Der gute Name

Das Jahr 1768 bringt für Europa eine gemischte Nachrichtenlage. Das Zeitalter der Aufklärung kommt auf Touren, weite Teile der Welt sind noch unentdeckt. James
Cook segelt mit seiner „Endeavour“ ins Unbekannte, und der zwölfjährige Mozart komponiert sein fünfzigstes Werk, das Singspiel „Bastien und Bastienne“. Unter den Damen aus Norddeutschlands Kleinstaaten tritt Katharina, Herzogin von Schleswig-Holstein-Gottorf, ins Licht der Geschichte. Sie ist als Katharina die Große zugleich Zarin von Russland, und führt Krieg gegen die Türken, den sie gewinnt.
Für die Berenbergs ist das Jahr 1768 ein Schicksalsjahr. Zum ersten Mal ist das Familienunternehmen in der fünften Generation nach 175 Jahren ohne männlichen Nachfolger. Senator Paul Berenberg (IV) stirbt kinderlos, sein Bruder Johann, mit dem er die Firma geleitet hatte, verliert im selben Jahr den einzigen Sohn. Bleibt als Erbin nur Johanns einzige Tochter Elisabeth.
Also sucht der Letzte der Berenbergs einen würdigen Partner. Sein Blick fällt auf Johann Hinrich Gossler, Spross einer angesehenen Familie, die seit dem 14. Jahrhundert in Hamburg
ansässig ist, ein erfahrener Kaufmann mit weitem Horizont, der drei Sprachen spricht und soeben nach längerem Aufenthalt in Spanien und Frankreich in die Hansestadt zurückgekehrt ist.
Man fusioniert nach alter Väter Sitte: durch Heirat. Noch im Dezember des Trauerjahres findet die Vermählung statt. Johann Heinrich Gossler wird Teilhaber des Unternehmens.
Bis zum Tode des Schwiegervaters heißt es „Johann Berenberg & Gossler“, zwanzig Jahre später, als Ludwig Edwin Seyler, der Gatte von Gosslers ältester Tochter Anna Henriette,
hinzukommt, heißt es „Joh. Berenberg, Gossler & Co.“
Der Name ist bis heute unverändert.

Das Unternehmen floriert, weitet sich aus, engagiert sich als Merchant Banker weit über die Grenzen Hamburgs hinaus und beginnt für Regierungen Geld zu beschaffen, ein neues
Gewicht im unruhigen politischen Kräftefeld Europas. Mit einigem Glück übersteht die Firma die Kontinentalsperre und die kritische „Franzosenzeit“ der napoleonischen Besatzung
in Hamburg, erholt sich danach rasch, knüpft nun auch enge Verbindungen zu den neu entstehenden südamerikanischen Staaten und vor allem zu Nordamerika. Die Dynastie gewinnt an Einfluss. Johann Heinrich Gossler (II) wird Senator der Stadtrepublik Hamburg. Sein ältester Sohn, Johann Heinrich Gossler (III), engagiert sich in New York und Boston, und schließt mit der Heirat von Mary Elisabeth Bray, einer Tochter aus gutem Hause, auch ein transatlantisches Ehebündnis.

1830 zieht das Paar nach Hamburg. Johann Heinrich führt mit seinem Bruder Wilhelm die Firma, die sich nun zunehmend zum Bankhaus entwickelt. Die beiden machen einen
guten Job. Die Gründerjahre blasen frischen Wind in die Bilanzen, Aktiengesellschaften sprießen aus dem Boden. Joh. Berenberg, Gossler & Co. zählt zu den Gründern der Hapag
(1847), des Norddeutschen Lloyd (1857), der Ilseder Hütte (1858), der Norddeutschen Versicherungs-AG (1857) und der Vereinsbank in Hamburg (1856). Sie beteiligt sich an der Gründung von Banken in Norwegen, Dänemark, Schweden und Hongkong.

Doch Johann Heinrich Gossler (III) verliert die Tradition nicht aus dem Blick. Er findet einen durchaus originellen Weg, den Namen Berenberg mit neuem Leben zu erfüllen,
indem er ihn zum Vornamen seines Sohnes hinzufügt. Schon bald tritt John Berenberg Gossler, kurz John B., als Teilhaber in das Bankhaus ein. 1880 genehmigt der Senat der Stadt
Hamburg die Änderung des Familiennamens in Berenberg-Gossler.

Drei Jahre zuvor erschüttert allerdings ein Familiendrama den Hausfrieden. John Henry Gossler, der jüngere Bruder von John B., hat sich in der Neuen Welt mit Zucker verzockt
und die zunehmend waghalsigen Spekulationsgeschäfte vor dem gestrengen Vater verheimlicht. Die Verluste gehen in die Hunderttausende, bringen andere Beteiligungen des Hauses in Schieflage, immer neue Forderungen türmen sich auf. Eine Krise, nicht nur für die Familie.

Der Sohn wird nach Hamburg zitiert, der Zorn des Vaters entlädt sich in deutlichen Worten. Dem Junior werden 839 144,08 Reichsmark „auf Zukunft debetiert“. Damit nicht genug. John Henry wird testamentarisch von der Firmennachfolge ausgeschlossen, die nun voll auf seinen älteren Bruder John B. übertragen wird.

Der Vater stirbt 1879 im Alter von 74 Jahren. Er hinterlässt ein breit gestreutes Vermögen von 18 Millionen Mark. Comptoirangestellte und der langjährige Kutscher erhalten Legate von insgesamt 75 000 Mark, wohltätige Institutionen wie die Niederländische Armencasse werden bedacht, aber auch die Niendorfer und die Jacobikirche, die Israelitische
Mädchenschule von 1789, die Talmud-Tora-Schule und die Mädchenschule der Deutsch-Israelischen Gemeinde, außerdem sechzehn verschiedene Warteschulen für Kleinkinder.
Das Restvermögen geht an seine sechs Kinder, sowie deren Nachkommen.

Berenberg Wappen