Berenberg in der nationalen und internationalen Presse

Berenberg/HWWI-Studie: Freihandel - Wachstumsimpulse vor allem bei mittelständischer Wirtschaft erwartet

  • TTIP auf dem Weg zum größten ‚Binnenmarkt‘ der Welt
  • Vertiefte Integration verursacht immer stärker gesellschaftliche Kosten

Hamburg. Nachdem die globale Finanzkrise überstanden ist, sucht die Welt nach neuen Wachstumsimpulsen. Mit der Transatlantischen Han-dels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) beabsichtigen die EU und die USA die größte Freihandelszone der Welt zu schaffen. „Die Weltwirtschaft ist nach der globalen Finanzkrise in Unordnung geraten und steht nun an der Schwelle zu einer neuen globalen Ordnung mit einem veränderten Kräfteverhältnis der Wirtschaftsräume“, sagt Prof. Dr. Henning Vöpel Direktor des HWWI. Die Privatbank Berenberg und das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) haben in ihrer aktuellen Studie das Thema Freihandel untersucht. „Die makroökonomischen Effekte von TTIP können eher als gering angesehen werden“, sagt Dr. Jörn Quitzau, Volkswirt bei Berenberg. „TTIP stellt dennoch einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem gemeinsamen ‚Binnenmarkt‘ dar. Größere Gewinne werden auf Unternehmens- und Branchenebene erwartet. Gerade kleinere und mittelgroße Unternehmen würden profitieren.“

Allerdings wird die Aussicht auf Wirtschaftswachstum allein nicht mehr ausrei-chen, um die Bevölkerung von den Vorzügen des Freihandels zu überzeugen. Handelsliberalisierung ist zunehmend komplex. „Die „Quick wins“, also die schnellen und einfachen Wohlfahrtsgewinne der Globalisierung sind bereits realisiert, so dass eine vertiefte Integration zwar weitere wirtschaftliche Vorteile generiert, aber auch immer stärker gesellschaftliche Kosten verursacht. Eine vertiefte Integration betrifft zunehmend Präferenzen von Gesellschaften und die Abwägung von Partikularinteressen“, sagt Vöpel. Es geht nicht mehr nur darum, Zölle und andere Handelshemmnisse zu beseitigen, es sind auch vielfältige Wünsche der Bevölkerung hinsichtlich Sicherheits- und Qualitätsstandards der gehandelten Güter und Dienstleistungen zu berücksichtigen. „Hier erwarten wir, dass die Widerstände in der Bevölkerung vor allem gegen die Angleichung der Standards im Lebensmittelbereich die Verhandlungspartner letztlich zu Zugeständnissen im Sinne der Kritiker veranlassen werden“, sagt Quitzau.

Vorrangiges Ziel von TTIP ist es, den Handel von Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und den USA zu intensivieren, indem Zölle und nicht-tarifäre Handelshemmnisse (z.B. technische Anforderungen und Normen) abgebaut und gemeinsame Standards geschaffen werden. Dadurch soll europäischen und amerikanischen Unternehmen die Investition im jeweils anderen Wirtschaftsraum erleichtert werden. Die EU und die USA sind die zwei größten Wirtschaftsräume der Welt. Sie sind für knapp die Hälfte der gesamten Weltwirtschaftsleistung verantwortlich. „TTIP schafft den größten ‚Binnenmarkt‘ der Welt“, sagt Vöpel. So würde etwa durch das Abkommen mit gut 34% des globalen Chemieumsatzes die weltweit größte Chemie-Handelszone entstehen. „Bei den weiteren Verhandlungen von TTIP sollte es um die Frage gehen: Wie können einerseits Marktzutrittsbarrieren und Marktmacht reduziert und berechtigte gesellschaftliche Präferenzen geschützt werden“, sagt Quitzau. 

Das Aushandeln von globalen Handelsabkommen wird zukünftig immer kom-plexer und schwieriger. „Daher sind zunehmend bilaterale und regionale Han-delsabkommen leichter durchsetzbar, da die kulturelle und historische Nähe zwischen Wirtschaftsräumen mit zunehmender Integrationstiefe wichtiger wird“, so Vöpel. Viele der heutigen Schwellenländer werden dabei eine zentrale Rolle spielen, insbesondere in Asien. Sie werden ihren Handel am stärksten liberalisieren und ihren Anteil am Welthandel ausbauen. Insgesamt wird die weitere Handelsintensivierung in Kombination mit einigen anderen absehbaren Trends die Wirtschaft spürbar verändern. „Wir erwarten beschleunigtes Wachstum durch einen rasanten Investitionswettlauf“, so Quitzau. „Dabei dürfte die Mittelschicht in den Industrienationen weiter schrumpfen, und bei der Einkommens- und Vermögensverteilung kann es zu weiteren Konzentrationsprozessen kommen.“

Mehr Handel und mehr wirtschaftliche Verflechtung werden der Welt noch mehr Wachstum und Wohlstand bringen. „Allerdings ist eine hocheffiziente, global verflochtene Wirtschaft auch störanfälliger. Unerwartete Krisen und Konjunkturschwankungen – wie wir sie in den vergangenen Jahren mehrfach erlebt haben – dürften damit keine Ausnahme bleiben“, sagt Quitzau. Die Wirtschaftspolitik muss darauf vorbereitet sein, dass sie auch künftig im Falle einer Krise als Akteur benötigt wird. Dafür müssen finanzpolitische Reserven gebildet werden.

Globalisierung schafft Wohlstand. Über die Verteilung dieses neu geschaffenen Wohlstands wird schon länger kontrovers diskutiert. „In den Industrienationen sind Teile der Mittelschicht bereits unter Druck geraten. Die Digitalisierung der Wirtschaft wird diesen Druck weiter erhöhen. Deshalb dürften die Diskussionen über Verteilungsgerechtigkeit weiter zunehmen“, resümiert Quitzau.

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Karsten Wehmeier
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