Die US-Militäroperation, die in der Festnahme von Nicolás Maduro resultierte, markiert einen geopolitischen Wendepunkt in Venezuela mit ambivalenten Folgen für die Märkte. Der US-Dollar dürfte von der Demonstration militärischer Stärke und politischer Kontrolle über die Energiereserven profitieren; Edelmetalle bekommen Rückenwind durch die erhöhte geopolitische Unsicherheit und weiterer Bestrebungen den Dollar zu diversifizieren. Da Venezuela im Orinoco Belt über die weltweit größten Ölreserven verfügt, stehen vor allem die Energiemärkte im Fokus der Anleger. Während eine rasche Produktionsausweitung unrealistisch bleibt, dürften eine OPEC+-Disziplin, passive Rebalancierungsströme sowie eine bereits sehr geringe Positionierung den Ölpreis stabilisieren.
Venezolanische Realität: Reserven vs. Produktion
Mit dem Orinoco Belt sitzt Venezuela auf den weltweit größten bekannten Ölreserven, doch die Produktion ist unter dem systematischen Missmanagement des Chavez- und Maduro-Regimes um über zwei Drittel gesunken – von knapp 3 Millionen auf etwa 0,9 Millionen Barrel pro Tag. Venezuela produziert damit nur etwa 1 % der weltweiten Ölförderung. Trump signalisiert durch seine Ankündigung, amerikanischen Ölkonzernen Zugang zu venezolanischen Reserven und der Infrastrukturentwicklung zu gewähren, was eine Neuausrichtung der Energiewirtschaft im Land zur Folge hätte. Die neue Energiepartnerschaft geht vor allem zu Lasten Chinas, das bislang mit rund 80 Prozent der Hauptabnehmer venezolanischen Öls war.
Das entscheidende Hindernis für einen raschen Produktionsanstieg steckt in der Infrastruktur: Venezuela fördert überwiegend Schweröl, welches spezialisierte und teure Förder- und Verarbeitungstechniken erfordert. Die lokale Infrastruktur liegt seit Jahrzehnten brach; Upgrades und Kapitalinvestitionen benötigen Jahre, nicht Monate. Branchenanalysten erwarten zwar mittelfristig einen Anstieg auf über 1 Million Barrel pro Tag, doch Szenarien für schnellere oder höhere Steigerungen wirken verfrüht – ohne massive Investitions- und Explorationsausgaben ist dies kurzfristig unrealistisch. Ob und wie schnell massive Infrastrukturinvestitionen seitens amerikanischer Ölkonzerne kommen, bleibt jedoch fraglich. Bei einem Brent Ölpreis von rund 60 USD pro Barrel und den gleichzeitig hohen Förderkosten venezolanischen Schweröls dürfte die Motivation hierfür gedämpft sein.
Ölpreise: Warum „Sell-the-News" Aufwärtsrisiken überwiegen
Trotz bevorstehendem Angebotsanstieg sollte die Brent-Ölpreis kurzfristig nicht dramatisch fallen. Drei Faktoren stützen diese Einschätzung:
1) Historische „Sell-the-News"-Muster
Vergleichbare Angebots-Events (Sanktionsaufhebung Iran 2016, Irak 2003) zeigen: Die negative Preiskorrektur vollzieht sich vor dem eigentlichen Event, nicht danach. Antizipationshändler haben Abwärtsrisiken bereits eingepreist; der offizielle Zugang zu venezolanischen Reserven dürfte keine Preisstürze auslösen.
Venezuelas Ölproduktion ging während dem Chavez- und Maduro-Regime deutlich zurück
Venezolanische Ölproduktion in 1.000 Barrels-pro-Tag
2) Niedrige Futures-Positionierung
Die Netto-Positionierung in den Terminmärkten liegt deutlich unter den langfristigen Durchschnittswerten. Aus Positionierungssicht sind Angebotsrisiken somit gut im Preis abgebildet. Eine durch die Positionierung angetriebene Aufwärtsreaktion ist wahrscheinlicher als ein Crash.
3) Passive Index-Rebalancierungsflüsse als Preisunterstützung
Die jährliche Rohstoffindex-Rebalancierung (Mitte Januar) erzeugt eine technische Nachfrage. Während Gold und Silber von Indextracker-Fonds wegen der starken Outperformance und damit „zu hohen“ Indexgewichten verkauft werden, dürften regelbasierte Strategien Öl-Futures nachkaufen, um auf die neuen Zielgewichte in den Rohstoff-Indizes zu kommen.
Die OPEC+-Disziplin und Saisonalität unterstützen den Ölpreis ebenfalls: Die OPEC+ hält ihre Förderkürzungen auch über den März hinaus zunächst bei; zudem spricht die typische Öl-Saisonalität bis Mitte 2026 für tendenziell steigende Preise.
Rohstoffe & Edelmetalle: Unsicherheitsprämie und Rohstoff-Zyklus
Die Maduro-Operation erhöht die geopolitischen Risiken deutlich: UN-Debatten zur Legalität, potenzielle Reaktionen rivalisierender Staaten und militärische Eskalationsrisiken treiben die klassische Nachfrage nach sicheren Häfen wie Gold und Silber. Dies passt perfekt ins etablierte frühe Rohstoff-Zyklus-Muster, in dem Edelmetalle die Rally anführen, bevor zyklische Rohstoffe (Industriemetalle, später Öl) folgen. Zyklische Rohstoffe profitieren indirekt von einer „USdominierten Lieferketten-Sicherung“ – weniger von direkten Venezuela-Effekten, mehr vom strukturellen Wandel hin zu transatlantischer Ordnung.
US-Dollar: Petrodollar-System am Leben erhalten
Die USD-Perspektive ist positiv. Die US-Intervention demonstriert die militärische Kontrolle über Schlüssel-Energiereserven und zementiert damit - zunächst - die Architektur des Petrodollar-Systems (Ölpreisgestaltung in USD, ErlösRecycling in US-Anlagen). Indem die USA Ölflüsse, Zahlungsströme und Sanktionsmacht steuern, wird der Dollar als Leitwährung des globalen Energiesystems abgesichert.
Zusätzlich verstärkt die geopolitische Unsicherheit die Nachfrage nach dem Dollar als globalem sicheren Hafen. Konkurrenten wie China werden aus dem venezolanischen Ölmarkt verdrängt; die geoökonomische Neukalibrierung erhöht die USD-denominierten Transaktionen.
Netto-Öl-Positionierung historisch niedrig
Netto-Öl-Positionierung von nicht-kommerziellen Händlern
Öl-Saisonalität bleibt bis zur Jahresmitte unterstützend
Kumulative Performance von Brent Crude über das Kalenderjahr
Autoren

Ulrich Urbahn
Ulrich Urbahn ist CFA-Charterholder und gehörte bei der renommierten Extel-Umfrage jahrelang zu den drei weltweit besten Multi-Asset-Research-Teams an. Nach seinen Diplomen in VWL und Mathematik an der Universität Heidelberg war er mehr als zehn Jahre bei der Commerzbank unter anderem als Senior-Cross-Asset-Stratege tätig. Er arbeitet seit Oktober 2017 für Berenberg und leitet die Abteilungen Multi Asset Strategy & Research sowie Portfoliomanagement Alternatives. Darüber hinaus ist er stimmberechtigtes Mitglied des Investment Committees und für die Kapitalmarktkommunikation verantwortlich.

Dejan Djukic
Dejan Djukic leitet das gesamte Portfoliomanagement von Berenberg. Darunter zählen die Abteilungen Multi Asset, Equities, Fixed Income, Alternatives, Solutions, die Produktspezialisten sowie das ESG Office. Zudem ist er verantwortlich für das Investment Committee sowie das Asset Allocation Committee. Nach seinem Master in Finance, begann er seinen Werdegang bei der Commerzbank AG. Djukic verantwortete dort die Asset Allocation für die Vermögensverwaltungs- und Fondsmandate. Zudem war er stimmberechtigtes Mitglied des globalen Investment Committees und verwaltete die größten Publikumsfonds und Privatkundenmandate der Bank. Im Anschluss übernahm er die Verantwortung für das Portfoliomanagement der DZ Privatbank S.A.. Sein Team verantwortete die Groß- und Spezialmandate.




