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Berenberg/HWWI-Studie – Fracking: Schiefergasförderung verändert Gewichte der globalen Energiemärkte

  • Vorschnelles Handeln sollte in Deutschland vermieden werden 
  • Bestehende Risiken aufgrund regional unterschiedlicher Rahmenbedingungen und Auswirkungen auf die Umwelt

Hamburg/Berlin. Bei der Deckung des global ansteigenden Energiebedarfs könnte Gas zukünftig eine herausragende Rolle spielen, denn in den letzten Jahren wurden weltweit erhebliche Schiefergasvorkommen entdeckt, die zu weitreichenden Veränderungen der Energiemärkte führen könnten. 

Fracking (Hydraulic Fracturing) bezeichnet das Gewinnen von Erdgas aus Schiefergesteinsschichten mithilfe eines Gemisches aus Sand und Chemikalien, das mit Hochdruck in die Erde gepumpt wird. Was in den Vereinigten Staaten seit vielen Jahren Anwendung findet, wird in Europa noch kontrovers diskutiert. Die Privatbank Berenberg und das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) haben in ihrer Studienreihe „Strategie 2030“ das Thema Fracking untersucht. „Würde die Schiefergasförderung global in dem Umfang erfolgen, wie dies bereits heute in den USA der Fall ist, könnten sich weitreichende Veränderungen der Energiemärkte ergeben, dies gilt im Hinblick auf die Preisentwicklung fossiler Brennstoffe, die Veränderung der Reichweiten und die Auswirkungen auf die Umwelt“, sagt Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Direktor des HWWI. 

In den USA hat vor einigen Jahren eine Schiefergasrevolution eingesetzt und dort zu erheblichen Veränderungen auf dem Energiemarkt geführt. Die Ausweitung der Erdgasförderung in den USA, die das Land weitgehend unabhängig von Gasimporten macht, hat dabei nicht nur Auswirkungen auf den amerikanischen Energiemarkt, sondern beeinflusst auch überregionale Märkte. Durch das Sinken der Gaspreise in den USA und den damit verbundenen Nachfragerückgang nach Kohle sank der weltweite Kohlepreis. Dadurch ist in Europa der Anreiz gestiegen, vermehrt Kohle in der Industrie und bei der Stromerzeugung einzusetzen. „Durch den niedrigen Kohlepreis und den Zerfall der CO2-Zertifikatepreise in Europa gehen Anreize verloren, in innovative und klimafreundliche Technologien zu investieren“, so Straubhaar. Die Höhe der CO2-Emissionen wird in Europa durch das Emissionshandelssystem geregelt. „Gleichzeitig profitieren in den USA energieintensive Unternehmen von niedrigen Gaspreisen und haben damit einen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren europäischen und asiatischen Konkurrenten“, ergänzt Berenberg-Volkswirt Wolfgang Pflüger. „Russland als großer Gasexporteur könnte dagegen zunehmend durch die niedrigen Preise von amerikanischem Erdgas unter Druck gesetzt werden.“ Dies ist insbesondere der Fall, wenn die amerikanische Regierung den Bau von Flüssiggasterminals erlaubt und Gas vor allem nach Asien exportiert. „Die USA könnten Russland ab 2015 als weltweit führenden Gasproduzenten ablösen und möglicherweise in der Ölproduktion durch den Abbau von Schieferöl ab 2017 mit Saudi-Arabien gleichziehen“, sagt Straubhaar. In China ist davon auszugehen, dass der Ausbau des Gassektors zeitnah vorangetrieben wird, denn die Schiefergasförderung wurde in den neuen Fünfjahresplan aufgenommen. 

In Europa gibt es gegenüber dem Fracking-Verfahren noch große Bedenken. Es werden durch den Einsatz von Chemikalien beim Fracking zahlreiche Gefahren für die Umwelt befürchtet. Auch in Deutschland sollte ein vorschnelles Handeln in Bezug auf die Schiefergasförderung vermieden werden. „Gerade in den Ländern mit einer großen Bevölkerungsdichte hätten negative Umweltauswirkungen erhebliche Folgen für große Teile der Bevölkerung“, so Straubhaar. 

Umweltrisiken und Klimabilanz von Fracking 
Risiken und Unsicherheiten ergeben sich aufgrund zahlreicher Umweltgefahren, die von Kritikern erwartet werden. Hierzu zählen besonders Verschmutzungen des Trink- und/oder Grundwassers durch die in die Gesteinsschichten gepumpten Chemikalien und die Gefahr von Erdbeben, die durch Bohrungen in spannungsreichen Gebieten ausgelöst werden können. „Ein schnelles Vorantreiben der Schiefergasförderung, ohne die Folgen für Grund- und Trinkwasser eingehend untersucht zu haben, könnte besonders für dichtbesiedelte Gebiete irreversible Folgen haben“, so Straubhaar. Der Umgang mit den zum Teil giftigen Inhaltsstoffen der Frac-Flüssigkeit ist bis dato nicht geklärt. Es wird aber geforscht, ob und wie eine Reduktion der Chemikalien möglich wäre. Die Bundesregierung hat ihren Gesetzentwurf zur Neuregelung der Gasförderung in Deutschland mehrfach vertagt – mit einem neuen Anlauf ist also erst nach der Bundestagswahl zu rechnen. Frankreich hat bereits ein Moratorium beschlossen, bis sämtliche Umweltrisiken untersucht und bewertet wurden. Hinsichtlich der Klimabilanz reduziert die Schiefergasförderung die weltweiten Emissionen nur dann, wenn die Stromerzeugung in Kohlekraftwerken zurückgeht, also Kohle durch Schiefergas substituiert wird. Nimmt die Verstromung von Schiefergas jedoch zu, während die von Kohle konstant bleibt, würde sich die CO2-Konzentration in der Atmosphäre erhöhen. 

Fracking als Investment-Thema
Zu den Gewinnern der Schiefergasförderung zählen Industriezweige in den Sektoren der Öl und Gaslagerung bzw. Transport. „Weltweit ist mit Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur in Form von Pipelines sowie LNG (Liquefied Natural Gas) Terminals zu rechnen“, sagt Wolfgang Pflüger. Aber auch energieintensive Industriezweige in den USA wie die Papier und Stahlindustrie profitieren von der Schiefergasrevolution. „Das Land steht offenbar erst am Anfang eines Re-Industrialisierungs-Booms. Die niedrigen Energiepreise reduzieren die Kosten der Inbetriebnahme und machen den Bau bzw. die Wiedereröffnung von Fabrikanlagen zunehmend auch für ausländische Investitionen interessant und rentabel“, erläutert Pflüger. Aus Anlegersicht gilt es, die Unsicherheiten zu berücksichtigen, die sich aus den schwankenden Schätzungen hinsichtlich der förderbaren Reserven und den regional sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Schiefergasgewinnung erheben. Dennoch können die branchenspezifischen Wertentwicklungen der in den USA maßgeblich involvierten Unternehmen wichtige Hinweise auf künftige Investmentpotenziale in anderen Ländern geben. 

„Generell wird auch in Zukunft damit zu rechnen sein, dass durch neue Produktionstechnologien weitere fossile Energieträger gefördert werden können und die Reichweiten fossiler Rohstoffe damit vergrößert werden“, resümiert Straubhaar.

Leiter Unternehmens-Kommunikation

Karsten Wehmeier
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