24.07.2017 — Handelsblatt-Anlageempfehlung - Goodwill ist nicht schlecht

Henning Gebhardt ist Leiter Wealth and Asset Management bei Berenberg.

Wie Unternehmen weiter wachsen können, ist ein viel diskutiertes Thema. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass der Geschäfts- und Firmenwert (Goodwill) und Fremdkapital als „schlecht" gelten, und organisches Wachstum ohne Verschuldung als „gut" angesehen wird. Doch viele von Deutschlands erfolgreichsten Unternehmen wie Fresenius und SAP konnten nur durch Übernahmen so groß werden, wie sie heute sind. Die Verschuldung und den Goodwill per se als gefährlich anzusehen, halte ich daher für verkehrt.

Unternehmer sollten etwas unternehmen und dazu gehören neben Investitionen in das operative Geschäft eben auch Übernahmen. Natürlich gibt es viele Beispiele von Übernahmen, die schief gelaufen sind. Fresenius ist im Gegensatz dazu ein positives Beispiel, wie man mit erfolgreichen Übernahmen wachsen kann. SAP ist sogar zu Übernahmen wie etwa der des Softwareherstellers Business Objects gezwungen, um überhaupt seine Marktposition halten zu können. Der Preis dafür ist ein hoher Goodwill in der Bilanz für immaterielle Vermögenswerte in Form von Patenten, Rechten oder Kundenbeständen, der sich aus der Differenz von Marktpreis und Preis der Aktiva ergibt. Die Frage nach der Werthaltigkeit dieser Vermögensgegenstände wird immer wieder reflexartig gestellt. Sollten immaterielle Vermögenswerte abgeschrieben werden oder nicht? Sollten in Europa Abschreibungen auf Goodwill aus Vorsicht vorgenommen werden, obwohl dies in den USA nicht geschieht? Eine Abschreibung könnte so den Gewinn europäischer Unternehmen schlechter aussehen lassen und einen Bewertungsabschlag auslösen, der einen Wettbewerbsnachteil nach sich ziehen kann. Ist dem Anleger damit gedient? Dass Unternehmen, die Investitionen in Sachanlagen tätigen, eine solidere Bilanz aufweisen, ist ebenso zweifelhaft. Was nützt es, wenn eine Investition wie etwa bei Thyssen-Krupp das inzwischen verkaufte Stahlwerk in Brasilien, die wirtschaftlichen Erwartungen nicht erfüllen kann? Auch dann kommt es zu großen Sonderabschreibungen.

Welches Fazit können wir ziehen? Jeder Investor muss beurteilen, ob sich bei „seinem" Unternehmen durch eine Übernahme das Risikoprofil verändert hat. Eine zu teure Übernahme oder eine danach zu hohe Verschuldung kann das durchaus bewirken. Andererseits können auch durch eine höhere Verschuldung Werte für Aktionäre geschaffen werden, wenn die Übernahmen nachhaltig erfolgreich sind und die Verschuldung schnell wieder reduziert werden kann. Fresenius hat in der Vergangenheit genau dieses bewiesen.

 

Sandra Hülsmann
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