Hitzewelle als Wirtschaftsbremse
In diesem Jahr macht sich der Klimawandel in Europa besonders stark bemerkbar. Heftige Waldbrände in Südeuropa, eine Hitzewelle in Deutschland sowie erwärmte Flüsse und Pegeltiefstände bestimmten zuletzt die Schlagzeilen. Auch die Wirtschaft bleibt von diesen immer häufiger auftretenden Wetterextremen nicht unbeeindruckt. Eine gerade erschienene Studie von Prognos beziffert die Kosten der Hitzewelle in den letzten beiden Juniwochen für die deutsche Wirtschaft auf 6,3 Milliarden Euro. Bemerkenswerte 97 % dieser Summe werden auf direkte Produktivitätsverluste zurückgeführt: Die Menschen müssen häufiger Pausen machen, arbeiten langsamer oder unkonzentrierter. Die Hitze macht insbesondere körperliche Arbeit in der direkten Sonne nahezu unmöglich. Auch Arbeitsstellen, die ohnehin hohen Temperaturen ausgesetzt sind, wie beispielsweise Hochöfen, müssen ihre Produktion drosseln.
Es ist jedoch gut möglich, dass ein Teil dieser liegen gebliebenen Arbeit im Anschluss nachgeholt wird, sodass es sich hierbei primär um eine temporäre Wertschöpfungsdelle handelt. Neben den Produktionseinbußen führt die Hitzewelle auch zu einer Verschiebung der Konsummuster: Während beispielsweise ungekühlte Restaurants und Geschäfte gemieden werden, verzeichnen Online-Händler sowie Schwimmbäder und Seen regen Zulauf. Ähnlich wie bei der Produktion werden aber auch hier viele Aktivitäten lediglich verschoben und später nachgeholt.
Trockenheit gräbt der Konjunktur das Wasser ab
Der heiße Sommer belastet die Konjunktur derzeit jedoch auch an einer ganz anderen Stelle. Aufgrund der anhaltenden Trockenheit sinken die Pegelstände der Flüsse in ganz Europa. Die Lage ist derzeit besonders kritisch am Rhein, einer der meistbefahrenen Binnenwasserstraßen weltweit. An der strategisch wichtigen Engstelle Kaub nahe Koblenz fiel der Pegel zuletzt auf 29 Zentimeter. Damit liegt er nur noch minimal über dem Allzeittief von 25 Zentimetern aus dem Jahr 2018. Die Folge: Frachtschiffe können den Strom nicht mehr vollbeladen befahren und müssen ihre Güter auf mehrere Schiffe verteilen, was die Transportkapazitäten drastisch verknappt und die Kosten erhöht. Eine solche ausgeprägte Niedrigwasserphase im Spätsommer und Herbst kann das deutsche Wirtschaftswachstum im betroffenen Quartal um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte dämpfen. Ähnlich wie bei den hitzebedingten Arbeitsausfällen sind diese Wachstumsverluste in der Regel jedoch nicht dauerhaft. Sobald die Pegelstände im Spätherbst und Winter wieder steigen, setzen spürbare Nachholeffekte ein, welche die entgangene Wirtschaftsleistung in den Folgequartalen meist wieder kompensieren.
Energienachfrage steigt, Angebot sinkt
Parallel zu den Transportwegen gerät durch die Hitze auch die Energieversorgung unter Druck, was sich unmittelbar bei den Strom- und Gaspreisen bemerkbar macht. Während die Stromnachfrage in ganz Europa aufgrund des vermehrten Einsatzes von Klimaanlagen sprunghaft ansteigt, führt die Hitze gleichzeitig dazu, dass sich das Wasser in den Flüssen stark erwärmt. Da dieses Wasser zur Kühlung benötigt wird, müssen Kernkraftwerke – beispielsweise in Frankreich, Ungarn und der Schweiz – ihre Leistung drosseln oder temporär ganz vom Netz gehen. Zur Kompensation dieses Defizits müssen kurzfristig teure Gaskraftwerke hochgefahren werden. Dies treibt die Gaspreise weiter in die Höhe und belastet sowohl private Konsumenten als auch die ohnehin geforderte Industrie zusätzlich. Solaranlagen können bei Sonnenschein zwar die Lücke bei der Energieerzeugung ein Stück weit ausgleichen, doch bei extremen Temperaturen sinkt auch hier die Effizienz spürbar, da die physikalische Leistungsfähigkeit der Solarmodule durch enorme Hitze abnimmt.
Strukturelle Risiken: Wenn Extremwetter zur dauerhaften Bedrohung wird
Abseits dieser temporären Effekte bringt der Klimawandel jedoch auch tiefgreifende, strukturelle Veränderungen mit sich, welche die Wirtschaft langfristig belasten. Insbesondere die Landwirtschaft leidet dauerhaft unter den unberechenbaren Wetterkapriolen und den damit verbundenen Ernteausfällen. Den Kulturen setzen dabei nicht nur Dürrephasen, sondern auch schwere Unwetter zu: So zerstörte heftiger Hagel im Juli in der Südpfalz bei einigen Weingütern bis zu 80 Prozent der Reben. In Deutschland trägt die Landwirtschaft zwar nur knapp ein Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. In Entwicklungsländern, in denen der Sektor häufig ein Drittel oder ein Viertel der Wirtschaftsleistung ausmacht, können wetterbedingte Ernteausfälle hingegen verheerende Folgen haben.
Der Klimawandel bedroht aber nicht nur die Landwirtschaft, sondern greift auch die Infrastruktur an. Während der Asphalt auf den Straßen aufbricht und tiefe Schlaglöcher bildet, verformen sich im Schienenverkehr unter der extremen Temperatureinwirkung die Gleise. Die Trockenheit erhöht zudem das Risko für Waldbrände. Die aktuellen Brände in Südeuropa führen uns vor Augen, wie schnell es hier auch zu einer Gefahr für Leib und Leben kommen kann. Zudem werden wertvolle Waldbestände und Infrastruktur vernichtet, während die Brandbekämpfung enorme Kosten verursacht. Entscheidend dafür, wie groß der Effekt auf die Konjunktur ist, ist jedoch, ob wichtige Wirtschaftszweige durch die Brände bedroht werden. Im Jahr 2016 wurde beispielsweise die kanadische Ölindustrie durch die damaligen Brände teilweise lahmgelegt.
Aber nicht nur Hitze und Brände setzen der Infrastruktur zu, auch Niederschläge können verheerende Schäden verursachen. Dies wurde in Deutschland am deutlichsten bei der Flutkatastrophe im Ahrtal im Juli 2021 sichtbar, die nicht nur unfassbares menschliches Leid mit sich brachte, sondern auch das materiell schadensträchtigste einzelne Extremwetterereignis in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war. Laut Wirtschaftsministerium verursachte die Flut Schäden von mindestens 40 Milliarden Euro. Aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht können solche Katastrophen ironischerweise sogar das Bruttoinlandsprodukt steigern, da der Wiederaufbau die Wirtschaftstätigkeit ankurbelt. Die Lektion, dass solche Unglücke zukünftig verhindert werden müssen, ändert sich dadurch jedoch nicht.
Investitionen in die Klimaresilienz werden stark an Bedeutung gewinnen
In Zukunft wird es daher verstärkt darum gehen, die menschlichen und wirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel so gering wie möglich zu halten. Die Stärkung dieser Resilienz wird enorme Summen verschlingen. Auch hier werden die nötigen Investitionen die wirtschaftliche Aktivität beleben. Es handelt sich jedoch um Geld, das man eigentlich lieber für Wachstum als für die Schadensbegrenzung ausgeben würde. Es wird daher auch darum gehen, bei neuen Investitionen die Klimaresilienz gleich mitzudenken. Das gilt insbesondere auch für das von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Sondervermögen von 500 Milliarden Euro, das in den nächsten 12 Jahren in die deutsche Infrastruktur fließen soll. Dieses Geld muss bereits jetzt eingesetzt werden, um die deutsche Wirtschaft für den Klimawandel zu rüsten.




