Brasiliens Präsidentschaftswahl führte zu einem „schwarzen Montag“ auf den heimischen Börsen
Der 26. Oktober 2026 war ein schwarzer Tag für die brasilianischen Finanzmärkte: Der Ibovespa, Brasiliens Leitindex, schloss am Montagabend 13,9% unter seinem Schlusskurs von Freitag, während der brasilianische Real um 8,3% abwertete. In Deutschland gelistete ETFs, die den breiten brasilianischen Markt replizieren, verloren rund 20,3%, während die BRL-Renditen 10-jähriger brasilianischer Staatsanleihen über das Wochenende um mehr als 230 Basispunkte stiegen. Innerhalb des Tages waren die Verluste so groß, dass der Circuit Breaker kurzzeitig den Handel aussetzte – zum ersten Mal seit der COVID-Pandemie. Mittlerweile hat der Ibovespa seine zwischenzeitliche Jahresgewinne von rund 27,3 % fast vollständig revidiert. Brasiliens „Schwarzer Montag“ war eine Konsequenz der Wahlergebnisse der brasilianischen Präsidentschaftswahl am Sonntag. Diese konnte Präsident Inácio Lula da Silva (kurz Lula) überraschend für sich entscheiden - obwohl der marktfreundlichere Gegenkandidat Flavio Bolsonaro als klarer Favorit in den Wahlabend gegangen ist.
Die überraschende Wahlniederlage von Bolsonaro erwischte Investoren auf dem falschen Fuß
Vor dem Hintergrund eines potenziellen Wahlsiegs Bolsonaros und einer Umsetzung seiner Wirtschaftsagenda aus fiskalischer Konsolidierung, Privatisierung von Staatsbetrieben und strukturellen Steuerreformen rotierten Investoren im Vorfeld der Wahlen stark in brasilianische Vermögenswerte. So verzeichnete die brasilianische Börse Rekordzuflüsse vonseiten ausländischer Investoren, nachdem Flávio Bolsonaro die erste Wahlrunde für sich entscheiden konnte; brasilianische Aktien- und Devisenindizes werteten über die letzten Wochen und Monate mit steigenden Gewinnwahrscheinlichkeiten Bolsonaros auf.
Angesichts der brasilianischen Fiskallage und des hohen Zinsniveaus wären die Reformen Bolsonaros bitter nötig gewesen: Brasiliens Bruttostaatsverschuldung liegt derzeit bei 82,5% des BIP – das Land muss mehr als 8% seiner Wirtschaftsleistung dafür aufbringen, die Zinslast zu bedienen. Zudem nimmt der Wachstumstrend der brasilianischen Wirtschaft ab, während die hohen Inflationsdaten den Spielraum der brasilianischen Zentralbank einschränken, die Zinsen zu senken. Die angestrebte Haushaltskonsolidierung unter Bolsonaro hätte dabei nicht nur den Staatshaushalt entlastet, sondern auch der Zentralbank bei der Inflationsbekämpfung geholfen. Daher kommt es wenig verwunderlich, dass die Aktien- und Anleihemärkte des Landes, die stark unter dieser Gemengelage gelitten hatten, so positiv auf die Reformvorhaben von Bolsonaro reagierten.
Lula bleiben die Hände gebunden: Fiskalischer Spielraum bleibt mit einem rechten Kongress eingeschränkt
Mit Lulas Wiederwahl fehlt dem Markt hingegen die Aussicht auf eine solche wirtschaftliche Besserung. Zudem hatte Lula im Vorfeld der Wahlen den bisherigen finanzpolitischen Kurs bekräftigt und schließt weitere Steuererhöhungen nicht aus. Zumindest auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Brasiliens wirtschaftspolitischer Status quo erhalten bleibt.
Dennoch dürften Lulas politische Vorhaben durch das Gegengewicht eines nun mehrheitlich rechtsgerichteten Kongresses deutlicher eingeschränkt werden. Dies ist darin begründet, dass die Abgeordnetenkammer des Kongresses nicht auf einem Mehrheitswahlrecht wie in den USA basiert, sondern einem Verhältniswahlrecht. Dementsprechend besitzt der gewählte Präsident keine natürliche Mehrheit und muss wechselnde Koalitionen bilden – und vor allem aufrechterhalten –, um die Mehrheit der Gesamtstimmen zu sichern. Da der neu besetzte Kongress nun durch eine gegenüber dem Präsidenten oppositionelle Mehrheit von Bolsonaros Partei dominiert wird, dürfte dies schwerfallen. Somit sind dem Präsidenten ohne eine Koalition zunächst die Hände gebunden.
Risiken eines langwierigen Abverkaufs brasilianischer Vermögenswerte dürften dennoch begrenzt bleiben
Trotz des Gegengewichts, dem Lula mit der rechtsgerichteten Kongressmehrheit gegenübersteht, scheinen sich die brasilianischen Aktienmärkte, die in den Tagen nach den Wahlen ihre Kursgewinne des Jahres nahezu komplett wieder abgegeben haben, zunehmend für den wirtschaftspolitischen Worst Case zu positionieren. Sollte sich Lula in Zusammenarbeit mit einer rechten Kongressmehrheit auf einen weniger expansiven fiskalischen Kurs einlassen, dürfte dies die Märkte positiv überraschen.
Gleichzeitig bleiben strukturelle Rückenwinde für brasilianische Aktien intakt – auch ohne eine Bolsonaro-Präsidentschaft. Hierzu zählen unter anderem die hohe Rohstoffexponierung des Landes sowie die prolateinamerikanische Agenda der US-Regierung, welche die günstig bewerteten brasilianischen Märkte strukturell stützen sollten. In Verbindung mit der nun deutlich bereinigten Positionierung dürfte das Abwärtspotenzial von brasilianischen Vermögenswerten daher zumindest mittelfristig limitiert bleiben.



