13.06.2017 — Berenberg/HWWI-Studie: Der Markt für digitale Bezahlsysteme wächst - Deutschland beim mobilen Bezahlen Schlusslicht

  • Digitalwährungen wie Bitcoin noch nicht ausgereift
  • Bargeld beliebtestes Zahlungsmittel in Deutschland

Hamburg. Die zunehmende Digitalisierung des Lebens macht auch vor den Bezahlsystemen nicht halt. Aufgrund der vielfältigen digitalen Möglichkeiten ist inzwischen sogar eine Wirtschaft ohne Bargeld vorstellbar. „Trotz aller technischen Alternativen sehen wir das Bargeld aber noch nicht vor dem Aus“, sagt Dr. Jörn Quitzau, Volkswirt bei Berenberg, in der aktuellen Studie „Die Zukunft des Geldes – Das Geld der Zukunft“ des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und der Privatbank Berenberg. „Wir halten die vollständige Abschaffung des Bargeldes in den nächsten Jahren weder für sehr wahrscheinlich noch für wünschenswert. Die Bürger sollten frei darüber entscheiden können, ob sie Bargeld oder andere Zahlungssysteme einsetzen.“
 

Blockchain, Bitcoin, Fintechs – der digitale Wandel rüttelt zuweilen an den Grundfesten der Finanzbranche. Aufgrund der Vielzahl neuer Bezahlmöglichkeiten ist sogar das Symbol des Finanzsektors, nämlich das Bargeld, in seinem Bestand gefährdet. Die Diskussion über eine Welt ohne Bargeld hat längst begonnen. Dabei spielen allerdings die technischen Innovationen nicht die einzige Rolle – in den vergangenen Jahren ließen vor allem geldpolitische Gründe das Bargeld in schlechtem Licht erscheinen: Die Geldpolitik sei mit negativen Zinsen noch wirkungsvoller, wenn die Wirtschaftsakteure dem Negativzins nicht durch die Flucht ins Bargeld ausweichen könnten. Damit könne die Konjunktur besser stimuliert werden. „Wir halten die Argumentation jedoch für kaum sachgerecht. Es wäre ein gefährliches Experiment, auf ein vorübergehendes konjunkturelles Problem mit einem tiefen strukturellen Einschnitt in unser bewährtes Geldsystem zu reagieren“, sagt Quitzau.
Trotz aller Kritik und trotz aller technischen Alternativen steht das Bargeld noch nicht vor dem Aus. „Die hohe Popularität zeigt, dass sich Bargeld im Wettbewerb der unterschiedlichen Bezahlsysteme – zumindest in Deutschland – bisher durchgesetzt hat. Letztlich bedeutet Bargeld auch ein Stück Freiheit, denn in einer bargeldlosen Gesellschaft wäre der Konsument vollkommen transparent“, sagt Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor des HWWI.


Digitale Bezahlsysteme verändern das Zahlungsverhalten


Das Zahlungsverhalten im In- und Ausland wird sich dennoch weiter verändern. Der digitale Fortschritt macht den Bezahlvorgang in vielen Bereichen schneller und einfacher. Vier Innovationen spielen eine besondere Rolle: (1) Kontaktloses Bezahlen, (2) Mobiles Bezahlen, (3) Peer to Peer(P2P)-Zahlungen (Transaktionen zwischen Gleichgestellten) und (4) Instant-Payment (Bezahlen in Echtzeit). Alle vier sind digitale Alternativen zum Bargeld und setzen an der bestehenden Infrastruktur von Geschäfts- und Zentralbanken sowie den Anbietern von Kreditkarten an. Sicherheit, Transparenz, niedrige Kosten und die einfache Handhabung sind für die Akzeptanz beim Verbraucher besonders wichtig. Deutschland bildet beim kontaktlosen und mobilen Bezahlen im internationalen Vergleich das Schlusslicht. Auch die Verwendung von mobilen Zahlungs-Apps steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen. Vor allem Sicherheitsbedenken bremsen eine breite Akzeptanz beim Verbraucher. „Die möglichen Risiken, die ein vollkommen „gläserner“ Kunde mit sich bringt, sind heute noch nicht vollständig erkennbar“, sagt Vöpel.


Virtuelle Währungen auf dem Vormarsch


Für besondere Schlagzeilen sorgen derzeit innovative Bezahlsysteme, die sich abseits der bestehenden Geld- und Währungsstrukturen entwickeln: Digital- bzw. Kryptowährungen. Prominentester Vertreter ist der Bitcoin mit einem Marktanteil von rund 80 Prozent. Das „neue Geld“ wird nicht zentral von einer Zentralbank, sondern dezentral von einem Netzwerk geschaffen. Allerdings spielen Digitalwährungen in Deutschland gegenwärtig noch keine Rolle. Die mediale Aufmerksamkeit bekommt der Bitcoin wegen seiner beeindruckenden Wertentwicklung. „Wir halten die rasanten Preisanstiege für spekulativ übertrieben, auch wenn es vorerst prinzipiell keine prognostizierbare Grenze nach oben gibt – die Preisentwicklung lebt von der Euphorie der Anleger“, sagt Quitzau. Zudem gibt es einige systemimmanente Probleme, die sich nicht ohne Weiteres beseitigen lassen. Die heutige Bedeutung des Bitcoin als Zahlungsmittel ist noch sehr eingeschränkt, da er im Handel kaum akzeptiert wird. Auch als Wertaufbewahrungsmittel und Recheneinheit eignen sich Digitalwährungen nicht, da sie noch erheblichen Preisschwankungen unterliegen und nicht wirklich als wertstabil zu bezeichnen sind. „Bis auf Weiteres sind Digitalwährungen wie der Bitcoin eher als Wette denn als Geldanlage einzustufen. Die immensen Kursschwankungen sowie die hohen Hürden, sich als Zahlungsmittel zu etablieren, sprechen vorerst gegen Bitcoin und andere Digitalwährungen. Die zukünftige Entwicklung des Bitcoin wird wesentlich von seiner Akzeptanz sowie den Transaktionskosten und -risiken abhängen“, so Quitzau.


Blockchain beweist vielseitige Anwendungsmöglichkeiten


Die Blockchain, also die den Kryptowährungen zugrundliegende technologische Innovation, beweist vielseitige Anwendungsmöglichkeiten und wird sich unabhängig vom Geld- und Währungssystem in unserer heutigen Wirtschaftsordnung wahrscheinlich etablieren können. Die Blockchain hat hohes Kostensenkungspotenzial. Informations- und Leistungsabflüsse werden in Zukunft dezentral abgewickelt. Das, was bisher der Mensch erledigte, wird in Sekunden von Rechnern abgearbeitet, fehlerfrei und lückenlos nachweisbar. Kostenintensive Bezahlsysteme wie Banküberweisungen und Kreditkartenzahlungen werden unter Druck geraten. „Derzeit profitieren insbesondere Länder, die noch über keine ausgereifte Finanzinfrastruktur verfügen“, sagt Vöpel.


Fintechs modernisieren die Finanzwirtschaft


Mithilfe neuer Technologien bieten Fintechs innovative Finanzdienstleistungen an und sind darauf ausgerichtet, vor allem standardisierte Prozesse und Abläufe bei Bankgeschäften einfacher und schneller zu machen. Im Zahlungsverkehr wurde 2015 ein Transaktionsvolumen von 17 Mrd. Euro verzeichnet. „Fintechs können die Effizienz des Finanzsystems erhöhen, indem sie die Kosten von Finanztransaktionen senken und die Vielzahl digitaler Informationen umfassend auswerten“, sagt Vöpel. Mehr als 400 Fintech-Unternehmen soll es derzeit in Deutschland geben. Mit ihren Innovationen fordern sie die Banken nicht nur heraus, sondern arbeiten auch mit ihnen zusammen. Etwa 70 Kooperationen soll es bereits zwischen großen deutschen Banken und Fintech-Unternehmen geben. „Fintechs machen Banken zu schlankeren, plattformbasierten Technologieunternehmen, deren Kapital immer mehr auch aus Daten bestehen wird. 
Finanzwirtschaftliche Dienstleistungen werden hyperindividualisiert, das heißt, sie werden immer stärker maßgeschneidert. Das wiederum wird neue, komplexe regulatorische Fragen aufwerfen“, so HWWI-Direktor Prof. Dr. Henning Vöpel.
 

Sandra Hülsmann
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