Das gegenwärtige Marktumfeld stellt Anleger vor eine neue Herausforderung: Wie schütze ich mein Portfolio vor Rücksetzern am Aktienmarkt, wenn diese von Abverkäufen im Anleihesegment begleitet werden? In der Tat hat das klassische 60/40 Portfolio¹ im März knapp 5 % an Wert verloren – der stärkste Rückgang seit 2022. Denn sowohl Aktien als auch Anleihen verzeichneten im Zuge der Irankrise beide einen starken Rücksetzer.
Im Umfeld gleichlaufender Aktien- und Anleihemärkte sind Allokationen in Gold sowie Rohstoffaktien eine Möglichkeit, Multi-Asset-Portfolios zu diversifizieren. Doch wie wir in diesem Fokus-Artikel zeigen, können auch Liquid Alternatives die Rolle als Diversifikator erfüllen und damit als zusätzlicher Baustein Multi-Asset-Portfolios robuster aufstellen.
Der Aufstieg der Liquid Alternatives
Der Begriff „Liquid Alternatives" hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der meistdiskutierten Konzepte der Fondsbranche entwickelt – und das aus gutem Grund. So verwalteten Liquid Alternatives Ende 2025 allein in den USA ein Vermögen von knapp 5 Billionen USD – fast doppelt so viel wie noch vor 10 Jahren (Abb. 1). Aber Liquid Alternatives haben nicht nur in den USA an Bedeutung gewonnen. Auch im europäischen UCITS-Markt hat sich das verwaltete Vermögen alternativer Fonds in den letzten Jahren deutlich gesteigert.
Doch hinter dem Sammelbegriff „Liquid Alternatives“ verbirgt sich eine heterogene Landschaft an Strategien, die sich in ihrer Funktionsweise, ihren Renditequellen und ihrem Risikoprofil teils erheblich unterscheiden. Im Kern lassen sich die relevanten Ansätze in absichernde und diversifizierende Strategien unterscheiden.²
Abb. 1: Liquid Alternatives konnten Vermögen seit 2015 fast verdoppeln
AuM (in Bn. USD) von Liquid Alternatives in den USA pro Kalendarnjahr basierend auf SEC-Reportings
Erstere werten in Stressphasen mit negativen Korrelationen zu risikobehafteten Anlagen auf und verfolgen das Ziel, positive Renditen in Krisenphasen zu generieren. Letztere zielen darauf ab, das Rendite-/Risikoprofil herkömmlicher Anlagen mit möglichst niedriger Korrelation zu verbessern. Ein Beispiel einer diversifizierenden Strategie ist Global Macro. Eine solche Strategie hat zum Ziel, positive Renditen unabhängig vom gegenwärtigen Markttrend und basierend auf makroökonomischen Fehlpreisungen zu generieren – ein Faktor, der gerade in dem gegenwärtigen Marktumfeld bei Anlegern populär ist.
Herausforderungen an Investoren in positiv korrelierten Märkten
Mit dem Ende der Pandemie und spätestens seit Beginn des gegenwärtigen Inflationsregimes stehen die Märkte vor einer neuen Herausforderung: dem Gleichlauf von Aktien und Anleihen. Rücksetzer auf der Aktienseite eines Multi-Asset-Portfolios werden häufig mit Abverkäufen auf der Anleiheseite begleitet – die durch die Aktien-Anleihen-Diversifikation erhoffte Verlustmilderung bleibt aus. Bis auf zwei Ausnahmen wurde seit 2022 jeder Aktienabverkauf auch durch einen Anleiherücksetzer begleitet (Abb. 2).
Eine mögliche Alternative für Anleger bieten Rohstoffe. In der Tat gingen größere Aktienrücksetzer zuletzt häufig mit einer starken Performance von Gold, Öl und anderen Rohstoffen einher (Abb. 3). Neben anderen strukturellen Treibern sehen wir daher Gold sowie Rohstoffaktien auch weiterhin als unabdingbaren Portfoliobaustein für unsere Multi-Asset-Portfolios.
Dennoch gibt es auch andere Optionen: So können insbesondere Liquid Alternatives die Rolle als Portfolio-Diversifikator übernehmen. Ob steigende Zinsen, Wachstumsschocks oder geopolitische Verwerfungen: Die Treiber der großen Aktienrücksetzer aus den letzten Jahren stellen für Global Macro und andere Liquid-Alternatives-Strategien aussichtsreiche Investmentopportunitäten dar. In der Tat konnten Macro-Strategien, neben anderen Vertretern des Alternative-Komplexes, während der Aktienrücksetzer der letzten Jahre, tendenziell eine positive Rendite generieren.
Abb. 2: Anleihen gaben Anlegern über die letzten vier Jahre praktisch keinen Schutz vor Rücksetzern am Aktienmarkt
Monatliche Rendite von Aktien (X-Achse) vs. Anleihen (Y-Achse)
Abb. 3: Die Bedeutung von Macro-Strategien und anderen Alternatives hat hingegen deutlich zugenommen
Monatliche Rendite von Aktien (X-Achse) vs. Macro-Strategien (Y-Achse)
Keine Allwetterlösung: Liquid Alternatives taten sich im Niedrigzinsumfeld schwer
Die Hedge-Fonds und Liquid-Alternatives-Strategien der 1980er und 1990er konnten Anleger mit teils märchenhaften Renditen locken. Das hohe Zinsniveau sowie eine enorme Volatilität innerhalb des globalen Anlageuniversums verhalfen den Strategien zu deutlichen Profiten. Doch im neuen Jahrtausend und spätestens im Niedrigzinsumfeld nach der Finanzkrise war damit Schluss: So entwickelten sich große Hedgefonds-Strategien in den 2010ern schwächer als Aktien oder Unternehmensanleihen. Zwischen 2010 und 2015 erwirtschafteten Liquid Alternatives sogar eine geringere Rendite als sichere US-Staatsanleihen. Die Geschichte zeigt daher, dass Liquid Alternatives keine Allwetterlösung für Anleger sind. Je nach Marktumfeld performen sie besser – oder eben schlechter. Wir glauben, dass das gegenwärtige Marktumfeld aber eher vorteilhaft für Liquid Alternatives sein dürfte.
Abb. 4: In den 2010ern haben Liquid Alternatives eher schwach performt
Basierend auf den Total-Return-Renditen der einzelnen Marktsegmente für 5 Jahres Perioden.
Befinden uns in einem starken Kapitalmarktumfeld für Liquid Alternatives
Ein Faktor, der Macro Fonds und anderen Liquid Alternatives Strategien zugutekommen dürfte, ist das weiterhin erhöhte Zinsniveau am Markt. Abbildung 5 vergleicht die Performance von Alternatives gegenüber dem Zinsniveau von 3-monatigen T-Bills. Es zeigt sich, dass Alternatives in der Vergangenheit im Schnitt eine höhere Rendite generierten, wenn die Zinsen am kurzen Ende höher waren. Der Grund für diese Beziehung zwischen Zinsen und Performance ist auf den ersten Blick wenig überraschend: Global Macro und andere Liquid Alternatives dürfte es deutlich einfacher fallen, 4 % im Jahr zu verdienen, wenn Geldmarktzinsen schon bei 3 % (oder mehr) stehen.
Im Umkehrschluss hat im Makroumfeld nach der Finanzmarktkrise (GFC) die absolute Performance von Liquid Alternatives unter den geringen Geldmarktzinsen, die die Fonds auf ihr Basisportfolio verdient haben, gelitten. Zusätzlich hat die extrem lockere Geldpolitik der Zentralbanken auch die Volatilität am Markt unterdrückt. Während starke Marktschwankungen „Benchmark-nahe“ Investoren vor Herausforderungen stellen, bietet sie Global-Macro-Fonds sowie anderen opportunistischen Liquid Alternatives Chancen, von Übertreibungen zu profitieren. In der Zeit nach der GFC waren Extremereignisse, und damit Opportunitäten, Überrenditen zu generieren, eher rar. Dies lastete zusätzlich auf den Liquid Alternatives.
Spätestens mit dem Ende der Pandemie ist das Umfeld aus niedrigen Zinsen und einer künstlich unterdrückten Volatilität vorüber. Darüber hinaus halten wir es für unwahrscheinlich, dass wir wieder in ein solches Umfeld zurückkehren. Mehr Populismus und damit einhergehend fiskalische Stimulusprogramme, Inflationsrisiken von Trumps Zöllen oder jüngst der Irankrise: Im Moment spricht wenig dafür, dass wir uns auf mittlere Frist wieder in ein Niedrigzinsregime bewegen. Neben dem gegenwärtigen geopolitischen Chaos führt die Zunahme passiver Flows zu vermehrten Übertreibungen nach oben und unten, was die Volatilität am Markt auch unabhängig von den Zentralbanken stützen dürfte. Global Macro und andere Liquid Alternatives dürften daher auch mittelfristig von höheren Zinsen und einer stärkeren Volatilität unterstützt bleiben.
Abb. 5: Bessere Performance von Alts unter höheren Zinsen
Jahres-Performance von Liquid Alternatives seit 1960 aggregiert nach dem Niveau von Zinsen auf 3-monatige US Treasury Bills
Abb. 6: Mehr Volatilität am Markt bietet Alpha-Chancen
Anzahl monatlicher Kursänderungen von 2,5-Sigma-Bewegungen oder mehr basierend auf einem Anlage-Universum von knapp 50 Anlagen
Ein zusätzlicher Faktor, der vor allem das Ergebnis von Global-Macro-Strategien aufbessern könnte, ist nicht nur das Zinsniveau, sondern auch die Zinsunterschiede zwischen den einzelnen Volkswirtschaften. So liegen die Geldmarktzinsen in Australien bei knapp 4 %, während die Schweizer Nationalbank ihren Leitzins bereits seit einem Jahr nahe der Nulllinie hält. Die nun deutlich höhere Dispersion am Geldmarkt bietet Macro-Fonds neue Möglichkeiten, von den globalen Zinsdifferenzen zu profitieren bzw. mit Carry-Strategien die Performance aufzubessern. Kurz nach der Finanzmarktkrise, als die meisten Zentralbanken ihre Leitzinsen nahe der Nulllinie hielten, war dies deutlich schwieriger. In Kombination mit höheren Geldmarktzinsen sowie einer höheren Volatilität am Markt trägt auch die gegenwärtige volkswirtschaftliche Disparität zu dem vorteilhaften Marktumfeld für Global Macro und andere Liquid Alternatives bei.
Abb. 7: Größere Makro-Heterogenität dürfte Liquid Alternatives zusätzlich helfen
Spanne zwischen dem höchsten und niedrigsten Geldmarktzins innerhalb des G10-Komplexes
Fazit: Liquid Alternatives als Baustein für ein verändertes Makroumfeld
Die klassische Portfoliokonstruktion aus Aktien und Anleihen steht in einem Umfeld fundamentaler makroökonomischer Veränderungen vor erheblichen Herausforderungen. Eine strukturell höhere Inflation(svolatilität), eine gestiegene Zinsvolatilität und zunehmende Korrelationen zwischen den traditionellen Anlageklassen haben die Diversifikationsvorteile von Anleihen geschmälert, die jahrzehntelang als verlässliches Gegengewicht zu Aktien dienten.
In diesem veränderten Umfeld dürften sich Liquid Alternatives neben Rohstoffen zu einem essenziellen Baustein für den Aufbau robuster Portfolios entwickeln. Während das Niedrigzinsumfeld des vergangenen Jahrzehnts für einige alternative Strategien eine Herausforderung darstellte, ist das aktuelle Marktumfeld deutlich vorteilhafter. Anhaltende geopolitische Unsicherheiten, höhere Zinsen und eine größere Dispersion zwischen den einzelnen Volkswirtschaften schaffen ein attraktives Marktumfeld für Global Macro und andere Liquid-Alternative-Strategien.
Gepaart mit deutlich niedrigeren Renditeerwartungen für Aktien sind Anleger gezwungen, nach neuen Renditequellen zu suchen. Liquid Alternatives dürften sich hierbei als interessantes Investmentvehikel erweisen.
Abb. 8: Aktienrenditeerwartung deutlich geringer als in letzter Dekade
Langfristige Renditeerwartung großer ausgewählter Banken und Asset Manager
Herausgeber

Ulrich Urbahn
Ulrich Urbahn ist CFA-Charterholder und gehörte bei der renommierten Extel-Umfrage jahrelang zu den drei weltweit besten Multi-Asset-Research-Teams an. Nach seinen Diplomen in VWL und Mathematik an der Universität Heidelberg war er mehr als zehn Jahre bei der Commerzbank unter anderem als Senior-Cross-Asset-Stratege tätig. Er arbeitet seit Oktober 2017 für Berenberg und leitet die Abteilungen Multi Asset Strategy & Research sowie Portfoliomanagement Alternatives. Darüber hinaus ist er stimmberechtigtes Mitglied des Investment Committees und für die Kapitalmarktkommunikation verantwortlich.
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