22.01.2019 — BERENBERG/HWWI-Studie "Staatsschulden"

STAATSSCHULDEN - DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
Die globale Finanzkrise hat in den meisten Ländern zu einem kräftigen
Anstieg der Staatsschulden geführt. Konjunkturprogramme und das
Stützen angeschlagener Banken haben viel Geld gekostet. Deutschland hat
in den letzten Jahren den Schuldenstand zurückführen können. Die meisten
anderen Länder sitzen allerdings nach wie vor auf einem hohen Schuldenberg.

Risikofaktor 1: Konjunktur- und Wachstumseinbruch. Aufgrund der
guten Weltkonjunktur ist das Schuldenthema in den vergangenen Jahren
etwas aus dem Fokus geraten. Gelöst ist die Problematik damit aber nicht.
Unterschiedliche Faktoren könnten grundsätzlich zu einer neuen Schulden-
krise führen. Die Zeit ist dafür aber wohl noch nicht reif. Aufgrund des
soliden gesamtwirtschaftlichen Umfelds wird es voraussichtlich noch einige
Zeit dauern, bevor Schulden wieder zu einem größeren Thema für die
Finanzmärkte werden.

Risikofaktor 2: Zinsanstieg. Mit der strafferen Geldpolitik steigen
auch die Kapitalmarktzinsen. Damit verteuern sich die Finanzierungskosten
der Staaten, und die Schuldenlast beginnt wieder etwas stärker zu drücken.
Allerdings sprechen strukturelle Gründe dafür, dass die Zinsen auch bei
einer strafferen Geldpolitik nur moderat und nicht sprunghaft steigen. Zu-
dem wirken sich höhere Zinsen nur sukzessive und somit zeitverzögert aus,
weil ein großer Teil der Schulden zu niedrigen Zinsen mit längeren Lauf-
zeiten finanziert ist. Ein unmittelbares Risiko stellen steigende Zinsen also
noch nicht dar.

Risikofaktor 3: Vertrauenskrise. Auch wenn von den aktuell niedrigen
Zinsen das Signal ausgeht, die hohen Schuldenstände seien unproblematisch,
ist grundsätzliche Wachsamkeit geboten. Die Stimmung kann
ohne lange Vorwarnzeit kippen und die Zinsen in die Höhe treiben.

Risikofaktor 4: Ansteckung. Die Eurozone ist inzwischen weniger
anfällig für das Übergreifen einer Krise von einem Land auf andere Länder
als zu Zeiten der Eurokrise. Dagegen sind insbesondere Schwellenländer
nennenswerten Ansteckungsgefahren ausgesetzt. Die größte Gefahr geht
aber von großen Ländern wie Japan und den USA aus. Sollten diese Länder
das Vertrauen der Finanzmärkte verlieren, würden andere Länder aufgrund
der internationalen Verflechtung mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Schul-
densog hineingezogen werden.

Risikofaktor 5: Auslandsschulden. Schwellenländer, die sich in ho-
hem Maße in ausländischer Währung verschuldet haben, unterliegen einem
zusätzlichen Wechselkursrisiko. Immer wieder führt ein steigender Dollarkurs
zu der Sorge, Schwellenländer könnten die in Dollar finanzierten
Schulden nicht zurückzahlen.

Risikofaktor 6: Demografie. Das Durchschnittsalter in vielen westlichen
Gesellschaften steigt – mit negativen Folgen für die wirtschaftliche
Dynamik und für die öffentlichen Finanzen. Trotzdem dürfte der demografische
Wandel kurzfristig kein und mittelfristig nur ein sehr begrenztes
Gefahrenpotenzial darstellen. Als Auslöser für die nächste Krise kommt die
Demografie kaum infrage.

Eine umfassende Schuldenkrise ist trotz der hohen Schulden nach
unserer Einschätzung vorerst nicht zu erwarten, wenn die Welt noch ein bis
zwei gute Konjunkturjahre erlebt. Für den nächsten Abschwung ist jedoch
Vorsicht geboten. Italien könnte das erste Land sein, das in der nächs ten
Rezession in ernsthafte Schwierigkeiten gerät, sofern die Regie rung nicht
vorher von ihren wirtschaftspolitischen Plänen abgerückt ist. Mittel fristig
müssen auch die USA ihre Staatsfinanzen konsolidieren – was der größten
Volkswirtschaft der Welt in der Vergangenheit aber schon mehr fach gelun-
gen ist. Und langfristig wird Japan zeigen müssen, wie der Schul den berg
be wältigt werden kann. Die Zentralbank allein kann nicht die Lösung sein.