Am 22. Mai hat Kevin Warsh sein Amt als neuer Vorsitzender der US Federal Reserve angetreten. Donald Trump hat in der Vergangenheit immer wieder Druck auf die US-Notenbank ausgeübt, ihre Zinsen kräftig zu lockern. Sollte die Fed dem nachgeben? Und wird sie es unter ihrem neuen Vorsitzenden tun? – In Europa haben sich mehrere Mitglieder des Zentralbankrates in den vergangenen Tagen dafür ausgesprochen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) auf ihrer nächsten Sitzung am 11. Juni ihre Geldpolitik straffen sollte. Wie ist diese Forderung einzuordnen? Und wird die EZB dieser Forderung nachkommen? – Die Finanzmärkte erwarten derzeit, dass die EZB innerhalb der nächsten zwölf Monate ihren Einlagesatz mindestens zweimal, vielleicht sogar dreimal um jeweils 0,25 Prozentpunkte anheben wird. Welche Folgen hätte das für die Inflation und die Konjunktur? – Staaten finanzieren sich überwiegend über Steuern und über Staatsanleihen. Die Renditen für Staatsanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit gelten als wichtigste Bezugswerte für die Anleihemärkte insgesamt. Wie haben sich die Renditen für US Treasuries und für deutsche Bundesanleihen in diesem Jahr bislang entwickelt? Und wie wird diese Entwicklung in den nächsten zwölf bis 18 Monaten voraussichtlich weitergehen? – Mit den Renditen steigen die Kosten, zu denen Staaten sich an den Märkten Geld leihen können. Wie sehr sind die Staatsschulden in den USA und in Deutschland gestiegen? Wie lange können sich beide Staaten das noch leisten? Und wie unterscheiden sich die USA und Deutschland diesbezüglich. – Zu den expliziten Staatschulden kommen implizite Verbindlichkeiten hinzu, die weit höher sind. Was sind diese impliziten Staatsschulden? Und wie gefährlich sind diese?
Episode #302
Transkript zur Episode
[00:00:00] Prang: Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zur aktuellen Folge von Schmiedings Blick am 28. Mai. Heute sprechen wir schwerpunktmäßig über einige der Standardthemen, die die Finanzmärkte und unsere Hörer immer wieder bewegen, nämlich über Zinsen, Anleiherenditen und Staatsschulden.
Mein Name ist Christoph Prang, ich bin Experte für Unternehmenskommunikation bei Berenberg und führe das Gespräch mit unserem Gastgeber Dr. Holger Schmieding.
Holger, beginnen wir mit den Leitzinsen der größten Notenbank der Welt, der US Federal Reserve. Dort hat am 22. Mai Kevin Warsh sein Amt als neuer Vorsitzender angetreten. Donald Trump hatte ihn als Nachfolger von Jerome Powell vorgeschlagen. Trump hatte in der Vergangenheit immer wieder deutlich gemacht, dass die US-Notenbank ihre Zinsen kräftig lockern sollte, um der Konjunktur zusätzlichen Schwung zu verleihen. Was meinst du, sollte die Fed ihm diesen Wunsch jetzt erfüllen?
[00:01:07] Schmieding: Nein, absolut nicht. Die US-Inflation ist hoch, 3,8 Prozent. In den USA ist die Haushaltspolitik, die Fiskalpolitik weiterhin expansiv mit erheblichen Steuergeschenken für die Bürger in diesem Jahr. Das Wachstum in den USA liegt bei etwa zwei Prozent.
Die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Es gibt in den USA keinen Grund für noch geringere Zinsen. Derzeit liegt der Leitzinskorridor bei 3,5 bis 3,75 Prozent. Man könnte eher argumentieren, dass angesichts der Fiskalpolitik, die ja konjunkturell Gas gibt, dass angesichts dessen eigentlich die Leitzinsspanne etwas höher liegen sollte.
[00:01:47] Prang: Und unabhängig von dem, was du für richtig hältst, erwartest du, dass die Fed unter ihrem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh ihre Geldpolitik lockern wird?
[00:01:57] Schmieding: Nein, wahrscheinlich nicht. Kevin Warsh dürfte, falls er tatsächlich das vorschlagen möchte, dafür keine Mehrheit im Zentralbankrat, dem sogenannten Offenmarktausschuss, finden.
Viele andere Mitglieder sind auch nach dem Druck, den Trump auf die Zentralbank ausgeübt hat, eher der Meinung, man sollte sich dem widersetzen, den Wünschen von Trump und auch in gewissem Sinne der Öffentlichkeit, den internationalen Anlegern zeigen: Wir beugen uns nicht den wirtschaftlich unvernünftigen Wünschen des US-Präsidenten.
Auf Dauer wäre das für die USA besser, wenn die Zentralbank zeigt, sie ist unabhängig. Und wie schon gesagt, es gibt wirtschaftlich eigentlich keinen Grund für noch niedrigere Leitzinsen in den USA.
[00:02:41] Prang: Dann schwenken wir jetzt den Blick zu uns und kommen auf die Europäische Zentralbank zu sprechen. Mehrere Mitglieder des Zentralbankrates, darunter auch die deutschen Mitglieder Joachim Nagel und Isabel Schnabel, haben sich in den vergangenen Tagen dafür ausgesprochen, dass die EZB auf ihrer nächsten Sitzung am 11. Juni ihre Geldpolitik straffen sollte. Siehst du das auch so?
[00:03:04] Schmieding: Nein, es wäre sogar ein erheblicher Fehler, wenn die Europäische Zentralbank jetzt ihren Leitzins anheben würde, also ihre Geldpolitik straffen würde. Wir haben zwar aktuell eine Inflationswelle, ausgelöst durch den Irankrieg mit höheren Energiepreisen, mit höheren Transportkosten.
Wir haben aber auch eine große wirtschaftliche Unsicherheit. Zudem die höheren Energiepreise, die höheren Transportkosten, die belasten ja Haushalte und Unternehmen. Wir sehen in den Daten, dass wir offenbar in der Eurozone derzeit in einer Stagflation sind, also wirtschaftliche Stagnation bei gleichzeitig erhöhter Inflation.
Wobei die Abwärtsrisiken für die Konjunktur meines Erachtens sogar noch größer sind als die Risiken für die Inflation, also als das Risiko, dass aus der einmaligen unvermeidlichen Inflationswelle ein längeres Inflationsproblem wird. Die Europäische Zentralbank kann da mit ihren Zinsen machen, was sie will. Das wird nichts daran ändern, was sich am Persischen Golf rund um den Iran, rund um die Straße von Hormus abspielt. Ob die Energiepreise weiter steigen oder bald wieder zurückgehen, das hat mit der EZB nichts zu tun.
Und was die berühmten Zweitrundeneffekte angeht, also die Risiken, dass aus diesem einmaligen Inflationsschub ein längeres, ein größeres Problem wird, dass beispielsweise die Arbeitnehmer bei den höheren Energiekosten jetzt wesentlich höhere Löhne als Ausgleich durchsetzen können, dass die Unternehmen höhere Kosten voll auf die Verbraucher überwälzen können, was all diese Zweitrundeneffekte betrifft, müssen wir sagen, der Arbeitsmarkt in der Eurozone schwächelt. Damit haben Arbeitnehmer keine allzu guten Karten, den Verlust an Kaufkraft, den sie haben durch die höheren Energiepreise, durch einen höheren Lohn voll ausgleichen zu können. Auch Unternehmen werden sich bei schwächelnder Nachfrage der privaten Verbraucher, die ja jetzt weniger Geld für andere Dinge haben als für Benzin, für Heizöl, bei schwächelnder privater Nachfrage werden die Unternehmen sich schwertun, die Kosten, die sie haben, die Zusatzkosten, voll zu überwälzen.
Also ich glaube, dass diese einmalige Inflationswelle zwar anhalten wird für etwas länger, als die Straße von Hormus geschlossen ist, dass aber wahrscheinlich im weiteren Jahresverlauf, vielleicht ab Herbst und dann vor allen Dingen im kommenden Jahr, die Inflation wieder von sich aus unter dem Druck der Stagnation, die wir jetzt haben, bei einer wahrscheinlichen Korrektur der Energiepreise, dass die Inflation von sich aus wieder zurückgehen wird, und zwar deutlich zurückgehen wird, ohne dass die Europäische Zentralbank die Konjunktur noch mehr durch höhere Zinsen belasten muss.
[00:05:50] Prang: Auch hier die Frage: Was wird die EZB deines Erachtens am 11. Juni ungeachtet deiner Auffassung vermutlich beschließen?
[00:05:58] Schmieding: Leider sieht es so aus, dass die Europäische Zentralbank am 11. Juni ihren Leitzins um einen viertel Prozentpunkt von 2,0 auf 2,25 Prozent anheben wird.
[00:06:08] Prang: Die Finanzmärkte erwarten derzeit, dass die EZB innerhalb der nächsten zwölf Monate ihren Einlagesatz mindestens zweimal um 0,25 Prozentpunkte anheben wird.
Eine Mehrheit der Marktteilnehmer rechnet sogar mit drei solchen Zinsschritten. Welche Folge hätte das deines Erachtens für die Inflation und die Konjunktur?
[00:06:30] Schmieding: Ein Zinsschritt im Juni nach oben wäre bereits ein Fehler. Zwei oder drei Zinsschritte nach oben in diesem Jahr wären meines Erachtens ein großer Fehler der Europäischen Zentralbank.
Das würde heißen, dass aus der Stagflation, die wir jetzt haben, aus dem Stagnationsteil der Stagflation, auch eine Mini-Rezession werden könnte, gerade in Deutschland. Und das ist etwas, was wir weder brauchen, um die Inflation auf Dauer wieder auf 2 Prozent, den Zielwert der EZB, zu drücken. Und das ist etwas, was uns wirtschaftlich und politisch gerade in Deutschland erheblich schaden könnte.
[00:07:05] Prang: Dann kommen wir jetzt zum Thema Staatsschulden. Holger, zum Einstieg die Frage: Was unterscheidet Staatsschulden von privaten Schulden?
[00:07:13] Schmieding: Chris, hinter Staatsschulden steht halt ein Staat. Ein Staat, der Steuern erheben kann. Für Länder mit eigener Währung gilt zudem: Dahinter steht ein Staat, der sich das Geld selbst drucken kann.
Da ist dann allerdings immer die Frage, wie viel das Geld dieses Staates im Zweifelsfall dann noch wert ist. Staaten sind nicht mit Einzelpersonen gleichzusetzen. Wir hoffen ja, dass einzelne Menschen ihren Erben möglichst Vermögen und keine Schulden hinterlassen, dass also jeder Einzelne von uns perspektivisch seine eigenen persönlichen Schulden voll zurückzahlt im Laufe seines Lebens.
Staaten sind dagegen Organisationen mit einer zunächst einmal unbegrenzten Lebensdauer, zumindest nicht einer vorab absehbar begrenzten Lebensdauer. Da sind sie Unternehmen gleichzusetzen. Staaten und Unternehmen müssen dafür sorgen, dass sie sich ihre Schulden leisten können. Bei Unternehmen haben wir ja typischerweise in der Bilanz beide Seiten, Aktiva und Passiva.
Und wir haben bei der Finanzierungsseite das Eigenkapital und das Fremdkapital. Dass Unternehmen Schulden haben, Fremdkapital, ist ganz normal. Dass Staaten Schulden haben, ist eigentlich entsprechend auch ganz normal. Es kommt darauf an, wie sie diese Schulden einsetzen. Es kommt also letztlich nicht darauf an, ob ein Staat Schulden hat, sondern ob er mit dem Geld, das er am Markt aufgenommen hat, etwas Sinnvolles finanziert oder nicht.
Natürlich, auch bei Staatsschulden gilt: Jede einzelne Anleihe muss bedient und zurückgezahlt werden, aber die Schulden insgesamt müssen nicht abgebaut werden. Der Staat muss nur immer gut in der Lage sein, die Schulden immer zu bedienen.
[00:08:53] Prang: Staaten, du hast es eben angesprochen, finanzieren sich überwiegend über Steuern und über Staatsanleihen. Die Renditen für Staatsanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit gelten als wichtigste Bezugswerte für die Anleihemärkte insgesamt. Wie haben sich diese Renditen für US Treasuries und für deutsche Bundesanleihen in diesem Jahr bislang entwickelt?
[00:09:16] Schmieding: Nun, in den USA sind die Renditen für zehnjährige Treasuries, also zehnjährige Bundesanleihen, gestiegen in diesem Jahr von 4,2 Prozent zum Jahresbeginn auf jetzt 4,45 Prozent, wobei vor einigen Tagen die Renditen noch etwas höher lagen.
In Deutschland ist die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen in etwa mit vielerlei Schwankungen konstant geblieben. Sie liegt jetzt bei etwa 2,95 Prozent. Sie war zum Jahresbeginn bei 2,9 Prozent. Aber es gab halt viele Schwankungen. Unmittelbar vor dem Irankrieg war die Rendite mal kurzzeitig auf 2,65 Prozent abgesunken.
Und wenn wir einen größeren Blick auf das Renditegeschehen werfen, sehen wir, dass wir seit einiger Zeit einen gewissen Aufwärtstrend haben. Seit einiger Zeit, konkret seit etwa Ende 2021. Von Mitte 2019 bis Ende 2021 hatten wir ja in Deutschland sehr negative Renditen. Da lag für diese zweieinhalb Jahre die durchschnittliche Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen bei minus 0,5 Prozent. Das heißt, Anleger mussten dem Staat Geld dafür bezahlen, dass sie bei ihm ihr Vermögen für zehn Jahre parken konnten. Das hat sich mittlerweile zum Glück wieder normalisiert.
[00:10:34] Prang: Lass mich dazu einmal grundsätzlich fragen: Was treibt die Anleiherenditen?
[00:10:39] Schmieding: Nun, ganz einfach. Zunächst einmal Angebot und Nachfrage. Wie viel Geld braucht der Staat? Zu welchen Bedingungen sind Anleger bereit, ihm Geld zu leihen? Einen starken Einfluss auf die Renditen hat dabei, was der Markt erwartet von der Zentralbank. Wie werden die Leitzinsen der Zentralbank für die Laufzeit der Anleihen in etwa sein?
Zudem spielt natürlich eine große Rolle die Bonität des Schuldners. Wie solide ist der Staat? Und da ist Deutschland mit seiner Triple-A-Bewertung bei den Ratingagenturen eben in einer ganz besonderen Position. Deutschland hat weiterhin die Bestnote.
[00:11:13] Prang: Das legt eine Anschlussfrage nahe: Wie werden sich die Renditen deiner Meinung nach voraussichtlich in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten entwickeln?
[00:11:23] Schmieding: Nun, es wird sicherlich wieder einige sehr interessante Schwankungen geben. Zunächst einmal, sobald die Straße von Hormuz wieder geöffnet ist, und ich nehme an, dass das in einiger Zeit, wahrscheinlich mit Glück in einigen Wochen und nicht erst zum Ende des Sommers, passieren wird, dürften die Renditen kurzzeitig wieder etwas zurückgehen.
Wir sehen ja in den letzten Tagen bereits eine gewisse Tendenz in diese Richtung. Denn mit einem Öffnen der Straße von Hormuz würden ja die kurzfristigen Inflationsrisiken, diese aktuelle Inflationswelle, würden diese Risiken, dass diese Inflationswelle noch weiter ansteigt, ja abnehmen. Aber auf Dauer dürfte sich das einstellen, was wir ja seit Ende 2021 bereits beobachten im Trend, nämlich eine gewisse Tendenz zu insgesamt wieder etwas höheren – ich würde im langfristigen historischen Vergleich sagen, etwas normaleren Renditen.
Denn wir erwarten, dass auf Dauer völlig unabhängig von dem, was sich jetzt im Irankrieg ereignet, dass auf Dauer es einen leichten Aufwärtsdruck auf die Inflation und damit auch auf die Notenbankzinsen und die Anleiherenditen in großen Teilen der Welt geben wird, auch bei uns in Deutschland. Der wesentliche Grund für diesen Aufwärtsdruck auf Dauer ist, dass wir ja mangels Babys auf einen Arbeitskräftemangel zusteuern.
Und Arbeitskräftemangel wird heißen, dass Lohnforderungen in vielen Bereichen langfristig etwas höher sein können und etwas durchsetzbarer werden, als das bisher der Fall war. Und das heißt, dass gerade bei lohnintensiven Dienstleistungen insgesamt der Inflationsdruck zunehmen wird und das dürfte sich auch in den Anleiherenditen auf Dauer widerspiegeln.
Ich rechne also damit, als Teil dieses Langfristtrends, dass für die deutsche zehnjährige Bundesanleihe die Rendite Ende des Jahres 2026 vielleicht bei 3,1 Prozent liegen wird, Ende 2027 dann bei 3,2 Prozent und auf Dauer sich bei 3,3 bis 3,5 Prozent einpendeln könnte.
Für die USA erwarten wir für Ende des Jahres 2026 eine Rendite von 4,7 Prozent, Ende 2027 dann 5 Prozent und anschließend eher weiter nach oben.
[00:13:41] Prang: Holger, mit den Renditen steigen die Kosten, zu denen Staaten sich an den Märkten Geld leihen können. Damit sind wir zurück beim Thema Staatsschulden.
Schauen wir zunächst auf die USA: Wie sehr sind dort die Staatsschulden gestiegen? Und erwartest du für die Zukunft einen noch höheren US-Schuldenberg?
[00:14:01] Schmieding: Eindeutige Antwort: Die Staatsschulden in den USA steigen und steigen und steigen. Donald Trump trägt erheblich dazu bei. Nach den Zahlen des Internationalen Währungsfonds, die international vergleichbar sind, ist das Verhältnis von Staatsschulden zur Wirtschaftsleistung in den USA von 106 Prozent im Jahr 2017 auf 124 Prozent 2025 bereits gestiegen.
Und der Währungsfonds erwartet 142 Prozent für das Jahr 2031, also in fünf Jahren. Das ist eine Entwicklung, die auf Dauer nicht nachhaltig ist.
[00:14:38] Prang: Holger, dann muss ich hier direkt nachfragen: Können die USA sich das auf Dauer leisten? Oder schärfer gefragt: Wie lange geht das noch gut?
[00:14:46] Schmieding: Die Frage, wie lange es noch gut geht, ist praktisch nicht zu beantworten.
Grob gesagt, ich denke, bis zu fünf Jahre kann es noch gut gehen. Die USA geben ja die Leitwährung der Welt heraus. Sie sind in Dollar verschuldet. Sie können ihre Dollars, die sie brauchen für den Schuldendienst, ja selber drucken. Das hilft in geopolitisch unsicheren Zeiten und in denen leben wir, zu denen trägt Donald Trump ja kräftig bei. In solchen Zeiten sind die USA als sicherer Hafen besonders gefragt. Das erleichtert es den USA, ihre Staatsschuldtitel international zu verkaufen.
Dazu kommt, dass durch dollarbasierte Stable Coins die Nachfrage nach kurzlaufenden US-Staatsanleihen als Deckungsstock für diese dollarbasierten Stable Coins für einige Zeit deutlich zunehmen dürfte.
Also die USA können sich diese nicht nachhaltige Haushaltspolitik noch für einige Zeit leisten, aber nicht für immer. Ich erwarte schon, dass es in den USA in, sagen wir mal, etwa fünf Jahren eine Art Staatsschuldenkrise geben wird. Das heißt, dass Anleger sich weigern, die US-Schuldtitel zu kaufen, zu Renditen, zu Kursen, die für die USA akzeptabel sind. Dass sie über einen kräftig abgewerteten US-Dollar und über deutlich höhere Renditen einen kräftigen Aufschlag erwarten, die Anleger, bevor sie dann US-Staatsanleihen wieder kaufen. Und das könnte dann der Zeitpunkt sein, wo die Schmerzen für die US-Wirtschaft, wo die Schmerzen für die Entscheidungsträger in den USA, im Präsidentenamt, im Kongress, wo die Schmerzen dafür, noch höhere Renditen zu bezahlen, einen niedrigeren Dollar hinzunehmen, wo die Schmerzen größer sind, als die Schmerzen, endlich mal in den USA die Steuern zu erhöhen, um den Staatshaushalt wieder weitgehend ins Lot zu bringen.
Ich denke schon, dass es in, sagen wir, fünf Jahren eine solche zeitweilige Staatsschuldenkrise in den USA geben wird, bis dann der US-Kongress und der US-Präsident zu der Zeit die Steuern erhöht hat und anschließend der Staatshaushalt wieder weitgehend saniert ist und die USA dann wieder mit normaleren Renditen und einem normaleren Wechselkurs weitergehen können.
Um Zahlen zu nennen: Ich könnte mir denken, dass im Laufe einer solchen Krise in der akuten Zuspitzung die Rendite für US zehnjährige Anleihen auch mal 7 Prozent erreicht und der Dollar zum Euro kurzfristig auch mal auf 1,40 bis 1,50 absacken könnte, bevor dann nach einem fiskalischen Kurswechsel in den USA die Lage sich wieder beruhigt.
[00:17:27] Prang: Dann schauen wir jetzt auf Deutschland: Wie hat sich bei uns die staatliche Schuldenquote entwickelt?
[00:17:33] Schmieding: Chris, im Vergleich zu den USA sieht es bei uns einfach sehr ruhig aus. Wieder nach den Zahlen des Internationalen Währungsfonds, die international gut vergleichbar sind. Nach diesen Zahlen ist die deutsche Staatsschuldenquote derzeit bei 63 Prozent, nachdem sie im Jahr 2017 bei 64 Prozent war.
Allerdings ist sie seit dem Tiefstand von 2023 und 2024 von damals 62 Prozent leicht gestiegen, und es zeichnet sich auch ein weiterer leichter Anstieg ab. Ich nehme hier die Zahlen des Internationalen Währungsfonds, weil sie eben international vergleichbar sind und nicht die Zahlen, die bei uns als Teil der Maastricht-Kriterien immer genannt werden. Die Abweichungen sind aber relativ gering.
[00:18:18] Prang: Mit der gelockerten Schuldenbremse, dem Sondervermögen und den Zusatzausgaben vor allem für Verteidigung und für Infrastruktur steigt die deutsche Schuldenquote rasant weiter. Welche Entwicklung erwartest du hier?
[00:18:31] Schmieding: Auch hier schließe ich mich in etwa dem Internationalen Währungsfonds an. Der IWF erwartet eine deutsche Staatsschuldenquote von 74 Prozent der Wirtschaftsleistung 2031. Das dürfte realistisch sein. Damit wäre Deutschland immer noch weit, weit unter den USA und unter dem Durchschnitt für die Eurozone von wahrscheinlich etwa 90 Prozent im Jahr 2031 nach 87 Prozent im Jahr 2025. Was die Belastung des Staatshaushaltes durch den Zinsendienst betrifft, die wird bei uns auch zunehmen, und zwar deutlich zunehmen.
Aber um es ins Verhältnis zu setzen: Laut Internationalem Währungsfonds musste Deutschland im vergangenen Jahr 0,9 Prozent seiner Wirtschaftsleistung aufwenden, um die Zinsen auf die Staatsschulden zu zahlen. Dies könnte bis zum Jahr 2031 auf 1,5 Prozent steigen. Unangenehm, aber verkraftbar.
[00:19:28] Prang: Auch hier die Frage, die ich eben schon bei den USA gestellt habe: Kann Deutschland sich diese höheren Staatsschulden auf Dauer leisten? Unter welchen Voraussetzungen?
[00:19:38] Schmieding: Deutschland kann sich diese höheren Staatsschulden wahrscheinlich leisten, wenn, und jetzt wird es ganz wichtig, wenn die Wirtschaftspolitik die Weichen richtig stellt. Es kommt letztlich bei diesem Verhältnis Staatsschulden zur Wirtschaftskraft mindestens so viel auf die Wirtschaftskraft an, als auf die reine Höhe der Staatsschulden.
Denn die Wirtschaftskraft ist ja entscheidend für das mögliche Steueraufkommen. Die Frage ist also bei allen Staatsausgaben, auch bei den schuldenfinanzierten Staatsausgaben: Wird das Geld so eingesetzt, dass damit die künftige Leistungsfähigkeit der Wirtschaft des Staates, das künftige Steueraufkommen steigt oder nicht?
Wenn wir das so machen, wenn wir durch Wirtschaftsreformen, Sozialreformen, über die wir ja schon oft gesprochen haben, unser Wachstumspotenzial, unsere wirtschaftliche Leistungskraft erhöhen, dann werden diese zusätzlichen Staatsschulden kein Problem sein. Wenn wir das nicht tun, dann laufen wir auf große Probleme hinaus, und zwar auf Probleme, die weit über die Probleme mit Staatsschulden hinausreichen würden.
[00:20:42] Prang: Holger, Kritiker sagen oft, dass die staatliche Schuldenquote das Verschuldungsproblem weit unterschätzt. Zu den expliziten Staatsschulden kommen implizite Verbindlichkeiten hinzu, die weit höher sind. Was sind diese impliziten Staatsschulden?
[00:20:59] Schmieding: Diese impliziten Staatsschulden sind künftige Zahlungsverpflichtungen des Staates, die rechtlich feststehen oder politisch klar versprochen sind.
Gerade künftige Pensionen, künftige Renten, andere Leistungen, die der Staat bereits versprochen hat. Und wenn man die dann über eine lange Zeit aufsummiert, dann kommt ein richtig, richtig hoher Betrag raus. Grob gesprochen, diese impliziten Staatsschulden sind nach einigen Berechnungen mindestens fünfmal und vielleicht sogar fast sechsmal so hoch wie die eigentlichen am Markt aufgenommenen Staatsschulden. Es sind wirklich sehr hohe Zahlen, mit denen da hantiert wird.
[00:21:36] Prang: Du hast es gerade selbst gesagt, das sind ja sehr hohe Zahlen. Wie gefährlich sind diese impliziten Schulden?
[00:21:43] Schmieding: Nun, man muss halt darauf schauen, diese impliziten Schulden sind ja künftige Zahlungsverpflichtungen des Staates. Man muss schauen, wie hoch sind denn die wahrscheinlichen künftigen Einnahmen des Staates?
So werden ja unsere Renten beispielsweise aus Sozialversicherungsbeiträgen zu einem erheblichen Teil finanziert. Wie viel Sozialversicherungsbeiträge werden wir auf Dauer bekommen? Das hängt sehr stark davon ab, wie viel sozialversicherungspflichtige Beschäftigte es bei uns gibt. Also wie läuft bei uns der Arbeitsmarkt?
Wenn wir die künftigen Einnahmen des Staates den künftigen Ausgaben des Staates gegenüberstellen, dann haben wir ein besseres Verständnis von dem, was eigentlich mit diesem Begriff implizite Staatsschulden angedeutet wird. Es kommt wieder einmal auf das Verhältnis an zwischen den Verpflichtungen und dem, was man an Einnahmen künftig erwarten kann.
Man kann nicht einfach nur sagen: „Oh, die Verpflichtungen sind so hoch, das ist eine Katastrophe." Nein, man muss schauen, ob es wahrscheinlich ist, wie wahrscheinlich es ist, dass diesen künftigen Verpflichtungen auch künftige Einnahmen gegenüberstehen. Anders gesagt: Wir sind wieder bei dem Thema, das uns immer, immer wieder beschäftigt hat und sicherlich auch künftig weiter beschäftigen wird: Schaffen wir es in Deutschland durch Wirtschafts- und Sozialreformen wieder zu dauerhaft mehr Wachstum zu kommen und damit auch zu dauerhaft mehr Staatseinnahmen, ohne dass die Steuersätze, die Abgabenlast, die Sozialversicherungsbeiträge erhöht werden müssen?
Ein größerer Kuchen sorgt halt dafür, dass auch der Staat mehr abbekommt, dass wir die künftigen Zahlungsverpflichtungen uns leisten können. Also zusammengefasst: Es kommt darauf an, ob die Wirtschaftspolitik die Weichen richtig stellt. Die Staatsschulden sind nicht das eigentliche Thema für Deutschland, sondern die Wirtschaftsreformen, die wir brauchen.
[00:23:35] Prang: Und diese Wirtschafts- und Sozialreformen, die du gerade angesprochen hast, werden uns auch, gerade wegen ihrer Dringlichkeit, in späteren Folgen dieses Podcasts sicher wieder beschäftigen.
In der kommenden Woche sprechen wir allerdings zunächst einmal schwerpunktmäßig über neue Entwicklungen in der Geopolitik, die auch für Wirtschaft und Finanzmärkte von großer Bedeutung sind, also über den Irankrieg und den russischen Krieg gegen die Ukraine.
Darüber hinaus blicken wir auf das deutsch-chinesische Verhältnis nach dem aktuellen Besuch von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche im selbst ernannten Reich der Mitte.
Wir würden uns freuen, wenn Sie dann wieder dabei sind. Vielen Dank für Ihr heutiges Interesse. Bleiben Sie gesund.
Über "Schmiedings Blick"
Diese Podcastreihe läuft seit April 2020 jeden Donnerstag. Sie ist entstanden in Reaktion auf Covid-19 und die Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Getragen vom Zuspruch unserer Hörer produzieren wir diesen Podcast über die Pandemie hinaus wie gewohnt weiter. Im Gespräch mit Dr. Christoph Prang bietet unser Chefvolkswirt Dr. Holger Schmieding aktuelle Einblicke in die Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte in Deutschland, Europa und der Welt.
Schmiedings Blick: Das Gastgespräch
Einmal im Monat erweitern wir den gewohnten Teilnehmerkreis, um mit externen Experten über aktuelle Themen rund um Politik und Wirtschaft zu diskutieren. Dieses Unterformat haben wir Anfang 2025 neu eingeführt. Veröffentlichung: In der Regel an jedem zweiten Donnerstag im Monat.
Über unseren Chefvolkswirt:
Dr. Holger Schmieding ist einer der profiliertesten Volkswirte in Europa. Mehrfach wurde er für seine Vorhersagen ausgezeichnet. Er war „Prognostiker des Jahres“ und dreimal bester Bankenvolkswirt in Europa bei den renommierten Extel Surveys. Bevor er 2010 zu Berenberg kam, hat er u.a. am Kieler Institut für Weltwirtschaft und beim Internationalen Währungsfonds gearbeitet und war als Chefvolkswirt Europa für die Bank of America Merrill Lynch tätig.
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