Schwere Zeiten für Hamburg

Schlimmer kann es eigentlich nicht kommen. Inflation und Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise, Bankenkrise, zwei alles verheerende Weltkriege mit Millionen Toten, zweifacher totaler Zusammenbruch von Wirtschaft und staatlicher Ordnung, Hunger, Elend, Flucht und Vertreibung, zerbombte Städte, dazu die nahezu völlige Zerstörung der Infrastruktur und der industriellen Produktion. Und schließlich die Währungsreform, die alles noch einmal auf den Kopf stellt, die Stunde null.
Die erste Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts stellte auch das Bankhaus Joh. Berenberg, Gossler & Co. vor extreme Herausforderungen. Und es war ein Mann, der sie annehmen musste, der die Verantwortung zu tragen hatte und Entscheidungen treffen musste, deren Folgen nicht absehbar waren, weil es für sie in der Geschichte keine Erfahrungswerte gab.
Als Cornelius von Berenberg-Gossler nach dem Tod seines Vaters 1913 die Verantwortung für das Familienunternehmen übernahm, steuerte das Deutsche Kaiserreich schon auf die erste Katastrophe zu. Der Privatbankier und Familienvater, seit 1898 verheiratet mit Nadia Clara von Oesterreich, war fast vierzig Jahre alt und keineswegs unerfahren. Sechzehn Jahre lang hatte er als Teilhaber an der Seite seines Vaters John von Berenberg-Gossler an der Spitze der Firma gestanden.

Mit dem Tode des Vaters geht auch der mit dem Familienbesitz in Niendorf verbundene Freiherrntitel auf ihn über. Der neue Freiherr ist ein respektiertes und ehrenwertes Mitglied der Hamburger Gesellschaft und (seit 1907) Generalkonsul des Königreichs Bayern in Hamburg, ein homo politicus, im Herzen Monarchist, im Geist liberal, und trotz realistischer Einschätzung der politischen Entwicklungen voller Hoffnung auf den Sieg der Vernunft. Dies lässt sich aus den oft lakonischen, in knapper Sprache gehaltenen Eintragungen in seinem Tagebuch ablesen, das er bis ans Ende seines Lebens führt.

Für den Kriegsdienst ist er aus gesundheitlichen Gründen nicht geeignet. Also meldet er sich und seinen 50 PS starken Mercedes als motorisierte Einheit für Hilfslieferungen an die Fronten im Osten und im Westen und bringt den Soldaten „Liebesgaben“ aus der Heimat. Zeitweise arbeitet er als Delegierter des Roten Kreuzes in Wilna.

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches schließt er sich Gustav Stresemanns Deutscher Volkspartei (DVP) an. Der spätere Außenminister, zeitweise (1923) auch Reichskanzler der Weimarer Republik, hatte sie als Nachfolgepartei der Nationalliberalen Partei gegründet. Sie kommt allerdings nur einmal (1920) über 13 Prozent der Wählerstimmen.
Das Deutsche Reich liegt am Boden. Mühsam kommt die Wirtschaft wieder in Gang. Aber Geld ist nichts wert. Weihnachten 1920 bekommen die Angestellten der Firma Joh. Berenberg, Gossler & Co. ein Paket mit Mehl, Reis, Speck und anderen Nahrungsmitteln. Die Inflation wird zur Hyperinflation. Im August 1923 zahlt Cornelius für eine Straßenbahnfahrt nach Niendorf 200 000 Reichsmark, wie er in seinem Tagebuch notiert, im September kostet ein Pfund Butter schon 40 Millionen, im Deutschen Reich arbeiten 135 Druckereien und 35 Papierfabriken an der Herstellung neuer Banknoten; im Bankhaus Berenberg sind 400 Angestellte mit Prüfen und Zählen des Notgeldes beschäftigt. „Nullenschreiberei“ schafft Arbeitsplätze.

Zur Stabilisierung des Wirtschaftssystems wird 1923 in Hamburg eine Bank gegründet, die durch Gold gedeckte Zahlungsmittel herausgibt, die Hamburgische Bank von 1923. Vorsitzender des Aufsichtsrates ist Cornelius, Vorstandsvorsitzender sein Bruder John, ehemaliger Botschafter des deutschen Reiches in Rom.

Die Privatbank der Familie Berenberg hat dank guter Auslandsverbindungen die Krise sicher überstanden und schreibt solide Bilanzen. Aber Cornelius erkennt, dass die Wirtschaft nur scheinbar floriert und macht sich Sorgen um die Zukunft des Familienunternehmens. 1929 bricht in New York die Börse zusammen, die Schockwelle erfasst das Kreditgewerbe, nur wer stark ist, kann überleben. Cornelius suchte 1930 die Zusammenarbeit mit einem größeren Partner und verbindet sein Haus mit der befreundeten Darmstädter und Nationalbank (Danatbank). Doch die wird 1931 von der deutschen Bankenkrise erfasst, und auf Weisung der neu gegründeten Bankenaufsicht in die Dresdner Bank integriert. Cornelius gelingt es, die Berenberg-Anteile zurückzuerhalten und die Unabhängigkeit zu bewahren.

Angesichts der politischen Entwicklung zieht er 1932 das traditionell im Außenhandel engagierte Haus aus dem aktiven Bankgeschäft zurück. Der erstarkende Nationalsozialismus ist ihm zuwider. „Ich schäme mich vor meinen Bekannten wegen der Maßnahmen der Nazis gegen die Juden“, notiert er am 1. April 1933 in sein Tagebuch.
Jüdische Freunde, darunter Paul Salomon, Filialdirektor der Dresdner Bank, raten ihm, in die NSDAP zu gehen, damit dort Menschen wirken, die nicht antisemitisch seien. Die DVP hat sich aufgelöst. Cornelius entscheidet sich daraufhin, in die NSDAP einzutreten. Nach wenigen Monaten erklärt er 1934 seinen Austritt, den er mit dem Antisemitismus der Partei begründet. Er lebt zurückgezogen in Niendorf, tritt aus den zunehmend gleichgeschalteten Clubs und Vereinen und auch aus dem Kirchenvorstand aus. Er bleibt auf Distanz. „Lieber ein kleiner, anständig geführter Staat als ein solch großes Reich, wie Deutschland es heute ist, ohne Recht und Anstand, mit einer Regierung von Räubern und Mördern“, notiert er 1938 nach dem Einmarsch ins Sudetenland und dem Anschluss Österreichs. Er unterstützt bedrohte Geschäftsfreunde, verhilft einigen zur Flucht.

Die Firma führt er nicht mehr allein. 1935 hat er seinen Sohn Heinrich als Teilhaber aufgenommen. Im Juni 1942 fällt sein ältester Sohn Johann als Regimentsarzt in Nowgorod,
der jüngste, Hellmuth, wird schwer verwundet. Die Firma Joh. Berenberg, Gossler & Co. übersteht die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft als Holdinggesellschaft, in der die Beteiligungen der Firma zusammengefasst sind, darunter zwei kleinere Privatbanken, die im Vermögensverwaltungsgeschäft tätig sind.

Am 3. Mai 1945 marschieren englische Truppen in Hamburg ein. „Nun heißt es, mit den Folgen des Krieges fertig zu werden und allmählich zu versuchen, den Kindern bei dem Aufbau ihrer Zukunft zu helfen“, schreibt der 71jährige. Hamburg ist zur Hälfte zerstört, der Hafen, Lebensader der Stadt, funktionsunfähig. 2900 Wracks liegen in den Becken und in der Elbe. Gemeinsam mit seinem Sohn Heinrich beschließt er, das Bankgeschäft wieder aufzunehmen. Sie übernehmen die Hamburger Filiale der Norddeutschen Kreditbank in Bremen, da sich die Bremer wegen des Bizonengesetzes davon trennen mussten. Im Gegenzug erhält die Norddeutsche Kreditbank eine Beteiligung am Bankhaus Berenberg.

1948, unmittelbar nach der Währungsreform, öffnet das alte Familienunternehmen seine Schalter im neuen Domizil am Alten Wall 32. Alte Freundschaften im Ausland werden schnell wieder aktiviert und auch die Wirtschaft nimmt Fahrt auf. Vor dem Bankhaus liegt ein weites Betätigungsfeld, die Industrie beginnt mit der Produktion, der Außenhandel
öffnet sich, alte Stammkunden kehren zurück. Das Wirtschaftswunder kündigt sich an.

Es ist vollbracht. Am 29. September 1953 stirbt Cornelius Freiherr v. Berenberg-Gossler nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 79 Jahren. Auf seinem Grabstein in Niendorf steht: „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben. Sie ruhen aus von ihrer Arbeit, und ihre Taten folgen ihnen nach“.

Berenberg Wappen