05.03.2020 — AKTUELLES - WIRTSCHAFTLICHE FOLGEN DES CORONAVIRUS-AUSBRUCHS

WIRTSCHAFTLICHE FOLGEN DES CORONAVIRUS-AUSBRUCHS
1. Der besorgniserregende Anstieg der Coronavi-rus-Infektionen in Europa und Südkorea sowie die starke Korrektur an den Aktienmärkten in der vergangenen Woche werden auch in der Wirtschaft deutliche Spuren hinterlassen. Wir haben einige unserer Prognosen angepasst, um die zu erwartenden Folgen für die Weltwirtschaft zu berücksichtigen. Wir glauben weiterhin, dass der angerichtete Schaden zwar spürbar aber zeitlich begrenzt sein wird.
2. Wir erwarten, dass die virusbedingten Störungen sowohl die gesamtwirtschaftliche Nachfrage als auch das Angebot in den betroffenen Regionen einschränken und das weltweite Geschäftsklima und Verbrauchervertrauen  in den nächsten zwei bis drei Monaten schwer belasten werden. Im Anschluss dürfte das Wachstum langsam zu seinem Trend zurückkehren. Ein Teil der wirtschaftlichen Einbu-ßen, die sich aus den unterbrochenen Lieferketten ergeben, könnte im weiteren Verlauf des Jahres zumindest teilweise wieder aufgeholt werden.
3. Nachdem wir unsere Prognosen für das BIP-Wachstum in der Eurozone im ersten und insbesondere im zweiten Quartal nach unten revidiert haben, erwarten wir für das Gesamtjahr nur noch einen Zuwachs von 0,5 % statt 1 %. Während die Wirtschaft der Eurozone im ersten Halbjahr 2020 in etwa stagnieren dürfte, könnten das stark betroffene Italien und das exportorientierte Deutschland vorübergehend in eine technische Rezession geraten. Wir haben unsere Wachstumsprognose für Großbritannien in diesem Jahr von 1,7 % auf 1,3 % gesenkt. Für die US-Wirtschaft erwarten wir mittlerweile nur noch 1,8% Wachstum dieses Jahr (2,1 % zuvor).
4. Ein vorübergehender Schock: Unsere grundsätzliche Sicht auf die Weltwirtschaft bleibt unverändert. Die Welt steht nicht vor einer Finanzkrise. Die mögliche Pandemie ist ein schwerer aber vorübergehender Schock für die Realwirtschaft, aber kein Grund für eine Finanzkrise. Da die entwickelte Welt nicht unter gravierenden Exzessen leidet, die eine reinigende Rezession erfordern würden, können sich die Volkswirtschaften erholen, sobald der Coronavirus-Schock nachlässt. Die vorausschauenden Finanzmärkte sollten wie üblich bereits etwas davor nach oben drehen. Trotz der kurzfristigen Abwärtsrisiken sehen wir keinen Grund für eine Panik an den Finanzmärkten.
5. Zentralbanken sind einsatzbereit und haben teilweise bereits reagiert. Sie sind sich der möglichen Belastungsproben für das Finanzsystem bewusst und werden versuchen, etwaige Abwärtsspiralen sofort zu stoppen. Die Fed hat schon geliefert: Sie hat am Dienstag ihren Zins um 50 Basispunkte auf 1–1,25 % gesenkt. Die Bank of England (BoE) wird vermutlich folgen – mit einer Zinssenkung um 25 Basispunkte bei ihrer nächsten Sitzung am 26. März. Die Volkswirtschaften der USA und Großbritanniens reagieren empfindlich auf die Vermögens- und Vertrauenseffekte größerer Schocks an den Aktienmärkten. Obwohl die Eurozone stärker von den direkten Auswirkungen des Virus betroffen ist, reagiert sie weniger empfindlich auf Schocks an den Aktienmärkten als die US-amerikanische oder britische Wirtschaft. Die unerwünschten Nebenwirkungen von negativen Zinssätzen sowie das knappe Angebot an erwerbbaren Anleihen schränken mögliche Handlungsspielräume der Europäischen Zentralbank (EZB) ein. Die EZB hat bislang nur betont, dass sie bereit ist, falls erforderlich, angemessene Maßnahmen zu ergrei-fen. Von der EZB erwarten wir nächste Woche, dass sie sich darauf beschränken wird, es den Banken zu erleichtern, gezielt Liquidität für kleinere und mittelgroße Unternehmen bereitzustellen. Wir sehen eine Wahrscheinlichkeit von 40 %, dass sie auch ihren Einlagensatz senkt. Sollte sich die Situation indes (bis dahin) weiter wesentlich verschlechtern, und/oder der neuerliche Höhenflug des Euros relativ zum US-Dollar anhalten, könnte die EZB ihren Einlagenzinssatz von –0,5 % auf –0,6 % senken und dabei die Freibeträge groß-zügiger gestalten, damit das Paket den Bankensektor nicht belastet. Sie könnte sich darüber hinaus dazu entschließen, den Umfang der monatlichen Anleihekäufe hochzufahren und dabei vor allem mehr Unternehmensanleihen erwerben. Im unwahrscheinlichen Extremfall einer tiefen Krise könnte sie sogar dazu übergehen, auch Bank-anleihen oder sogar Aktien zu erwerben.