Die geopolitische Lage im Nahen Osten bleibt angespannt. Hat sich im Konflikt um den Iran in den vergangenen Tagen etwas ereignet, das den Ausblick auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte erheblich verändern könnte, oder bleibt die Lage vorerst unverändert? – Ein Blick auf die globale Konjunktur führt zu den jüngsten Wirtschaftsdaten aus den USA. Bleibt das Land weiterhin auf Wachstumskurs? Wo liegen derzeit die Stärken der US-Wirtschaft? Und an welchen Stellen zeigen sich die größten Risiken? – Die aktuellen Wirtschaftszahlen aus Deutschland sind etwas besser ausgefallen als erwartet. Was hat die Konjunktur im ersten Halbjahr gestützt? Und was ist die größte Schwachstelle der deutschen Wirtschaft? – Auch die Wirtschaft der Eurozone insgesamt konnte trotz des Irankrieges im zweiten Quartal weiter wachsen. Haben neben Deutschland auch andere Länder positiv überrascht? Wo liegen jetzt die größten Risiken? Und ist angesichts dieser Entwicklung mit einem weiteren Zinsschritt der Europäischen Zentralbank nach oben zu rechnen? – Schließlich: In Deutschland haben einige Politiker vorgeschlagen, das Reformpaket für die Rente wieder aufzuschnüren. Worum geht es in der aktuellen Diskussion? Und wie ist diese Debatte zu bewerten?
Episode #310
Transkript zur Episode
[00:00:06] Lohmann: Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zu einer neuen Folge von Schmiedings Blick am 6. August. Heute sprechen wir schwerpunktmäßig über die Konjunktur in Deutschland, Europa und den USA. Zudem gehen wir kurz auf die aktuelle geopolitische Lage sowie auf die deutsche Rentendiskussion ein. Mein Name ist Famke Lohmann, ich bin Expertin für Unternehmenskommunikation bei Berenberg und führe heute das Gespräch mit unserem Gastgeber Dr. Holger Schmieding.
Holger, starten wir direkt mit der Frage, die uns gefühlt schon die letzten fünf Monate begleitet: Hat sich im Konflikt um den Iran in den vergangenen Tagen etwas ereignet, das den Ausblick auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte jetzt noch einmal erheblich verändern könnte oder bleibt die Lage vorerst unverändert?
[00:00:53] Schmieding: Famke, es ist ja ein fast schon bekanntes Spiel. Die Nachrichtenlage wechselt ständig. Trump droht, Trump macht einen Rückzieher, die Ölpreise gehen rauf und runter. Aber immerhin, es gibt jetzt die begründete Hoffnung auf ein neues Teilabkommen, ein Teilabkommen über 60 Tage freie Schifffahrt durch die Straße von Hormus.
Allerdings, das hatten wir ja schon mal und das hatte nicht gehalten, das erste Teilabkommen dieser Art. Vielleicht haben ja beide Seiten etwas gelernt. Immerhin, es gibt wieder etwas mehr Hoffnung. Wichtig ist zweierlei: Erstens, die Ölpreise schwanken zwar stark, derzeit etwa um den Preis von 85 Dollar pro Fass Brent Aber die Schwankungen sind auf einem deutlich niedrigeren Niveau, als wir das vom März bis zum Mai hatten.
Und zweitens: Wirtschaft und Finanzmärkte gewöhnen sich langsam an diese schwankende Nachrichtenlage. Also alles in allem bleibe ich bei meiner Zuversicht, dass der Iran-Krieg schlimm ist, möglicherweise noch einmal richtig schlimm wird, dass aber insgesamt die Bedrohung, die von diesem Krieg ausgeht, für die Weltwirtschaft, für die Weltkonjunktur, für uns eher etwas nachlässt, als dass sie größer wird.
[00:02:00] Lohmann: Das behalten wir also weiter genau im Auge. Lass uns jetzt über die Konjunktur sprechen. Ende letzter Woche gab es erste Zahlen zur Wirtschaftsleistung in den USA, Deutschland und Europa im zweiten Quartal. Beginnen wir mit den USA. Das Land bleibt auf Wachstumskurs, oder?
[00:02:15] Schmieding: Ja, die USA sind weiterhin auf Wachstumskurs.
Man könnte die Lage in den USA zusammenfassen mit dem Wort mittelprächtig. Im zweiten Quartal ist die Wirtschaftsleistung dort um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen, nach einem Zuwachs von 0,5 Prozent im ersten Quartal. Im Vorjahresvergleich ist die US-Wirtschaft jetzt 2,1 Prozent größer als vor einem Jahr. Also im Trend haben wir in den USA derzeit eine Wachstumsrate von 2 Prozent.
Wir müssen allerdings bedenken, dass dieses Wachstum künstlich gestützt ist, auch durch die expansive Fiskalpolitik, durch die Steuersenkungen, durch zusätzliche Staatsausgaben. Das Defizit des Bundes in den USA strebt auf 6,5 Prozent der Wirtschaftsleistung zu, nach 5,8 Prozent im vergangenen Jahr. Ohne diesen Fiskalimpuls würde das Wachstum in den USA wahrscheinlich eher bei 1,5 Prozent liegen.
[00:03:08] Lohmann: Wenn wir genauer hinschauen: Wo liegen derzeit die echten Stärken der US-Wirtschaft und an welchen Stellen siehst du im Moment die größten Risiken?
[00:03:15] Schmieding: Nun, die Stärken, soweit wir das in der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage sehen, sind eindeutig beim privaten Verbrauch. Der hat auch im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 2,3 Prozent zugelegt.
Dazu kommt ein richtiger Investitionsboom in den USA. Die Investitionen ohne Wohnungsbau waren im zweiten Quartal 6 Prozent höher als im Vorjahr. Das sind echte Stärken. Aber wir müssen auch dazu sagen, der private Verbrauch wird ja getrieben durch Steuersenkungen und dadurch, dass die Verbraucher weniger sparen als vorher.
Das ist auf Dauer gefährlich. Und was die Investitionen betrifft, das sind ja vielfach Investitionen in künstliche Intelligenz, nicht Investitionen im verarbeitenden Gewerbe. Und bei künstlicher Intelligenz sehen wir, dass diese Investitionen oftmals Komponenten sind, Chips, die die USA aus Taiwan, aus Südkorea einführen müssen.
Also der eigentliche Wirtschaftsboom durch diese starke, starke Zunahme der Investitionen in künstliche Intelligenz. Der eigentliche Wirtschaftsboom findet dort in Südostasien statt, nicht in den USA. Zudem müssen wir bei künstlicher Intelligenz immer mehr fragen, ob tatsächlich diese Investitionen auf Dauer die Renditen erwirtschaften können, die viele, viele Anleger sich derzeit erhoffen.
[00:04:34] Lohmann: Holger, machen wir nun den Schwenk rüber zu uns nach Deutschland. Die Wirtschaftszahlen für das Frühjahr sind ja insgesamt etwas besser ausgefallen, als viele im Vorfeld erwartet hatten, oder?
[00:04:43] Schmieding: Ja, die deutsche Konjunktur ist im ersten Halbjahr 2026 besser gelaufen als befürchtet. Besser ist fast ein zu großes Wort.
Man könnte auch sagen, weniger schlecht. Ich hatte mit dem Ausbruch des Iran-Krieges ja befürchtet, dass Deutschland in eine Stagflation abrutschen würde. Stagnation, also kein Wirtschaftswachstum bei hoher Inflation. Die jüngsten Zahlen sind so, dass die Inflation zwar zu hoch ist, aber eher ein bisschen wieder rückläufig und vor allen Dingen, dass die Wirtschaft tatsächlich etwas zugelegt hat.
Die Zahlen besagen jetzt, dass wir im zweiten Quartal einen Zuwachs der Wirtschaftsleistung hatten von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal in Deutschland nach 0,4 Prozent im ersten Quartal. Und schauen wir auf den Vorjahresvergleich, so ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal um 0,9 Prozent größer gewesen als eben im Vorjahresquartal.
Man könnte es auch anders sagen: Wir haben jetzt im zweiten Quartal ein Jahr Regierung Merz gehabt. In dieser Zeit hat die Wirtschaft ein Wachstum von insgesamt 0,9 Prozent geschafft. Das ist etwas mehr als die 0,8 Prozent, die die Wirtschaft in den fünfeinhalb Jahren vorher zusammengenommen erreicht hatte. Ich will nicht sagen, dass das nur an der Regierung Merz liegt, aber immerhin, die Wirtschaftszahlen sind eigentlich für diese Regierung gar nicht so schlecht.
[00:06:05] Lohmann: Das klingt ja erst einmal erfreulich. Es wirkt ja fast so, als hätte Deutschland diese lange, zähe Phase der Stagnation endlich hinter sich gelassen. Was genau hat die Konjunktur im ersten Halbjahr eigentlich so gut gestützt?
[00:06:17] Schmieding: Die Stagnation haben wir wahrscheinlich verlassen, aber einige Details des Berichtes über die Wirtschaftsleistung sind weniger erfreulich.
Vor allen Dingen die Investitionen der Privatwirtschaft gehen weiter zurück. Das ist ein echtes Krisenzeichen. Was das derzeit ausgleicht, ist der Anstieg der öffentlichen Investitionen, sprich Fiskalprogramme, sprich Militär, sprich auch erste Anzeichen, dass die Infrastrukturinvestitionen tatsächlich zunehmen.
Und dazu kommt ein erfreulicher Wiederanstieg der Ausfuhr. Im vergangenen Jahr ist die deutsche Ausfuhr noch zurückgegangen, aber in der ersten Hälfte des Jahres 2026 konnte sie wieder zulegen. Das ist ein gewisses Hoffnungszeichen, aber es reicht offenbar nicht aus bisher, um die Wirtschaft dazu zu bringen, wieder mehr zu investieren.
Langfristig kommt es darauf an, dass wir den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken und das würden wir sehen in mehr Investitionen. Das sehen wir bisher noch nicht. So erfreulich es ist, dass Deutschland immerhin wieder auf einen leichten Wachstumskurs eingeschwenkt ist.
[00:07:20] Lohmann: Du hast es schon erwähnt, es ist natürlich nicht alles rosig. Wo liegt denn aktuell die größte Schwachstelle der deutschen Wirtschaft?
[00:07:27] Schmieding: Nun, die große Schwachstelle liegt natürlich bei den privaten Investitionen, die rückläufig sind. Das ist natürlich teilweise Ausdruck einer in der Vergangenheit oft verkorksten Energiepolitik, die jetzt gaaanz, ganz langsam auf Kurs gebracht werden soll.
Das ist natürlich auch Ausdruck eines zunehmenden Wettbewerbsdrucks aus China. Dazu kommen andere Fehler in der Wirtschaftspolitik. Also wir haben eine ausgeprägte Investitionsschwäche. Es wird in Deutschland sehr oft diskutiert, was die Probleme einzelner Branchen sind, der Automobilbranche, der Chemiebranche.
Unser Problem, das sich in der Investitionsschwäche ausdrückt, ist aber grundsätzlicher. Der Standort Deutschland wird von vielen Unternehmen nicht mehr als attraktiv genug angesehen, um dort zu investieren, um dort hochqualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen. Wir müssen in der Wirtschaftspolitik mehr tun als bisher, um den Standort Deutschland wieder zu stärken
[00:08:23] Lohmann: Wenn wir dieses Zusammenspiel aus Licht und Schatten betrachten, was zeichnet sich denn da für das deutsche Wachstum im Gesamtjahr 2026 ab?
[00:08:31] Schmieding: Nun, Famke, nach dem erfreulich positiven Start ins Jahr 2026, dem Wachstum im ersten Halbjahr, sieht es so aus, als könnten wir für das Gesamtjahr einen Zuwachs der Wirtschaftsleistung von bis zu 0,9 Prozent erreichen. Aktuell sehen ja auch die Umfragen, beispielsweise unter Einkaufsmanagern oder der ifo Geschäftsklimaindex so aus, dass wir auch im dritten Quartal etwas Wachstum bekommen, trotz des anhaltenden Iran-Konfliktes und trotz des Niedrigwassers in den wichtigsten Flüssen, also trotz der Hindernisse für Logistik, für Schifffahrt.
Und vermutlich dürften im Zeitablauf auch die Fiskalimpulse bei uns stärker werden. Also fürs Gesamtjahr könnten wir ein Wachstum erreichen von 0,9 Prozent kalenderbereinigt. Da wir eine relativ arbeitgeberfreundliche Lage der Weihnachtsfeiertage haben, könnte dann für das Gesamtjahr sogar ein Wachstum von etwas über 1 Prozent herauskommen, wenn man eben diesen positiven Kalendereffekt der arbeitgeberfreundlichen Lage der Weihnachtsfeiertage mitrechnet.
[00:09:37] Lohmann: Weiten wir nun den Blick ein wenig auf unsere Nachbarn. Haben neben Deutschland auch andere Länder im zweiten Quartal positiv überrascht?
[00:09:44] Schmieding: Nun, die wichtigste Nachricht in der Eurozone war tatsächlich, dass Deutschland wieder mitwächst, dass Deutschland nicht mehr die Eurozone stark nach unten drückt, wie das bisher der Fall war.
Wenn wir aus der Eurozone die sehr, sehr schwankungsanfälligen Zahlen für Irland herausrechnen, dann ist die Eurowirtschaft im zweiten Quartal um 0,3 Prozent gewachsen nach einem Zuwachs von 0,25 Prozent etwa im ersten Quartal. Schauen wir auf den Vorjahresvergleich, so lag im zweiten Quartal die Wachstumsrate in der Eurozone bei 1,2 Prozent.
Das entspricht in etwa dem Trendwachstum der Region. Schauen wir auf einzelne Länder: Deutschland im zweiten Quartal Zuwachs von 0,2 Prozent, Frankreich und Italien genauso. Der große Ausreißer nach oben war wieder einmal Spanien mit einem Zuwachs von 0,7 Prozent im zweiten Quartal. Spanien und Griechenland sind die Wachstumslokomotiven der Eurozone.
[00:10:37] Lohmann: Und welches Wachstum erwartest du jetzt für die Eurozone insgesamt im Gesamtjahr 2026?
[00:10:43] Schmieding: Nun, mit einem weiteren Wachstum im zweiten Halbjahr, mit dem wir rechnen, nicht allzu stark, aber immerhin, dürfte sich für das Gesamtjahr für die Eurozone eine Rate von 1,1 Prozent ergeben nach 1,0 Prozent im Vorjahr.
Für Frankreich nur mickrige 0,6 Prozent. Frankreich hat ja erhebliche politische Probleme. Für Italien vielleicht sogar 1 Prozent, für Spanien 2,6 Prozent. Trotz der Hitzewelle, die natürlich den Tourismus beeinträchtigen kann. Wir sehen die Folgen dieser Hitzewelle ja sehr drastisch in den Bildern von den Waldbränden in Spanien.
[00:11:15] Lohmann: Holger, wo liegen denn die größten Risiken für diese Prognose?
[00:11:19] Schmieding: Nun, das größte Risiko ist natürlich das, was im Iran-Krieg noch schiefgehen könnte. Wir haben ja die Annahme, dass der Ölpreis langsam bis zum Jahresende auf etwa 75 Dollar pro Fass Brent sinken wird Derzeit sind wir so ungefähr auf dem richtigen Wege dahin, aber es ist nur eine Annahme.
Und eine verwandte Annahme, die wir haben, ist, dass es keine echten Engpässe bei der Erdgasversorgung im Winter geben wird, also keine Explosion der Preise. Und das ist schon ein gewisses Risiko hier. Wenn wir auf den Füllstand der Gasspeicher schauen in der Europäischen Union, liegt der aktuell bei 58 Prozent.
Vor einem Jahr waren es 70 Prozent zu diesem Zeitpunkt im August. In Deutschland sind wir nur bei 47,5 Prozent. Vor einem Jahr waren es 62,5 Prozent. Das sind viele Zahlen. Das Wesentliche hier ist: Unsere Gasspeicher gerade in Deutschland sind derzeit weniger gefüllt, als es für diese Jahreszeit üblich ist.
Das birgt natürlich Risiken. Sollte sich die Lage an der Straße von Hormus entspannen, kein Problem. Sollte es aber dort zu einer weiteren massiven Eskalation kommen, sollte überhaupt kein Flüssiggas aus der Region exportiert werden können, dann könnte es bei uns im Winter eng werden. Also erstes großes Risiko, dass im Irankrieg noch was fürchterlich schiefgeht.
Das zweite Risiko für die Prognose für Europa und für die Prognose für Deutschland sind natürlich innenpolitische Probleme, die auf die Stimmung der Unternehmen oder Verbraucher drücken könnten. Und als drittes Risiko möchte ich erwähnen, dass die Europäische Zentralbank hoffentlich nicht durch höhere Zinsen belastet.
Sollte sie das tun, wäre das eine Gefahr für unser Wachstum.
[00:13:05] Lohmann: Du hast ja eben schon die Europäische Zentralbank angesprochen. Rechnest du angesichts dieser Dynamik eigentlich mit einem weiteren Zinsschritt nach oben?
[00:13:12] Schmieding: Ich rechne derzeit nicht mit einem weiteren Zinsschritt nach oben, aber ich weiß, dass meine Vorhersage eine Minderheitsmeinung ist.
Meines Erachtens hat die Europäische Zentralbank keinen Grund, die Zinsen anzuheben. Sie selbst hat ja im Juli gesagt, dass sie keine Anzeichen sieht für gefährliche Zweitrundeneffekte, also für eine sich verselbstständigende Inflation nach dem unvermeidlichen durch den Irankrieg ausgelösten Anstieg der Energie- und Transportkosten.
Es gibt bisher keinerlei Anzeichen für eine Lohnpreisspirale. Gegen die Ölpreise und die direkten Folgen der höheren Ölpreise, also Transportkosten zum Beispiel, kann die Geldpolitik nichts tun. Und da es keine Zweitrundeneffekte gibt, gibt es eben keinen Grund für höhere Zinsen. In gewissem Sinne hat die EZB mit ihrem Hinweis, dass sie Zweitrundeneffekte nicht sieht, ja de facto eingeräumt, dass sie eigentlich bereits im Juni keinen Grund hatte für höhere Zinsen.
Also ich hoffe, dass die Europäische Zentralbank nach dem Fehler im Juni, die Zinsen anzuheben, nicht noch einmal nachlegt und die Zinsen nicht noch einmal erhöht. Aber wenn beispielsweise der Ölpreis wieder etwas steigen würde, sagen wir auf einen Durchschnitt von fünfundachtzig bis neunzig Euro im August, dann ist zu befürchten, dass die EZB am 10. September sagt: „Aber die Inflationsrate ist ja energiebedingt immer noch viel zu hoch. Wir müssen leider die Zinsen erhöhen." Ich würde das für falsch halten, aber es ist ein nennenswertes Risiko.
[00:14:42] Lohmann: Lass uns zum Schluss noch einmal auf Deutschland schauen. Hier ist in den letzten Tagen eine neue Diskussion über die geplante Rentenreform entbrannt. Worum geht es da und wie bewertest du diese Debatte?
[00:14:53] Schmieding: Nun, auf der Basis eines Kommissionsberichts hatte sich die Regierung ja vor der parlamentarischen Sommerpause geeinigt auf ein großes Rentenreformpaket. Ein Paket, das ich alles in allem für ziemlich gut halte. Ein Kernstück dieses Pakets ist das Ende der sogenannten Rente mit 63, also der abschlagsfreien Rente nach fünfundvierzig Beitragsjahren.
Das ist eine Art Frührente auf Kosten der Gesamtheit der Beitrags- und Steuerzahler. Im vergangenen Jahr haben über 260.000 Menschen diese spezielle Frührente neu in Anspruch genommen. Es gibt einige Berechnungen, nach denen pro Rentenjahrgang dies etwa zehn Milliarden Euro kostet.
Neben der nachträglich ausgeweiteten Mütterrente gehört diese Rente mit 63 zu den gröbsten und teuersten Fehlern der Rentenpolitik der vergangenen zehn Jahre. Es war ein Kernanliegen gerade der CDU, diesen Fehler zu korrigieren, diese Art der Frührente abzuschaffen. Jetzt haben leider drei CDU-Ministerpräsidenten aus den ostdeutschen Bundesländern gedroht, sie würden diesem Teil des Pakets nicht zustimmen, sondern sie würden sogar die Rentenreform insgesamt im Bundesrat zu Fall bringen, falls es tatsächlich dabei bleibt, dass diese Rente mit 63 so abgeschafft wird.
Das Paket Rentenreform ist ja bereits ein sorgfältig austarierter Kompromiss. Da hat man sich bereits in der Koalition zwischen den Vertretern der Parteien auf etwas geeinigt. Wenn jetzt ein wichtiges Element rausgebrochen wird, könnte die gesamte Reform wanken. Das kann Deutschland sich nicht leisten.
Unsere Demografie ist ja eindeutig: Die Babyboomer gehen in den Ruhestand. Wir haben zum Glück eine steigende Lebenserwartung, damit auch eine längere Zeit, für die Menschen damit rechnen können, dass sie Rente beziehen. Wir können uns diese Frührente oder sogar ein Scheitern der Rentenreform insgesamt schlicht und einfach nicht leisten.
[00:16:49] Lohmann: Holger, das wirft natürlich direkt die Anschlussfrage auf: Siehst du in dieser Rentendebatte oder gar in der Reform selbst auch ein konkretes Risiko für unsere Konjunktur und das zukünftige Wachstum?
[00:17:00] Schmieding: Ja, ich sehe darin ein Risiko für unser langfristiges Wachstum. Wir sprachen ja schon über die Investitionsschwäche bei uns und ein Grund für die Zurückhaltung von Unternehmen bei Investitionen ist ja, dass bei uns die Lohnnebenkosten, die Sozialversicherungsbeiträge in den letzten Jahren kräftig gestiegen sind.
Das sind Kosten für Unternehmen und übrigens auch Kosten für Arbeitnehmer, die ja die Hälfte dieser Kosten tragen. Je höher die Lohnnebenkosten, desto mehr Unternehmen werden sagen: „Dann müssen wir leider im Ausland investieren, statt im Inland Arbeitsplätze zu schaffen oder zu erhalten." Wir können uns also höhere Lohnnebenkosten oder höhere Steuerzuschüsse für die Rente nicht leisten.
Wir brauchen eine Politik, die den Standort, den Investitionsstandort Deutschland stärkt statt schwächt. Dazu käme, sollte die Rentenreform jetzt scheitern oder sollte sie so abgeändert werden, dass sie halt nur eine kleine statt einer großen Reform ist, dann würde auch der weit verbreitete Eindruck noch stärker werden, dass die Regierung es einfach nicht gebacken kriegt.
Der Eindruck ist ja meines Erachtens völlig übertrieben. Die Regierung Merz-Klingbeil hat bereits in den letzten 13, 14 Monaten einiges erreicht. Eine lange Liste von Änderungen. Aber der öffentliche Eindruck bisher ist ja, sie schafft nicht genug. Und sollte ein Scheitern der Rentenreform oder eine nur abgespeckte Rentenreform diesen Eindruck des politischen Stillstands verstärken, dann wäre allein das ein weiteres Hemmnis für Investitionen und für letztlich das Wachstumspotenzial unseres Landes.
Natürlich, was die Detaildebatte betrifft, man kann vielleicht über Minikorrekturen sprechen, über Übergangsfristen, über einen gewissen Vertrauensschutz, aber all diese kleinen Korrekturen am Rentenpaket, wenn es sie dann geben müsste, die müssten ausgeglichen werden dann durch Einsparungen an anderer Stelle.
Denn alles in allem, wir können uns eben steigende Lohnnebenkosten zur Finanzierung der Rente, zur Finanzierung der Gesundheitsversicherung, wir können uns steigende Lohnnebenkosten einfach nicht leisten. Weniger Investitionen, weniger Arbeitsplätze sind auf Dauer für fast alle Menschen, auch die Arbeitnehmer, auch die Rentner und Möchtegernrentner, wesentlich teurer, als wenn wir jetzt mit Reformen unser Land auf eine zukunftsfestere Grundlage stellen.
[00:19:23] Lohmann: Ja, das bleibt spannend. Vielen Dank für deine Einschätzung, Holger. In der kommenden Woche sprechen wir unter anderem über die politische Lage in Deutschland im Vorfeld der drei Landtagswahlen im September. Vielen Dank für Ihr heutiges Interesse. Machen Sie's gut und bis nächste Woche.
Über "Schmiedings Blick"
Diese Podcastreihe läuft seit April 2020 jeden Donnerstag. Sie ist entstanden in Reaktion auf Covid-19 und die Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Getragen vom Zuspruch unserer Hörer produzieren wir diesen Podcast über die Pandemie hinaus wie gewohnt weiter. Im Gespräch mit Dr. Christoph Prang bietet unser Chefvolkswirt Dr. Holger Schmieding aktuelle Einblicke in die Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte in Deutschland, Europa und der Welt.
Schmiedings Blick: Das Gastgespräch
Einmal im Monat erweitern wir den gewohnten Teilnehmerkreis, um mit externen Experten über aktuelle Themen rund um Politik und Wirtschaft zu diskutieren. Dieses Unterformat haben wir Anfang 2025 neu eingeführt. Veröffentlichung: In der Regel an jedem zweiten Donnerstag im Monat.
Über unseren Chefvolkswirt:
Dr. Holger Schmieding ist einer der profiliertesten Volkswirte in Europa. Mehrfach wurde er für seine Vorhersagen ausgezeichnet. Er war „Prognostiker des Jahres“ und dreimal bester Bankenvolkswirt in Europa bei den renommierten Extel Surveys. Bevor er 2010 zu Berenberg kam, hat er u.a. am Kieler Institut für Weltwirtschaft und beim Internationalen Währungsfonds gearbeitet und war als Chefvolkswirt Europa für die Bank of America Merrill Lynch tätig.
Schmiedings Blick bei: Apple Podcasts, podcast.de, Spotify, Deezer, castbox, fyyd
Wir freuen uns über Fragen und Anregungen per E-Mail an SchmiedingsBlick%40berenberg.de.

