Berenberg in der nationalen und internationalen Presse

Berenberg/HWWI-Studie: „Wir müssen den demografischen Wandel aktiv gestalten“

  • Nach Japan altert Deutschland weltweit am schnellsten
  • Bis zum Jahr 2060 schrumpft Deutschland um mindestens 16 Mio. Menschen
  • Anzahl Pflegebedürftiger steigt bis 2030 um fast 50 % 
  • Wirtschaftliches Potential im Gesundheitsmarkt, der Sport- und Freizeitwirtschaft, bei Pflegeimmobilien und bei der beruflichen Weiterbildung erwartet

Hamburg/Berlin. „Der demografische Wandel wird das Leben in Deutschland in vielen Lebensbereichen und auf mehreren Ebenen nachhaltig verändern. Deutschland wird schrumpfen, altern und aufgrund des zunehmenden Anteils an Zuwanderern immer vielfältiger werden“, sagt Dr. Jörn Quitzau, Volkswirt bei der Privatbank Berenberg. Die aktuelle Studie „Strategie 2030 – Demografie“ von Berenberg und dem Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) untersucht die Auswirkungen der alternden Bevölkerung und verdeutlicht, dass durch zukünftiges Handeln die Folgen noch maßgeblich gestaltet werden können. „Eine wesentliche Frage ist, ob es uns gelingt, den sich bereits vollziehenden Wandel aktiv zu gestalten und innovative Strategien für das Weniger-, Älter- und Vielfältiger-Sein in Wirtschaft und Gesellschaft zu entwickeln, die uns die Aufrechterhaltung unseres Wohlstandsniveaus erlauben“, sagt Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Direktor des HWWI. 

Die Ursachen des demografischen Wandels

Der demografische Wandel ist auf drei wesentliche Faktoren zurückzuführen: Erstens die Zunahme der Lebenserwartung; zweitens die konstant niedrigen Geburtenraten und drittens die in Deutschland besonders ausgeprägte historische Abfolge von geburtenstarken und geburtenschwachen Jahrgängen. Die erste Entwicklung führt insgesamt zu einer Alterung unserer Gesellschaft. Im Jahr 2030 wird die Lebenserwartung für Frauen bei fast 86 Jahren und für Männer bei über 81 Jahren liegen. Dabei steigt die Zahl der über 60-Jährigen im Jahr 2030 auf etwa 37 %. Im internationalen Vergleich altert damit nur noch Japan schneller als Deutschland. Der Alterungsprozess wird durch die niedrigen Geburtenraten noch verstärkt, da der Anteil der Jüngeren in der Gesellschaft immer weiter abnimmt. 2030 wird es aller Voraussicht nach 17 % weniger Kinder und Jugendliche als heute in Deutschland geben. Verstärkt werden diese beiden langfristigen Trends durch die dritte Entwicklung: Mit den geburtenstarken Baby-Boom-Jahrgängen der 50er und 60er Jahre wird ein wesentlicher Teil unserer Gesellschaft immer älter. „Diese besondere demografische Situation stellt Deutschland ab dem Jahre 2020, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter gelangen, für die folgenden 35 bis 40 Jahre vor enorme Herausforderungen“, so Straubhaar. Bis zum Jahr 2030 wird die Bevölkerung in Deutschland voraussichtlich von heute 81 Mio. auf rund 77 Mio. sinken, bis zum Jahr 2060 schrumpft Deutschland um weitere 12 Mio. auf 65 Mio. Menschen. 

Was bedeutet die Alterung für das Individuum?

Mit der Alterung der Bevölkerung geht auch für jeden Einzelnen eine Veränderung der Lebensphasen einher. So vollzieht sich der Übergang in den Ruhestand in alternden Gesellschaften zunehmend später und auch das mittlere Lebensalter, das Erwachsensein, unterliegt fortgesetzten individuellen Anpassungsprozessen an sich verändernde Berufsbilder und Qualifikationsanforderungen, aber auch an gesellschaftliche und familiale Rollen. Zur Aufrechterhaltung und Anpassung vorhandener Kompetenzen gewinnt das lebenslange Lernen, also die Fort- und Weiterbildung zunehmend an Bedeutung. „Wissen und Kompetenzen müssen zunehmend aktualisiert und erweitert oder aber neu ausgerichtet werden. Durch die zunehmende Individualisierung und sich lockernde Familienbande bzw. fehlende Nachkommen ist der Einzelne immer stärker auf sich allein gestellt“, erläutert Straubhaar. Zugleich steigt die aktive Lebenserwartung: Senioren werden inzwischen in zwei Gruppen aufgeteilt: die Gruppe der aktiven Senioren und die Gruppe der meist hilfe- und pflegebedürftigen Hochbetagten (80-Jährige und Ältere). Dabei wird der Anteil der pflegebedürftigen Menschen zwischen 2009 und 2030 von 2,3 Mio. auf 3,4 Mio. Menschen um 47,4 % zunehmen. Das Thema Pflege wird im Zuge der Bevölkerungsalterung dabei an Bedeutung gewinnen. 

Was bedeutet die Alterung für den Wohlstand? 

Die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter wird in den kommenden Jahrzehnten stark abnehmen. Zugleich muss die Erwerbsbevölkerung den Wohlstand für alle nicht am Arbeitsmarkt aktiven Generationen erwirtschaften – und diese Gruppe wird aufgrund der Bevölkerungsalterung in den kommenden Jahren stark wachsen. „Dies bedeutet, dass wir das Niveau unseres derzeitigen Lebensstandards nicht halten können und uns gegenüber weniger stark alternden Ländern verschlechtern werden“ so Straubhaar. „Wenn wir den Alterungsprozess komplett oder zumindest annähernd ausgleichen wollen, müssen wir die Erwerbstätigkeit verlängern sowie unsere künftige Arbeitsproduktivität erhöhen.“ Mögliche Ansatzpunkte wären zum einen mehr junge Menschen möglichst früh in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Bei einer noch stärkeren Akzeptanz etwa der Bachelor-Abschlüsse bei Studierenden und Unternehmen wären weitere Zugewinne zu erwarten. Zudem sollten laut Studie verstärkt Frauen für den Arbeitsmarkt gewonnen werden. Drittens muss erreicht werden, dass ältere Menschen ihr Arbeitsangebot länger zur Verfügung stellen. So nahm beispielsweise die Erwerbstätigenquote der 60-Jährigen zwischen 2005 und 2011 um 25 % bei den Männern und um 51 % bei den Frauen zu. Menschen mit Migrationshintergrund sind eine vierte wichtige Gruppe, deren Erwerbspotenzial verbessert werden könnte. Über die Zuwanderung junger und gut qualifizierter Arbeitskräfte ließen sich die demografischen Probleme etwas mildern. Derzeit haben etwa 20 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Schätzungen gehen davon aus, dass der Anteil der Bevölkerung in Deutschland mit Migrationshintergrund bis 2030 auf mindestens 25 % anwachsen wird. „Deutschland wird durch die Zuwanderung nicht nur vielfältiger, sondern auch vergleichsweise jünger werden als ohne Zuwanderung“, sagt Straubhaar. Eine weitere vielversprechende Strategie, das Erwerbspersonenpotenzial zu heben, stellt schließlich auch die Steigerung des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens (Produkt aus Beschäftigungszahl und durchschnittlicher Jahresarbeitszeit) dar.

Demografischer Wandel aus Branchen und Anlegersicht

Die demografische Entwicklung mit einem stark wachsenden Bevölkerungsanteil älterer Menschen stellt ein enormes wirtschaftliches Potenzial dar, das durch die Ausrichtung auf Senioren entsprechende Chancen für viele neue Produkte und Dienstleistungen und damit auch Anlagemöglichkeiten besitzt. Dies wird neben den Bereichen Gesundheit und Ernährung Sparten wie Freizeitwirtschaft, Tourismus, Sport, Kultur und Weiterbildung betreffen. Gesundheit wird nicht länger allein als Fernbleiben von Krankheiten verstanden, sondern zunehmend mit höherer Lebensqualität und Wohlbefinden verbunden. Gesundheit und Lifestyle werden immer mehr zu einem neuen „Healthstyle“ zusammenwachsen. Dadurch entstehen neue Märkte und Geschäftsmodelle. Wesentliche Bereiche dieses Gesundheitsmarktes sind Wellness, Anti Aging, Prävention, Gesundheitstourismus sowie funktionelle und ökologische Nahrungsmittel. Des Weiteren wird der gesamte Pflegemarkt in den nächsten Jahrzehnten demografiebedingt kräftig wachsen. Hiervon werden sowohl Pflegedienstleistungen als auch Pflegeimmobilien profitieren. Bezogen auf das Jahr 2030 rechnen Branchenkenner mit zusätzlichen 380.000 Pflegeplätzen. Langfristig werden voraussichtlich Einrichtungen erfolgreich sein, die eine rentable Größe (etwa 100 Bewohner) und eine hohe Auslastungsquote haben sowie über eine zeitgemäße technische Ausstattung verfügen. Neben den klassischen Pflegeheimen für ältere Menschen werden in den nächsten Jahrzehnten andere Formen des Betreuten Wohnens, wie Haus- und Wohngemeinschaften, Mehrgenerationenhäuser oder Alten WG-s an Bedeutung gewinnen. Auch werden Altersgerechtes Wohnen und Wohntechnik, die gesund hält, in den Szenarien der Zukunftsforscher eine immer wichtigere Rolle spielen. „Die mit dem Älterwerden verbundenen Bedürfnisse werden erhebliche Nachfrage nach neuen Dienstleistungen und innovativen IT-Lösungen bewirken. Anleger können durch entsprechende Investments an dieser Entwicklung teilhaben“, sagt Berenberg-Volkswirt Jörn Quitzau. Neben einem Einzelengagement besteht die Möglichkeit zur Bündelung von Anlagen über Pflegefonds. Für ein breiter aufgestelltes Portfolio bieten Investmentfonds mit Schwerpunkt im Gesundheitsbereich die Möglichkeit, am demografischen Wandel zu partizipieren. 

Leiter Unternehmens-Kommunikation

Karsten Wehmeier
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