Wirtschaftlicher Boom in Hamburg – dank John B.

John B. führt das Unternehmen gemeinsam mit seinem Vetter Ernst Gossler sicher in eine Phase dynamischen Aufschwungs, sieht sich aber zugleich einem elementaren Konflikt gegenüber, der das politische Leben der Freien und Hansestadt Hamburg aufwühlt. Es geht um den wachsenden Einfluss Preußens und des mächtigen Reichskanzlers Otto von Bismarck, der nicht hinnehmen will, dass Hamburg sich ein Jahrzehnt nach der Reichsgründung beharrlich weigert, der Zollunion beizutreten.

John B. und Vetter Ernst sind sicher, dass Bismarck diesen Widerstand brechen wird, wollen aber so viel wie möglich herausholen: Wenn Hamburg schon vom Deutschen Reich geschluckt werden soll, dann braucht es einen Freihafen als zollfreie Zone, in dem Waren verladen und veredelt werden können.

Doch im republikanischen Hamburg stehen John und sein Vetter als Freunde Preußens auf verlorenem Posten. Zu stark ist der antipreußische Reflex in der freiheitsliebenden Stadt und ihren stolzen Familien verankert. John B. sieht sich allein auf weiter Flur, tritt als Vorsitzender der Handelskammer zurück und verlässt die Institution im Groll.

Bismarck vermeidet geschickt, die Hanseaten zu provozieren, setzt auf Diplomatie. Er bietet den Hamburgern einen Freihafen, wenn sie der Zollunion beitreten. Doch die Hanseaten bleiben stur. Dass John B. sich nun mit einer Eingabe direkt an den Reichskanzler wendet, macht ihn in der Stadt nicht beliebter.

Bismarck antwortet ihm in einem persönlichen Schreiben, erneuert sein Versprechen einer zollfreien Zone. John B. lässt den Briefwechsel in den „Hamburger Nachrichten“ veröffentlichen. Ein Sturm der Entrüstung bricht los. In einer Unterschriftensammlung in der Börse protestieren die „Partikularisten“, die Streiter für ein unabhängiges Hamburg.
Unter den mehr als 1700 Unterschriften finden sich die ersten Namen der Stadt: Amsinck, Chapeaurouge und Edye, Hudtwalcker, Lutteroth und Merck, Möring, Münchmeyer und Nottebohm, Pinckernelle, Schröder und Tesdorpf, Warburg, Westphal und Willink. Auch Hapag und Hamburg Süd, die Aktiengesellschaften, an denen Berenberg, Gossler & Co. beteiligt sind, legen ihr Veto ein. Aber John B. und sein Vetter haben die Realitäten richtig eingeschätzt. In vertraulichen Verhandlungen wird beschlossen: 1882 tritt Hamburg der Zollunion bei und erhält seinen Freihafen. Big Deal: Das Reich trägt 40 Millionen der auf 106 Millionen Mark geschätzten Kosten für die neuen Hafenanlagen. Die Zollverwaltung wird hamburgischen Behörden unterstellt, mehr ist nicht drin.

Nun kommt die Stadt in Bewegung. Um Platz für den neuen Freihafen zu schaffen, werden ganze Stadtteile abgerissen und verlegt. Die Schifferkneipen auf dem Kehrwieder und die Kaufmannsviertel Am Wandrahm und Holländischer Brook werden abgeräumt, Kaufmannshäuser und Wohnquartiere verschwinden, rund 24 000 Menschen werden umgesiedelt, finden in Eimsbüttel und Barmbek, Rothenburgsort und Hohenfelde eine neue Bleibe in eilig errichteten Mietshäusern, allerdings fern von ihrem Arbeitsplatz.

Die Speicherstadt wird errichtet, ein unverwechselbares Monument hanseatischen Kaufmanngeistes, grundsolide und nah am Wasser gebaut, rotgeklinkerte Kommerzgotik auf Eichenpfählen, eine Sehenswürdigkeit mit ansehnlicher Patina, heute noch der größte Lagerkomplex dieser Art weltweit.

Am 15. Oktober 1888 wird der neue Freihafen fertig, vierzehn Tage später eröffnet ihn Wilhelm II., eine der ersten Amtshandlungen des jungen Kaisers. Hamburg erlebt einen beispiellosen Boom, der Freihafen wird zum Motor der wirtschaftlichen Entwicklung. Berlin weiß, wem es Dank schuldet. John B. Gossler wird für seinen heroischen Einsatz in den erblichen preußischen Adelsstand erhoben, der Senat erteilt ihm die Erlaubnis, künftig dem Namen Berenberg-Gossler ein „von“ hinzuzufügen. Ohne diese Zustimmung hätte er nicht Mitglied der Bürgerschaft sein dürfen. Der Adel ist nämlich von der Mitwirkung an der Regierung der Hansestadt ausgeschlossen. In Hamburgs alten Familien wird der Aufstieg eher belächelt.

Von Johann Heinrich Burchard, seit 1904 Bürgermeister in Hamburg (sein Vater war übrigens Teilhaber des Bankhauses Joh. Berenberg, Gossler & Co.), stammt das geflügelte Wort: „Ein Hamburger Kaufmann kann überhaupt nicht erhoben werden.“ Allerdings hatte er es anlässlich der „Erhebung“ des Kaufmanns Schröder geäußert. Entsetzen zeigt auch die Reaktion von Johns Schwester Susanne Amsinck: „Aber John, unser guter Name.“ Der gute Name wird 1910 noch einmal verlängert. Nun ist John B. auch noch Freiherr. Freiherr John von Berenberg-Gossler stirbt 1913.

Sein zehn Jahre jüngerer Bruder John Henry überlebt ihn nur um ein Jahr. Er hatte, nach dem schmachvollen Ausscheiden aus dem Familienunternehmen, einen Neustart geschafft, und – mit finanzieller Unterstützung seiner Mutter – eine neue Existenz als Teilhaber des Unternehmens Warnholtz & Gossler aufgebaut. Anscheinend hat er dabei ganz gut verdient, denn er erwirbt auf dem Krähenberg im heutigen Stadtteil Hamburg-Blankenese ein Traumgrundstück in höchster Lage. Der Gossler Park trägt noch heute seinen Namen.

Frühling in Hamburg. Weiß leuchtet das Gosslerhaus in der Sonne, ein Juwel des dänischen Architekten Carl Frederik Hansen, vielleicht der schönste seiner klassizistischen Bauten in Hamburger Parks. 1796 als Landhaus Blacker erbaut, erhält es 1897 seinen neuen Namen. Später wird es Eigentum der Gemeinde Blankenese. Jetzt soll es, nach liebevoller Renovierung durch einen privaten Gönner, in die Hände der Claus-Schümann-Stiftung übergehen. Zu den neuen Hauptmietern soll die Bucerius Law School gehören, die Horst-Janssen-Bibliothek findet dort ihr Domizil, und auch Trauungen sollen dort vollzogen werden. Ein Platz, an dem Familiengeschichten ihren Anfang nehmen. Schöner kann man kaum heiraten.

Berenberg Wappen