18.06.2018 — Wirtschaft und Finanzmärkte | Sommer 2018 | Eine transatlantische Kluft

WACHSTUMSDELLE IN EUROPA
Nach einem außerordentlich erfolgreichen Jahr 2017 hat sich der Ausblick für Wirtschaft und Finanzmärkte außerhalb der USA in den vergangenen Monaten eingetrübt. Sorgen vor einem Handelskrieg mit Washington, das rüpelhafte Benehmen des US Präsidenten und der Aufstieg einer radikal-populistischen Regierung in Italien belasten die Stimmung insbesondere in Europa, während die US-Konjunktur robust bleibt. Aus drei Gründen zeigen die Wirtschaftsdaten derzeit eine transatlantische Kluft an: Erstens gleichen in den USA eine umfangreiche Steuerreform und der Abbau von Regulierungen den Schaden aus, den die Handelsstreitigkeiten ansonsten auch dort anrichten würden. Zweitens beflügelt der etwas höhere Ölpreis in den USA die Investitionen im dort wichtigen Energiesektor, während in Europa fast nur die höheren Energiekosten für Verbraucher und Unternehmen zu Buche schlagen. Drittens spielt die Sorge um die finanzielle Stabilität Italiens jenseits des Atlantiks keine Rolle. Allerdings sprechen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter für einen anhaltenden Aufschwung auch in Europa. Die rasch zunehmende Beschäftigung in nahezu allen Ländern der EU, der Wiederaufstieg der einstigen Krisenländer Randeuropas und die Reformerfolge in Frankreich stützen das Wachstum. Sofern die Handelsstreitigkeiten mit den USA und die politischen Risiken in Italien (oder sogar Deutschland?) nicht dramatisch eskalieren, wird die Konjunktur in Deutschland und Europa die aktuelle Delle im Herbst überwinden können. Ein leichter Rückgang der Ölpreise dürfte ebenfalls helfen. Dann kann sich die transatlantische Kluft wieder weitgehend schließen. Der Ausblick für die Schwellenländer bleibt durchwachsen. China ist trotz latenter Schuldenprobleme weiter stabil. Anderen Ländern in Asien kommt die robuste Nachfrage aus den USA und China zu Gute. Allerdings leiden Länder wie die Türkei unter hausgemachten Problemen. Bei steigenden US-Zinsen und einer gewissen Risikoscheu vieler Anleger könnten Länder mit hohen Auslandsschulden unter Druck geraten. Trotz einer hohen Nachfrage nach Arbeitskräften nimmt der Lohndruck in den USA, Deutschland und der Eurozone nur langsam zu. Deshalb können die Notenbanken ihre behutsame Geldpolitik beibehalten. Während die US-Notenbank Fed im September und Dezember 2018 ihren Leitzins um jeweils weitere 0,25 Prozentpunkte anheben dürfte, wird die EZB ihre Nullzinspolitik wohl erst im Herbst 2019 beenden. Ein Ende der Wachstumsdelle in Europa, das wir für Herbst 2018 erwarten, würde Aktienmärkte und den Euro stützen und mit einem Anstieg der Anleiherenditen ein-hergehen. Insgesamt bieten Aktienmärkte mit solidem Gewinnwachstum selbst bei leicht abnehmenden Bewertungen noch Potenzial. Die Vielzahl von Risiken – insbesondere Handelskrieg und Italien – dürfte immer wieder für Volatilitätsspitzen sorgen. Ein taktisch antizyklisches Verhalten bleibt deshalb wichtig. Auch wenn der zu erwartende Anstieg der Renditen sich mangels großer Inflationsgefahren in Grenzen halten wird, lassen Anleihen sicherer Häfen vorerst keinen positiven Gesamtertrag erwarten.