Ein Streitgespräch zwischen Dr. Holger Schmieding und Prof. Dr. Hans-Werner Sinn

Zu einem Streitgespräch über die Zukunft Europas und die Rolle der EZB kamen zwei der profiliertesten Volkswirte Deutschlands in einer Veranstaltung unserer Niederlassung Stuttgart zusammen. Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts, und Berenberg-Chefvolkswirt Dr. Holger Schmieding vertraten gegensätzliche Ansichten. Berenberg-Chef Dr. Hans-Walter Peters und Niederlassungsleiter Oliver Holtz konnten 200 Gäste begrüßen.
 
Während Professor Sinn die These vertrat, dass die EZB ihr Mandat durch einen möglichen Ankauf von Staatsanleihen mit unabsehbaren Folgen und Haftungsrisiken für den Steuerzahler verletzen würde und damit auch nur an der Oberfläche des eigentlichen Problems der Eurostaaten kratze, sah Herr Dr. Schmieding das Eingreifen der EZB als notwendige Maßnahme an, ein Abgleiten der gesamten Eurozone in eine immer tiefere Rezession mit entsprechenden Deflationsgefahren zu verhindern. Die EZB könne nicht Strukturreformen ersetzen,  aber sie könne und müsse Rezessionen beenden und Turbulenzen eingrenzen. So hat sie im Sommer 2012 wieder Vertrauen in die Zukunft des Euros schaffen können, ohne eine einzige Anleihe kaufen zu müssen.
 
Laut Dr. Schmieding handelt die EZB daher angemessen und teilweise vielleicht sogar zu zögerlich, um die Eurozone vor Deflationsgefahren zu bewahren – für Professor Sinn dagegen verhindere gerade die Geldpolitik als „Schmerzmittel“ oder Placebo dringend notwendige Reformen, um fundamentale Strukturprobleme zu lösen.
 
In einem Punkt waren sich die beiden Experten jedoch einig: Die Industrienationen müssen das Problem der hohen Staatsdefizite angehen. Jedoch gingen auch hier die vorgeschlagenen Lösungsansätze weit auseinander. Laut Dr. Schmieding sind die alle Länder, denen der Deutsche Bundestag bisher Hilfskredite gewährt hat, dank harter Einschnitte und Reformen jetzt auf dem richtigen Weg. Die Reformen beginnen zu wirken – allerdings wird es ähnlich wie bei der deutschen Agenda 2010 mehrere Jahre dauern, bis der volle Erfolg sichtbar wird. Bemerkenswert an dieser Stelle war, dass sowohl die USA und Japan als auch Großbritannien mehr sparen müssen als viele Eurokrisenländer. 
 
Professor Sinn dagegen sprach sich dafür aus, dass es eine dauerhafte Lösung nur mit einer Schuldenkonferenz geben könne mit dem Ziel, einen Teil der Schulden zu erlassen. Zusätzlich müssen seiner Meinung nach temporäre Austritte nicht wettbewerbsfähiger Länder aus der Währungsunion möglich gemacht sowie härtere lokale Budgetbeschränkungen für die Zentralbanken eingeführt werden.

DR. HOLGER SCHMIEDING ...

... ist Chefvolkswirt von Berenberg und einer der bekanntesten Bank-Ökonomen. Mehrfach wurde er für die Genauigkeit seiner Vorhersagen ausgezeichnet. So wurde er in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge von mehr als 16.000 internationalen Finanzexperten beim Thomson Reuters  Extel Survey zum besten Volkswirt Europas gewählt. Er hat unter anderem am Kieler Institut für Weltwirtschaft und beim Internationalen Währungsfonds gearbeitet. Bevor er zu Berenberg kam, war er als Chefvolkswirt Europa für die Bank of America Merrill Lynch tätig.

PROF. DR. DR. H.C. MULT. HANS -WERNER SINN ...

... ist seit 1999 Präsident des ifo Instituts in München und seit 1991 Direktor des Center for Economic Studies (CES) der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) und Geschäftsführer der CESifo GmbH. Er studierte VWL in Münster; 1978 folgte die Promotion und 1983 die Habilitation an der Universität Mannheim. Seit 1989 ist Sinn im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium tätig und war von 2006 bis 2009 Präsident des International Institute of Public Finance, des Weltverbandes der Finanzwissenschaftler.

 

Foto: Romy Bonitz, ifo Institut

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