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Autoindustrie vor Wandel: Wachsendes Mobilitätsbedürfnis und Klimawandel sind Herausforderungen

Hamburg. Der Individualverkehr wird weltweit kräftig wachsen und droht, Umwelt und Klima immer stärker zu belasten. Autohersteller und Zuliefererindustrie stehen vor der Herausforderung, umweltfreundliche und verbrauchsarme Antriebstechnologien zur Marktreife zu entwickeln. Die Branche steht damit vor großen Umwälzungen und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie auf dem Prüfstand, so das Fazit einer Studie der Berenberg Bank und des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI).

Die höchsten Wachstumsraten des Individualverkehrs werden in Regionen erwartet, in denen die Bevölkerungszahlen und das Durchschnittseinkommen ansteigen. So wird für China bis 2020 eine Pkw-Dichte von 115 Kfz auf 1.000 Einwohner prognostiziert. „Bis 2030 werden somit allein in China über 100 Mio. Fahrzeuge mehr auf der Straße sein als heute“, so Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Direktor des HWWI.

Die Pkw-Dichte ist in den westlichen Industrieländern bereits deutlich höher. In Deutschland und Europa hat jeder zweite Bürger einen Pkw, in den USA kommen schon 710 Pkw auf 1.000 Bürger, und in Los Angeles, der Stadt mit der höchsten Pkw-Dichte, sind es sogar 910 Autos.

„Den Bundesbürgern ist ihre individuelle Mobilität sehr wichtig“, sagt Straubhaar. Die Kosten für Mobilität rangieren in Deutschland direkt hinter den Kosten für das Wohnen und noch vor den Ausgaben für Nahrung, Getränke und Tabakwaren. 2.200 Euro gab jeder Bundesbürger 2007 für die eigene Fortbewegung aus. Zum Vergleich: Der durchschnittliche EU-Bürger wendet rund 400 Euro weniger auf (2006).

Diese steigende Nachfrage nach Mobilität belastet vor allem die Städte (siehe Abb.) und brächte langfristig einen deutlich erhöhten CO2-Ausstoß mit sich.



„Die Automobilwirtschaft ist also gefordert, Konzepte zu entwickeln, um diesen Problemen zu begegnen. Grundlegende Umwälzungen sowohl bei Automobilherstellern als auch im Bereich der Zulieferer stehen an“, so Robert Freiherr von Kap-herr, Leiter Sekundär-Research der Berenberg Bank:


1.    Wegfallende Möglichkeiten zur Markendifferenzierung
Bisherige Merkmale wie Motorleistung, Fahrwerkseigenschaften oder Servicequalität werden wegfallen, da sich die Fahrzeuge immer mehr angleichen. Es werden neue Imagefelder zur Positionierung der Marken gefunden und besetzt werden müssen.

2.    Finanzielle Doppelbelastungen
Die Konzerne müssen Milliardengelder in Forschung und Entwicklung stecken, während sie derzeit mit hohen Umsatzrückgängen und teilweise auch Verlusten kämpfen. Dabei darf auch die Optimierung bestehender Motorkonzepte (Otto- und Dieselmotoren) für die Übergangszeit nicht vernachlässigt werden. „Die etablierten Hersteller werden also doppelt belastet, während sich junge Technologieunternehmen ganz den alternativen Antrieben und dem Markteintritt widmen können“, so Kap-herr.

3.    Sinkende Markteintrittsbarrieren
Die kostenintensive Entwicklung von Motor, Getriebe und Antriebssystemen verhinderte bisher den Markteintritt neuer Anbieter. Beim Elektroauto ist vieles einfacher, so wird u. a. kein Getriebe mehr benötigt, und die Antriebsstränge verändern sich signifikant. Neue Hersteller könnten Batterie und Elektromotor zudem von Drittanbietern beziehen.

Die einfachere Bauweise von Elektroautos hat auch starke Auswirkungen auf die deutsche Zuliefererindustrie, da eine Vielzahl von Komponenten (Kühler, Lichtmaschine, Getriebe, etc.) wegfällt.

Chancen ergeben sich hingegen insbesondere für die Hersteller der Auto-Elektronik und Batterien. Autohersteller und Zulieferer versuchen hier nach einem späten Start, Know-how über Joint Ventures einzukaufen und die hohen Kosten für Forschung und Entwicklung zu teilen. Beispiele sind (1) der japanische Elektronikkonzern NEC und Renault-Nissan, (2) Evonik Industries und Daimler sowie (3) Bosch, Samsung und BMW.

„Nach heutigem Kenntnisstand hat die Lithiumtechnologie die besten Zukunftsaussichten bei Batterien der zukünftigen Generationen von Hybrid- und Elektroautos. Das hohe Innovationspotenzial liegt in der Verbesserung von Reichweite, Energiedichte, Sicherheit, Ladezeit sowie Form und Größe“, erläutert Kap-herr.

Allerdings bahnen sich beim Rohstoff Lithium strukturelle Versorgungsdefizite an. Bisher sind noch keine anderen Rohstoffe bekannt, die die Energiedichte und den hohen Wirkungsgrad von Lithium in Batterien substituieren können. Die Nachfrage droht langfristig das Angebot deutlich zu übertreffen und damit zu steigenden Preisen für diesen Rohstoff zu führen.

Derzeit wird auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen nach Lösungen gesucht, die Erderwärmung auf höchstens 2 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Berenberg-Experte Kap-herr: „Die Elektrifizierung der Antriebe kann hier einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten durch eine zukunftsfähige und nachhaltige Mobilität. Sie bietet die Chance, die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren und die CO2-Emissionen zu verringern. Das elektrische Fahrzeug kann damit gleichzeitig Fortbewegungsmittel und mobiler Energiespeicher sein, der auch als Energiequelle in öffentlichen Netzen zum Einsatz kommen kann.“

Die Studie „Strategie 2030 – Mobilität“ ist der 10. Band einer Studienreihe mit dem Titel „Strategie 2030 – Vermögen und Leben in der nächsten Generation“. Berenberg Bank und HWWI widmen sich darin langfristig orientierten volkswirtschaftlichen Fragestellungen.

Ein Pdf der Pressemitteilung finden Sie hier.

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