Die Erbschaft- und Schenkungsteuer steht gefühlt ständig auf dem Prüfstand. Warum ist die aktuelle Situation für Familienunternehmer dennoch eine völlig andere als in den vergangenen Jahren?
Florian Bode: Weil sich die Signale für eine – möglicherweise - grundlegende Reform derzeit massiv verdichten – und zwar sowohl von verfassungsrechtlicher als auch von politischer Seite. Wir sehen ein wegweisendes Verfahren in Karlsruhe und gleichzeitig konkrete, parteiübergreifende Reformvorschläge, wie das der Wirtschaftsweisen oder politische Konzepte wie „FairErben“. Das bisherige, großzügige Schutzniveau für die Übertragung großer Unternehmensvermögen wird sich mittelfristig in dieser Form kaum halten lassen.
Welche Kernbereiche der aktuellen Verschonungsregeln sind denn besonders im Fokus der Kritik?
Florian Bode: Vor allem das sogenannte Erlassmodell bei Großvermögen über 26 Millionen Euro steht im Zentrum der Kontroversen. Hier sehen Kritiker erhebliche Gestaltungsspielräume, die verfassungsrechtlich stark hinterfragt werden. Aber auch die Begünstigungen für bestimmte Gestaltungsmodelle, exemplarisch genannt sei hier das Wohnungsunternehmen, stehen zur Disposition. Es geht im Kern um die Frage, ob diese Privilegien heute noch verhältnismäßig und zielgenau sind.
Viele Unternehmer neigen dazu, solche Reformen erst einmal abzuwarten. Warum könnte das dieses Mal ein riskanter Fehler sein?
Florian Bode: Weil ein maßgeschneidertes Nachfolgekonzept nicht über Nacht entsteht. Strukturierungen, gesellschaftsrechtliche Anpassungen und die innerfamiliäre Abstimmung brauchen oft viele Monate, wenn nicht Jahre. Wenn das Bundesverfassungsgericht entscheidet, setzt es dem Gesetzgeber meist nur kurze Übergangsfristen. Wer erst nach der Entscheidung reagiert, verpasst das aktuelle, noch sehr vorteilhafte Zeitfenster. Die mündliche Verhandlung in Sachen „Erbschaftsteuer – Verschonung von Betriebsvermögen“ war bereits am 13. Oktober 2026.
Welche Rollen spielen dabei sogenannte "vorgeschaltete Umstrukturierungen" vor einer Schenkung oder Übergabe?
Florian Bode: Sie sind oft das Fundament einer erfolgreichen Nachfolge. Durch gezielte Anpassungen der Beteiligungs- oder Gesellschaftsstrukturen lassen sich bestehende Begünstigungen optimal nutzen. Aber auch hier gilt: Solche Schritte erfordern erheblichen zeitlichen Vorlauf und müssen steuerlich absolut wasserdicht sein. Wer zu spät kommt, geht erhebliche Risiken ein.
Was raten Sie Unternehmerfamilien daher im aktuellen Umfeld konkret?
Florian Bode: Jetzt proaktiv die bestehenden Vermögens- und Beteiligungsstrukturen zu analysieren. Man sollte Szenarien durchspielen und Nachfolgestrategien so aufsetzen, dass sie flexibel genug sind, um auf rechtliche Änderungen reagieren zu können – beispielsweise durch intelligente Rückforderungs- und Anpassungsklauseln. Abwarten ist im Moment die riskanteste Option.
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Dirk Böhling
Dirk Böhling leitet seit 2013 das Wealth Consulting bei Berenberg. Zuvor war er sechs Jahre Relationshipmanager im Family Office von Berenberg. Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist die Betreuung komplexer Vermögen im Bereich Family Office. Das Studium zum Diplom-Volkswirt absolvierte er an der Universität Gießen. Im Jahr 2001 legte er die Prüfung zum Certified Financial Planner (CFP) ab. Zuvor war er nach zweijähriger Tätigkeit in der Industrie als Leiter Qualitätswesen und Kostenrechnung fast 10 Jahre bei der HSH Nordbank tätig; von 2003 - 2007 als Leiter Produktmanagement im Private Banking. Herr Böhling betreut ca. 45 Vermögenscontrolling-Mandate mit einem Volumen zwischen 10 und 500 Mio. Euro.

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