Die Bandbreite der Themen, die Family Offices heute beschäftigen – von Nachfolge und strategischer Asset Allocation bis hin zu geopolitischen Risiken und KI – spiegelt eine neue, komplexere Realität wider. Mit dem Anspruch, diesen Wandel aktiv zu gestalten, konzipierten wir die diesjährige Konferenz. Die Vorträge spannten den Bogen von globalen Wirtschaftsanalysen über neue Wachstumsfelder wie Emerging Asia und Growth Credit bis zu praxisnahen Podiumsdiskussionen.
Besonders wertvoll war dabei der offene Austausch mit zahlreichen Family Officers und Unternehmern, deren Einblicke den besonderen Charakter der Veranstaltung prägen. Dieser gelebte Netzwerkgedanke entspricht genau unserem Verständnis als Berenberg: Ein verlässlicher Partner zu sein, der die komplexen Fragestellungen von Unternehmerfamilien mit individuellen und strukturierten Lösungen beantwortet.

Geopolitsche Zeitenwende
Dr. Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei Berenberg, argumentierte, dass Europas wirtschaftliche Perspektiven trotz globaler Unsicherheiten besser sind als oft angenommen. Während die USA dynamisch und innovativ bleiben (insbesondere bei KI), sehen sie sich politischen und fiskalischen Risiken gegenüber. China ist technologisch stark, aber durch strukturelle Probleme wie Demografie und eine Immobilienkrise geschwächt. Im Gegensatz dazu wird Europa laut Schmieding unterschätzt: Stabile politische Prozesse und Rechtsstaatlichkeit machen den Kontinent attraktiv. Für die Eurozone wird sogar ein moderater „Miniboom“ für 2027/2028 prognostiziert.
Sein Fazit für Investoren: Eine breite Diversifikation ist ratsam. Europa könnte positiv überraschen, während der US-Dollar langfristig an Stärke verlieren dürfte. Anleger sollten Europas Stärken wie politische Integration und die Kapitalmarktunion erkennen, um sich robust zu positionieren.

Investieren in Emerging Asia: Trends, Treiber, Timing
Javier Garcia, Leiter Asian Equities bei Berenberg, stellt fest, dass Emerging Asia in vielen Portfolios zu Unrecht unterrepräsentiert ist. Er betont, dass der entscheidende Treiber für Aktienmärkte nicht das allgemeine Wirtschaftswachstum, sondern die Entwicklung der Unternehmensgewinne ist – und gerade hier sieht er in Asien exzellente Voraussetzungen. Als treibende Kräfte identifiziert er drei Megatrends: die zentrale Rolle Asiens in der KI-Lieferkette, der massive Bedarf durch die globale Elektrifizierung und der demografische Wandel in aufstrebenden Ländern wie Indien und Indonesien. Garcia rät von pauschalen Länderinvestments ab und empfiehlt stattdessen die gezielte Auswahl qualitativ hochwertiger, oft übersehener mittelgroßer Unternehmen (Mid Caps). Zusammenfassend betont er, dass die momentane Marktstimmung in Emerging Asia eine antizyklische Chance für Investoren bieten könnte, die auf der Suche nach strukturellem Wachstum und Diversifikation sind.

Wachstum finanzieren, Souveränität sichern – öffentliches Kapital trifft Familienvermögen
In der Diskussion wird deutlich, dass Europas zentrale Herausforderung das Fehlen von Wachstumskapital für Unternehmen in der Skalierungsphase ist. Diese Finanzierungslücke zwingt viele Firmen, Kapital in den USA zu suchen, was zu einer Abwanderung von Innovation führt. Die Teilnehmer stellen fest, dass es nicht an Kapital, sondern an dessen richtiger Allokation in Richtung Wagniskapital (Venture Capital) mangelt. Als Lösung wird ein besseres Zusammenspiel von öffentlichem und privatem Kapital identifiziert: Öffentliche Gelder sollen als Katalysator dienen, um privates Vermögen zu mobilisieren. Das Kernergebnis lautet, dass Europas Defizit nicht bei Ideen, sondern im Kapital zur Skalierung liegt. Ein effektiveres Zusammenwirken von staatlichen und privaten Investoren ist entscheidend, um ein starkes Innovationsökosystem zu schaffen und Unternehmen in Europa zu halten.

Growth Credit: Finanzierung der letzten Meile für Europas Wachstumsunternehmen
Anknüpfend an die zentrale Erkenntnis der Podiumsdiskussion, dass es in Europa vor allem an Kapital für die Skalierungsphase mangelt, beleuchtet der nächste Abschnitt eine innovative Lösung, die genau hier ansetzt: Growth Credit. Während die Diskussion sich auf Eigenkapital (Venture Capital) konzentrierte, wird hier ein alternativer, fremdkapitalbasierter Weg vorgestellt. In Europa existiert eine Finanzierungslücke von über 300 Milliarden Euro für „Scale-ups“ – etablierte Wachstumsunternehmen, die für klassische Bankkredite noch nicht infrage kommen. Diese Lücke zwingt viele Firmen, für ihre Expansion Kapital im Ausland zu suchen. Die Anlageklasse „Growth Credit“ schließt genau diese Lücke, indem sie diesen Unternehmen Fremdkapital für ihre Skalierung bereitstellt. Für Investoren bietet Growth Credit ein attraktives Risikoprofil, das zwischen sicherem Private Credit und risikoreicherem Venture Capital angesiedelt ist. Es ermöglicht planbare Zinserträge bei Renditen, die denen von Private Equity ähneln, und bietet durch aktienähnliche Komponenten zusätzliches Renditepotenzial. Ein strenger Auswahlprozess, der auf wachstumsstarke Unternehmen in nicht-zyklischen Branchen wie Software oder Healthcare fokussiert ist, sichert die Qualität der Investitionen in diesem vielversprechenden Marktsegment.

Cyber Security im Family Office: Sicherheit, Souveränität und neue Risiken
Cyber-Sicherheit ist heute eine strategische Führungsaufgabe und nicht mehr nur ein IT-Thema. Angesichts einer Bedrohungslandschaft durch professionelle, oft staatlich unterstützte Organisationen ist ein hundertprozentiger Schutz illusorisch. Das strategische Ziel verschiebt sich daher von reiner Prävention zur „Cyber-Resilienz“. Es geht darum, die Widerstandsfähigkeit des Unternehmens so zu stärken, dass es nach einem Angriff den Betrieb schnellstmöglich wiederherstellen und den Schaden minimieren kann. Dies erfordert ein ganzheitliches Konzept aus Technologie, Prozessen und Mitarbeitersensibilisierung, das oft die Zusammenarbeit mit spezialisierten Partnern notwendig macht. Eine proaktive Cyber-Sicherheitsstrategie ist somit kein reiner Kostenfaktor mehr, sondern ein entscheidender Wettbewerbsvorteil und eine notwendige Voraussetzung zur Sicherung des Unternehmenswerts.

Immobilien im Family Office: Wann Outsourcing Mehrwert schafft
Der zunehmende Professionalisierungsdruck zeigt sich auch bei Immobilien, einer zentralen Anlageklasse für Familienvermögen. Angesichts des gestiegenen Managementaufwands und komplexer Regulatorik lautet die entscheidende Frage für viele Unternehmerfamilien nicht mehr ob, sondern wann die Zusammenarbeit mit externen Partnern sinnvoll ist. Das Outsourcing von Spezialdisziplinen wie Marktanalyse, Transaktionsmanagement oder ESG-Anforderungen wird dabei als professionelle Ressourcensteuerung verstanden. Es ermöglicht Family Offices, schnell und gezielt auf Marktchancen zu reagieren. Gleichzeitig werden die Digitalisierung des Portfolios und eine durchdachte ESG-Strategie zu entscheidenden Werttreibern, da Nachhaltigkeit Rendite und Risiko direkt beeinflusst. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im intelligenten Mix aus eigener strategischer Steuerung und der gezielten Einbindung externer Spezialexpertise, um Immobilienwerte aktiv zu entwickeln.

Vermögensnachfolge strategisch gestalten: Zwischen Struktur, Familie und Verantwortung
Der Vortrag beleuchtet die Vermögensnachfolge als einen tiefgreifenden Prozess, der weit über juristische Fragen hinausgeht und die Familie, das Unternehmen sowie die Wünsche der nächsten Generation in Einklang bringen muss. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer frühzeitigen, offenen Kommunikation aller Beteiligten. Eine klare rechtliche Struktur, beispielsweise durch eine Holding, versachlicht den Prozess und sichert eine faire Teilhabe am Vermögen. Ebenso entscheidend ist es, die nachfolgende Generation auf die mit dem Erbe verbundene Verantwortung für Mitarbeiter und Unternehmen vorzubereiten. Angesichts der hohen emotionalen und rechtlichen Komplexität wird eine professionelle externe Moderation empfohlen.
Das Fazit ist daher ebenso klar wie anspruchsvoll: Eine gelungene Nachfolge ist ein fortwährender Prozess, der nicht nur das Vermögen sichert, sondern – und das ist die eigentliche Kunst – den Familienfrieden bewahrt und das unternehmerische Erbe lebendig in die Zukunft trägt.

Direct Investment Day
Der zweite Konferenztag steht ganz im Zeichen des Direct Investment Days und rückt jene konkreten Technologien in den Fokus, die unsere Zukunft gestalten und die unternehmerischen Chancen von morgen definieren.

Einordnung KI-Standort Deutschland
Dr. Rasmus Rothe, Vorstandsvorsitzender des KI-Bundesverbands, sieht den aktuellen KI-Boom nicht als Blase, sondern als tiefgreifende technologische Transformation, die von profitablen Unternehmen getragen wird. Er skizziert drei Wellen der Disruption: nach der Effizienzsteigerung in der Softwareentwicklung und der Transformation von Dienstleistungen folgt nun die „Physical AI“ in Robotik und Industrie, in der er besondere Chancen für Europa sieht. Obwohl Deutschland im globalen Wettbewerb hinter den USA und China liegt, ist es durch starke Forschung und Talente gut positioniert. Entscheidend sei jetzt, diese Stärken schneller in marktfähige Unternehmen zu überführen, die KI-Akzeptanz im Mittelstand zu erhöhen und vorhandenes Kapital gezielter in Wachstumsfirmen zu lenken.
Die Zukunft der Mobilität
Roy Uhlmann, Gründer von MOTOR Ai, sieht autonomes Fahren nicht als Produkt, sondern als umfassende Systeminnovation – einen intelligenten „Mobilitätslayer“, der den Verkehr effizienter organisiert. Er betont, dass Europas strategischer Ansatz, der auf einem klaren Sicherheitsrahmen statt auf Selbstzertifizierung wie in den USA basiert, zwar langsamer ist, aber hohe Markteintrittsbarrieren schafft. Die Vision geht über Robotaxis hinaus und zielt auf bedarfsgesteuerte Flotten ab, die den öffentlichen Nahverkehr ergänzen und privaten Autobesitz reduzieren sollen. MOTOR Ai strebt dabei die Rolle eines eigenen Mobilitätsanbieters mit wiederkehrenden Erlösen an. Erste kommerzielle Anwendungen in Deutschland sind in Kooperation mit dem öffentlichen Nahverkehr ab Mitte 2027 geplant.
Vision Intelligence: KI für die industrielle Realität
Silviu Homocenau zeigt auf, wie Künstliche Intelligenz durch „Vision Intelligence“ ihren größten Nutzen in der Industrie entfaltet. Im Kern analysieren visuelle KI-Systeme Produktionsprozesse in Echtzeit und nutzen das Potenzial bislang ungenutzter Bild- und Sensordaten für die Qualitätssicherung und Prozessoptimierung. Der entscheidende Wandel liegt darin, von einer reinen Kontrolle zur aktiven Steuerung zu gelangen: KI erkennt nicht nur Fehler, sondern prognostiziert Abweichungen und unterstützt Prozesse aktiv. Homocenau betont, dass Europas Stärke weniger in der Entwicklung von Basismodellen als vielmehr in der Anwendung von KI auf seine starke industrielle Basis liegt. Für Unternehmen bedeutet dies, KI als integralen Bestandteil der Wertschöpfung zu betrachten, der konkrete Probleme löst. Die nächste KI-Welle, so sein Fazit, findet in der Fabrik statt und schafft dort messbaren Unternehmenswert.
Wertschöpfung durch KI: Vom Tool zur Unternehmensplattform
Lennard Schmidt macht deutlich, dass der Erfolg von KI weniger von der Technologie selbst als von ihrer wirksamen Umsetzung abhängt. Der größte Hebel sei, die Mitarbeiter zu befähigen, KI sinnvoll zu nutzen, anstatt sofort über vollständige Automatisierung zu sprechen. Mit seiner Plattform Langdock adressiert er zentrale Hürden wie Datenschutz und Compliance und versteht KI daher als umfassendes Change-Management-Thema. Sein Ansatz lautet: „Adoption vor Automatisierung“. Erst wenn Mitarbeiter den Nutzen im Alltag erleben, entsteht die Akzeptanz für weitergehende Schritte. Die Zukunft sieht er in technologieoffenen, zentralen Plattformen, die verschiedene KI-Modelle flexibel kombinieren. Der Markt, so sein Fazit, professionalisiert sich rasant und macht KI zur strategischen Managementaufgabe.
Europäische Souveränität im Defence-Bereich: Sicherheit als Innovationsauftrag
Torsten Reil von Helsing fordert ein radikales Umdenken für Europas Verteidigung: Um souverän zu bleiben, müssen privates Kapital und technologische Innovation von Start-ups schneller zusammengeführt werden. Die alten, langsamen Beschaffungssysteme sind für die heutige, von KI und Drohnen geprägte Kriegsführung ungeeignet. Da entscheidende „Dual-Use“-Technologien aus dem zivilen Sektor kommen, entsteht ein neues Ökosystem für Investoren. Kapital wird zum strategischen Faktor, da Sicherheit als Voraussetzung für Wohlstand verstanden wird. Reils zentrale Forderung lautet: Europa muss seine Prozesse drastisch beschleunigen und junge Technologieunternehmen konsequent einbinden, um seine Sicherheit zu gewährleisten.
Wir bedanken uns bei unseren Gästen, Referenten und Mitwirkenden ganz herzlich für die gelungene Veranstaltung. Wir freuen uns schon auf die 6. Berenberg Single Family Office Konferenz, die am 28. und 29. April 2027 stattfinden wird.





