinn in Kontakt kommen. Eine neuerliche Schubumkehr wie bei Rybolovlev wünscht sich jedenfalls niemand.

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