Ursachen und Folgen für die Wirtschaft und die Stabilität der Staatsfinanzen in Deutschland, Europa und den USA

Podcast | 27. Aug 2026

Steigende Renditen an den Anleihemärkten

Lesedauer: 15 MIN

Am Dienstag gab es neue Zahlen zur deutschen Konjunktur. Sie sind offenbar besser ausgefallen als erwartet. Was sagen die Zahlen? Was sind die Treiber dieses Aufschwungs? Und wie könnte es in den nächsten Monaten weitergehen? – Wachsende Staatsschulden sind ein Problem diesseits und jenseits des Atlantiks. Ergibt es wirtschaftlich eigentlich Sinn, dass Staaten sich verschulden? Wäre es nicht besser, wenn die Staatsausgaben immer durch Staatseinnahmen gedeckt wären? – Kritiker hoher Staatsschulden verweisen auf die Zinslast und Unmöglichkeit der Rückführung. Bürden wir mit den Schulden künftigen Generationen nicht eine immer größere Last auf? – Im Maastricht-Vertrag über die Europäische Währungsunion wurde einst eine Obergrenze von 60% für die staatliche Schuldenquote als Kriterium für die Aufnahme in den Euro genannt. Sehr viele EU-Mitgliedsstaaten haben diese Quote überschritten. Gibt es aus wirtschaftlicher Sicht so etwas wie eine feste Obergrenze für die Staatsschulden? – Die Renditen für Staatsanleihen sind in diesem Jahr spürbar gestiegen. Was sind die wesentlichen Gründe dafür? Ist die lange Zeit der Niedrigzinsen damit endgültig vorbei?  Und sind die höheren Renditen auch ein Warnsignal für die Wirtschaftspolitik? - Die Staatsschulden steigen auch in Deutschland spürbar. Der Finanzminister muss höhere Zinsen auf neu herausgegebene Staatsanleihen zahlen. Wie gefährlich ist diese Entwicklung? Und was sollte Deutschland tun, um das Problem zu entschärfen? – Vor 15 Jahren rutschten einige Länder am Rande der Eurozone, allen voran Griechenland, in eine Schuldenkrise. Wie sieht es dort heute aus? Und wie steht es um Frankreich und Italien? – In den USA sind die Renditen für Staatsanleihen in diesem Jahr kräftig gestiegen. Die Haushaltspolitik von Donald Trump ist alles andere als solide. Die Staatsverschuldung auf Bundesebene hat die 40-Billionen-Dollar-Marke überschritten. Wird es brenzlig, wie einige Medien warnen?

Episode #313

[00:00:06] Prang: Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zur aktuellen Folge von Schmiedings Blick am 27. August. Heute sprechen wir schwerpunktmäßig über den Anstieg der Renditen an den Anleihemärkten. Wieso steigen die Finanzierungskosten für Staaten, und welche Folgen könnte dies für die Wirtschaft und die Stabilität der Staatsfinanzen in Deutschland, Europa und den USA haben?

Mein Name ist Christoph Prang. Ich bin Experte für Unternehmenskommunikation bei Berenberg und führe das Gespräch mit unserem Gastgeber Dr. Holger Schmieding. Holger, lass uns vor unserem eigentlichen Thema mit einer aktuellen Frage beginnen. Am Dienstag gab es neue Zahlen zur deutschen Konjunktur. Sie sind offenbar besser ausgefallen als erwartet, richtig?

[00:01:00] Schmieding: Ja, der deutschen Konjunktur geht es offenbar gar nicht so schlecht. Das Statistische Bundesamt hat die Schätzung für das zweite Quartal für das Wachstum von 0,2 % auf 0,33 % gegenüber Vorquartal nach oben revidiert. Das war nach einem bereits unerwartet guten Zuwachs von 0,4 % im ersten Quartal. Nehmen wir die letzten drei Vierteljahre zusammen, dann ist die deutsche Wirtschaft um 1 % gewachsen.

Das ist mehr als das Ergebnis von 0,9 % für die sechs Jahre zuvor zusammengenommen. Also seit Sommer 2025, also seit kurz nach dem Antritt der Regierung Merz Klingbeil, läuft es wieder deutlich besser in der deutschen Wirtschaft. 

[00:01:44] Prang: Und was sind die Treiber dieses Aufschwungs? 

[00:01:47] Schmieding: Der größte Treiber ist die Ausfuhr. Die hat im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 3,5 % zugelegt. Ein Jahr davor stand da ein minus 1,7 %. Allerdings auch der Staatsverbrauch trägt zu der zusätzlichen Nachfrage bei. Beim Staatsverbrauch haben wir ein Plus von 3 % gegenüber Vorjahr. Der private Verbrauch dagegen: unter der Last der hohen Energiekosten schwächelt er. Auch die privaten Investitionen sind noch nicht in Gang gekommen. 

[00:02:16] Prang: Und wie könnte es in den nächsten Monaten weitergehen? Rechnest du mit einem Rückschlag, oder kann der Aufschwung noch an Fahrt zunehmen? 

[00:02:26] Schmieding: Zunächst einmal: Es gibt einige positive Zeichen, gerade auch aus der Privatwirtschaft. So ist das ifo Geschäftsklima im August zum vierten Mal in Folge gestiegen, auf den besten Wert seit einem Jahr. Gerade die Erwartungen der Unternehmen haben sich aufgehellt. Das spricht dafür, dass die Investitionen auf Dauer doch wieder etwas mehr in Gang kommen. Aber der Irankrieg macht uns zu schaffen. 

Zum einen, das gute Ergebnis fürs zweite Quartal bei den Ausfuhren liegt auch etwas daran, vielleicht sogar bei den Ausfuhren zur Hälfte daran, dass Unternehmen als Reaktion auf den Irankrieg, auf die gestörten Lieferbeziehungen jetzt Vorräte aufbauen. Und das führt auch dazu, dass sie in Deutschland mehr bestellen, mehr kaufen. Und dieser Effekt kann natürlich in einiger Zeit wieder nachlassen. Vor allem aber: die hohen Preise für Öl und Gas belasten die Haushalte und die Unternehmen Dazu kommen die etwas höheren Leitzinsen und auch das ist natürlich für die Wirtschaft über höhere Finanzierungskosten nicht gut.

Also ich nehme an, dass im zweiten Halbjahr die Wirtschaft bei uns etwas weniger dynamisch zulegen wird als im ersten Halbjahr, dass dann aber im Laufe des kommenden Jahres der Aufschwung wieder kräftiger wird und dass wir im Jahr 2028 dann bei mehr Staatsausgaben für Investitionen, für Infrastruktur, für die Verteidigung, bei mehr Privatinvestitionen und einem besseren Ausblick für den privaten Verbrauch, bei wieder geringerer Inflation, dass wir dann tatsächlich eine Art Miniboom in Deutschland erleben können.

[00:04:00] Prang: Dann kommen wir jetzt zu unserem Hauptthema: Staatsschulden. Zunächst einmal allgemein gefragt: Ergibt es wirtschaftlich eigentlich Sinn, dass Staaten sich verschulden? Wäre es nicht besser, wenn die Staatsausgaben immer durch Staatseinnahmen gedeckt wären? 

[00:04:17] Schmieding: Nun, Kredite, Schulden sind eigentlich ein normaler Teil des Wirtschaftens. Häuslebauer nehmen typischerweise Geld auf. Sie leihen es sich von der Bank beispielsweise, um ihr Haus zu bauen. Unternehmen investieren und nehmen dafür oftmals Fremdkapital Schulden auf. Wichtig ist, dass die Investitionen Erträge abwerfen, die zumindest die Finanzierungskosten decken. Auch beim Staat gilt: Investitionen können und sollten durchaus auch über Kredit finanziert werden, wobei der Investitionsbegriff nicht unbedingt etwas sein muss, was man sich traditionell unter Investition vorstellt, wie beispielsweise eine Brücke.

Zu Investitionen gehören auch Zusatzausgaben für Bildung, wenn die gut ausgegeben werden. Zu Investitionen gehören sicherlich nicht Rentengeschenke. Also es gilt, Staaten, die Kredite aufnehmen für produktive Investitionen, die die künftige Wirtschaftskraft steigern, die machen es richtig. Aber Staaten, die Kredite aufnehmen, um laufende Ausgaben, beispielsweise für die Renten, für das Gesundheitswesen, um das zu finanzieren, die machen es falsch.

[00:05:26] Prang: Aber die Staatsschulden müssen doch zurückgezahlt werden. Bürden wir mit den Schulden nicht künftigen Generationen eine immer größere Last auf? 

[00:05:35] Schmieding: Sicher, Schulden sind eine Last. Jede einzelne Anleihe des Staates muss bedient werden, aber Staatsschulden müssen nicht in dem Sinne zurückgezahlt werden, dass wir die Staatsschuld in absehbarer Zeit wieder auf null bringen müssen.

Wir haben es ja beim Staat nicht mit einer Einzelperson zu tun. Eine einzelne Person sollte möglichst beim Ableben den Erben keine Schulden hinterlassen. Der Staat ist ja eine auf Dauer angelegte Institution, wie ein Unternehmen. Bei Unternehmen gehört typischerweise Fremdkapital zur Bilanz. 

Nochmals, ganz wichtig ist, ob das Fremdkapital beim Staat, ob die Staatsschulden so eingesetzt werden, dass damit die Wirtschaftskraft steigt, so eingesetzt, dass die Erträge aus den Investitionen die Finanzierungskosten decken. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist das eine Last für kommende Generationen. Aber wenn die Staatsschulden, die Kredite richtig eingesetzt werden, dann haben ja die kommenden Generationen einen Vorteil davon, dass wir mit diesen Staatsausgaben hoffentlich eine gute Bildung, eine gute Infrastruktur finanziert haben.

Wir hinterlassen den kommenden Generationen ja nicht nur Schulden. Wir hinterlassen ihnen auch das, was sie in der Schule gelernt haben, auf der Universität gelernt haben, und das, was wir als Staat an Infrastruktur aufgebaut haben 

[00:06:58] Prang: Holger, im Maastricht-Vertrag über die Europäische Währungsunion wurde einst eine Obergrenze von 60 % für die staatliche Schuldenquote als Kriterium für die Aufnahme in den Euro genannt.

Nahezu alle Mitglieder des Euro haben diese Quote überschritten. Gibt es aus wirtschaftlicher Sicht so etwas wie eine feste Obergrenze für die Staatsschulden? 

[00:07:20] Schmieding: Die 60 % waren und sind ein recht guter Orientierungswert, aber es gibt keine feste Obergrenze für die Staatsschulden. Generell gilt: Je höher das Einkommen, je höher die Wirtschaftsleistung, desto größer ist die Schuldentragfähigkeit.

Reiche Länder können sich eine höhere Schuldenquote leisten als weniger reiche oder arme Länder. In Deutschland sieht es so aus, als würde unsere staatliche Schuldenquote von derzeit 64 % auf etwa 78 % in zehn Jahren steigen. Wir geben ja mehr Geld aus für Verteidigung, für Infrastruktur, leider auch für einige Rentengeschenke und anderes.

Damit wären wir auch bei 78 % in zehn Jahren international noch eher am unteren Rand. Generell: Eine feste Obergrenze gibt es nicht, aber man muss schon drauf achten und worauf man letztlich achten muss, um es immer wieder zu wiederholen, ist das Verhältnis zwischen Schulden zur Wirtschaftsleistung und insbesondere zu der erwarteten künftigen Wachstumsdynamik, also zu dem Wachstum, das man braucht, um die Schulden immer wieder problemlos oder mit geringen Problemen bedienen zu können.

[00:08:30] Prang: Dann kommen wir jetzt zur Entwicklung an den Märkten. Die Renditen für Staatsanleihen sind in diesem Jahr spürbar gestiegen. Was sind die wesentlichen Gründe dafür? 

[00:08:40] Schmieding: Zunächst einmal ja, die Renditen sind gestiegen. Vergleichen wir die aktuellen Renditen mit denen zum Jahresanfang, sehen wir in den USA jetzt um die 4,65 % für die zehnjährige Staatsanleihe nach etwa 4,4 % zum Jahresbeginn.

In Deutschland sehen wir einen Anstieg von 2,9 auf 3,2 %, in Italien einen ähnlichen Anstieg auf etwas höherem Niveau von 3,7 auf 4,0 %. In Frankreich haben wir einen gewissen Ausreißer mit einem ausgeprägteren Anstieg von 3,6 auf 4,1 %.

Was sind die Gründe für diese höheren Finanzierungskosten? Nun, an erster Stelle müssen wir da den Irankrieg nennen. Der treibt ja die Preise für Energie. Der treibt die Preise für Transportdienstleistungen. Das merken die Verbraucher, das merken die Unternehmen, das merken die Zentralbanken. Die derzeit höhere Inflation führt ja auch dazu, dass Zentralbanken höhere Leitzinsen haben, als es sonst der Fall wäre. Und das drückt sich auch in den Renditen für längerfristige Staatsanleihen aus. 

Dazu kommen natürlich die hohen Haushaltsdefizite, die Fehlbeträge im Staatshaushalt in den USA, Frankreich und auch bei uns mittlerweile. Und außerdem ist zu nennen in den USA der große Kapitalbedarf dort für Investitionen in künstliche Intelligenz. Das saugt natürlich Kapital ab, das sonst vielleicht in Staatsanleihen geflossen wäre. 

[00:10:04] Prang: Holger, ist damit die lange Zeit der Niedrigzinsen endgültig vorbei? 

[00:10:09] Schmieding: Ja, die Zeit der Zinsen rund um Null, das war die große historische Ausnahme. Schauen wir mal auf den langfristigen Durchschnitt für die Rendite einer zehnjährigen deutschen Bundesanleihe.

Seit 1990 lag dieser Durchschnitt bei 3,4 %, bei im Durchschnitt etwa 2 % Inflation. Wir sind jetzt bei 3,2 % in der Rendite bei einer Inflation leicht über 2 %. Man kann also sagen, die Rendite 3,2 % und die Rendite abzüglich der Inflation, sie wird die Realrendite genannt, ist historisch gesehen derzeit nicht hoch. Sie ist eher noch ein bisschen niedrig als hoch und das deutet auch an: auf Dauer ist bei der Rendite noch etwas Platz nach oben. 

[00:10:55] Prang: Sind die höheren Renditen auch ein Warnsignal für die Wirtschaftspolitik? 

[00:11:00] Schmieding: Ja, allgemein gesprochen, das sind sie. Warnsignal ist genau der richtige Ausdruck. Es ist nicht, dass wir kurz vor einer Krise stehen. Es ist nicht, dass unmittelbar der Druck ist, wir müssen massiv sofort das Ruder rumwerfen. Aber das Signal der Märkte an die Staaten in großen Teilen der Welt ist schon: Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht. 

Ihr müsst bei den Staatsschulden aufpassen, dass ihr nicht übertreibt. Ihr habt euch in dieser Ausnahmesituation, in dieser Zeit, wo nach der großen Finanzkrise der Inflationsdruck weltweit sehr gering war. Ihr habt in dieser Zeit auch der Niedrigzinsen der Zentralbanken, ihr, die Staaten, ihr habt euch zu sehr daran gewöhnt, dass ihr euch sehr günstig verschulden könnt. Ihr habt so 'n bisschen die Gewohnheit euch angeeignet, im Zweifelsfall Probleme mit Geld, mit Schulden zuzuschütten. Das muss sich auf Dauer ändern.

[00:11:52] Prang: Dann sprechen wir jetzt über die Lage in Deutschland. Die Staatsschulden steigen, der Finanzminister muss höhere Zinsen auf neu herausgegebene Staatsanleihen zahlen. Das belastet den Staatshaushalt zusätzlich. Wie gefährlich ist diese Entwicklung? 

[00:12:09] Schmieding: Gefährlich ist im deutschen Zusammenhang wohl ein etwas zu großes Wort dafür.

Im internationalen Vergleich stehen wir ja immer noch ausgesprochen gut da. Aber es stimmt schon: Wir müssen im Bundeshaushalt Platz schaffen für die zusätzlichen Ausgaben für Zinsen. Wobei diese Ausgaben für Zinsen eben historisch normal sind. Die Ausnahme waren die letzten zehn, 15 Jahre mit ausgesprochen niedrigen Zinslasten für den Bundeshaushalt.

Vermutlich werden die Zinsausgaben des Bundes von etwa 30 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf gut 80 Milliarden Euro im Jahr 2030 steigen. Das wären dann 1,5 % der Wirtschaftsleistung. Das ist ein Anstieg. Da muss im Staatshaushalt Platz geschaffen werden. 

Aber schauen wir mal im Vergleich auf die USA. Die haben im vergangenen Jahr für ihre Staatsschulden etwa 970 Milliarden Dollar zahlen müssen und dürften im Jahr 2030 bei 1,5 Billionen Dollar sein. Das wären dann 6,5 % der US-Wirtschaftsleistung. Also die USA haben da wirklich ein großes Problem vor sich. Wir in Deutschland müssen natürlich auch aufpassen, stehen aber im internationalen Vergleich, sagen wir mal, nur da als die kleinen Sünder, sicherlich nicht als einer von den großen Sündern.

[00:13:32] Prang: Und was sollte Deutschland tun, um das Problem zu entschärfen? 

[00:13:37] Schmieding: Das, was wir bereits mehrfach angesprochen haben und was wir immer, immer wiederholen sollten: Wir müssen unsere Wirtschaftskraft stärken. Es kommt ja auf das Verhältnis an von Staatsschulden zur Wirtschaftsleistung. Es kommt darauf an, was wir mit dem Geld machen, ob wir es einsetzen auf eine Art, die uns über Bildung, über bessere Infrastruktur oder über mehr äußere Sicherheit, Verteidigung, also ob wir das Geld so einsetzen, dass die Zukunft für uns besser, ertragreicher, sicherer wird, dann sind die Staatsschulden eigentlich kein großes Problem.

Konkret heißt es also, mir liegt weniger daran, ob hier und da im Staatshaushalt etwas gekürzt wird. Mir liegt sehr viel daran, dass wir die Reformen bekommen, die unsere Wirtschaftskraft stärken, die Deutschland zu einem besseren Investitionsstandort machen. Das sind Dinge, über die die Bundesregierung ja gerade spricht. Wobei man in diesem Zusammenhang erwähnen muss, zu den Reformen, die wir unbedingt brauchen, gehören eben auch eine Rentenreform, eine Gesundheitsreform, eine Pflegereform, um den Anstieg der Lohnnebenkosten der Sozialversicherungsbeiträge zu stoppen. Denn diese Lohnnebenkosten sind eins der größten Standortprobleme Deutschlands. Sie sind ja ein wichtiger Grund dafür, neben dem Übermaß an Bürokratie, dass Unternehmen oftmals derzeit lieber im Ausland als im Inland investieren. Zusammengefasst: Wir brauchen Reformen, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken. Dann haben wir auch künftig die Leistungskraft wirtschaftlich, um uns die jetzt steigenden Staatsschulden leisten zu können.

[00:15:18] Prang: Vor 15 Jahren rutschten einige Länder am Rande der Eurozone, allen voran Griechenland, in eine Schuldenkrise. Wie sieht es dort heute aus? 

[00:15:29] Schmieding: Dort sieht es einfach gut aus. Diese Länder haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie waren in der Krise, sie haben in den Abgrund geschaut, sie haben die Konsequenzen gezogen.

Griechenland ist jetzt einer der Wachstumsstars Europas. In Griechenland ist die staatliche Schuldenquote von 210 % im Jahr 2020, das war der Gipfel, das war ja die Zeit der Pandemie, auf 146 % im Jahr 2025 gesunken und in diesem Jahr sind die Griechen wahrscheinlich bei 130 %.

In Portugal ist die Entwicklung zwar nicht so ausgeprägt, aber doch ähnlich. Von 134 % staatlicher Schuldenquote 2020 auf jetzt 90 % mit einer Tendenz, die weiterhin nach unten weist. 

Man kann auch sagen, dass natürlich diese Länder auch von staatlichen Hilfen aus Deutschland, aus Europa profitiert haben und auch jetzt im Nachpandemieprogramm weiterhin profitieren. Aber der wesentliche Grund für die bessere Lage in diesen Ländern ist, dass sie ihre wirtschaftspolitischen Hausaufgaben gemacht haben. Teilweise im Staatshaushalt, aber vor allem auch durch Reformen, um die Leistungskraft, um das Wachstumspotenzial des Landes zu stärken. 

Man kann auch sagen, das Geld, das die europäischen und damit gerade auch die deutschen Steuerzahler diesen Ländern zur Verfügung gestellt haben als Hilfe zur Selbsthilfe, ist wohl die beste Investition, die wir als deutsche Steuerzahler in langer, langer Zeit gemacht haben 

[00:16:56] Prang: Und wie steht es um die zwei großen Länder in unserer Nachbarschaft im Westen und Süden, also um Frankreich und Italien?

Wie groß sind dort die Probleme? In Italien ist die staatliche Schuldenquote weiterhin viel zu hoch, richtig? 

[00:17:12] Schmieding: Ja, die italienische Schuldenquote, also Staatsschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung des Jahres, ist gesunken von 155 % im Jahr 2020, dem Pandemiejahr, auf 137 %. Der Fehlbetrag im Staatshaushalt liegt bei 3 % der Wirtschaftsleistung. Das ist im internationalen Vergleich gar nicht so hoch, was den Fehlbetrag im Staatshaushalt betrifft, aber die Wachstumsdynamik ist in Italien auf Dauer nicht groß genug. Italien braucht auf Dauer noch mehr Reformen, damit es sich die hohe Last der Staatsschulden leisten kann, beziehungsweise damit die staatliche Schuldenquote, also das Verhältnis von Schulden zur Wirtschaftsleistung, wieder abnimmt. Das ist ein Problem in Italien auf Dauer. Derzeit sieht es unter der Regierung Meloni alles in allem relativ stabil aus. 

[00:18:02] Prang: Und wie steht es um Frankreich? 

[00:18:05] Schmieding: Tja, in Frankreich sieht es schwieriger aus. Wir haben's ja eingangs schon gesagt: In Frankreich ist der Anstieg der Renditen ausgeprägter als in den meisten anderen Ländern.

In Frankreich ist die Schuldenquote mit 116 % zwar nicht die höchste in Europa, aber sie ist eben immer noch etwa so hoch wie im Pandemiejahr 2020. Vor allen Dingen ist der Fehlbetrag im laufenden Staatshaushalt, also man könnte sagen, der jährliche Neuzuwachs der Schulden mit 5 % der Wirtschaftsleistung relativ hoch.

Frankreich geht in Sachen Staatshaushalt eher etwas in die falsche Richtung, während es in Italien ja derzeit mehr oder weniger seitwärts geht. Frankreich braucht Korrekturen. Ob das politisch möglich sein wird, ist eine große Frage. Wir haben dort ja die Wahlen im Frühjahr 2027. Vorher wird wohl nicht mehr viel passieren.

Und wer immer dann die Wahl gewinnt, wird möglicherweise kurzfristig oder langfristig von den Rentenmärkten, also von den Märkten, wo Frankreich Staatsanleihen verkaufen möchte, dazu gezwungen, endlich Korrekturen im Staatshaushalt zu machen. Es könnte gut sein, dass es im kommenden Frühjahr nach den Wahlen ein Rendezvous gibt zwischen Marine und Mr. Bond. Also Marine Le Pen, die ja eine Wahrscheinlichkeit von an die 50 % hat, dass sie von rechts außen kommend die nächste französische Präsidentin wird, und Mr. Bond, nicht dem James Bond, sondern dem Mr. Bond aus dem englischen Wort Bond für Anleihen, also den Anleihemärkten. Sollte beispielsweise eine Präsidentin Marine Le Pen eine Wirtschaftspolitik, eine Haushaltspolitik, eine Anti-EU-Politik verfolgen, die dem Land schadet, würden vermutlich Anleger sich weigern, dies zu finanzieren. Dann würde Le Pen vermutlich gezwungen werden, innerhalb kürzester Zeit das Ruder rumzureißen und dann möglicherweise entgegen ihren ursprünglichen Absichten das Land auf einen fiskalisch nachhaltigen Kurs zu bringen. 

Es könnte also sein, dass wer immer die nächste französische Wahl gewinnt, dann gezwungen wird, endlich die Korrekturen im Staatshaushalt vorzunehmen, die eigentlich überfällig sind, die aber in der jetzigen politischen Lage, der Präsident hat keine Mehrheit im Parlament, die in der jetzigen politischen Lage leider nicht durchsetzbar sind.

[00:20:27] Prang: Zum Schluss richten wir noch den Blick über den Atlantik. In den USA sind die Renditen für Staatsanleihen in diesem Jahr kräftig gestiegen. Die Haushaltspolitik von Donald Trump ist alles andere als solide. Die Staatsverschuldung auf Bundesebene hat die 40-Billionen-Dollar-Marke überschritten. Wird das brenzlig, wie einige Medien warnen? 

[00:20:50] Schmieding: Nein, unmittelbar brenzlig wird es wohl nicht. Der Anstieg der Renditen in den USA entspricht ja in etwa dem Anstieg bei uns. Also wir sehen an den Märkten noch kein ausgeprägtes Misstrauensvotum in die Haushaltspolitik von Donald Trump. Aber das Defizit von 6 % in den USA, das ist auf Dauer nicht nachhaltig.

Es gibt an den Märkten viel Hoffnung auf künstliche Intelligenz, aber ich glaube, die Produktivitätsgewinne, die durch künstliche Intelligenz wohl kommen werden, werden nicht einmal ausreichen, das harte Ende der Nettoeinwanderung in die USA, also die Demografie, voll auszugleichen. Die USA sind ein sicherer Hafen in unsicheren Zeiten, auch wenn Donald Trump natürlich zu dieser Unsicherheit weltweit erheblich beiträgt.

Das hilft den USA tatsächlich derzeit dabei, trotz der unsoliden Politik, die Trump betreibt, wirtschaftlich, finanziell, noch Käufer für Staatsanleihen zu finden, wenn auch zu etwas höheren Renditen als zum Jahresbeginn. Solide ist die Politik nicht, aber eine unmittelbare Krise ist zumindest derzeit nicht erkennbar.

[00:21:56] Prang: Und wie sieht es auf Dauer aus: Steuern die USA langfristig auf eine Staatsschuldenkrise zu? 

[00:22:03] Schmieding: Auf Dauer ja. Auch wenn das, was wir zurzeit an den Märkten erleben, wohl noch nicht die Vorstufe zu einer echten Staatsschuldenkrise ist. Auf Dauer geht es in die USA wohl in die Richtung. Denn das Problem liegt ja darin: Die USA haben einen viel zu hohen Fehlbetrag im Staatshaushalt.

Die Wirtschaftsdynamik dürfte auf Dauer eher nachlassen. Mangelnde Einwanderung, Trump-Zölle, die die Wirtschaft belasten. Und das ist auch etwas, das kann auf Dauer nicht gut gehen. Es ist vor allem in den USA kein politischer Wille erkennbar, am Staatshaushalt etwas grundlegend zu verbessern. Die Demokraten, die jetzige Opposition, haben eine gute Chance, dass sie am 3. November, den Zwischenwahlen zum Kongress, in einem Haus des Kongresses die Mehrheit bekommen. Die Chancen sind über 50 % wohl, dass die Demokraten auch den nächsten Präsident oder Präsidentin stellen könnten. Aber bei den Demokraten ist ebenso wie bei den Republikanern kein politischer Wille erkennbar, den Fehlbetrag im Staatshaushalt nachhaltig zu reduzieren.

Und das heißt, wenn die Politik es nicht macht, dann wird eines Tages der Finanzmarkt, dann werden die Anleihemärkte den USA die rote Karte zeigen. Denn was nicht nachhaltig ist, geht auf Dauer nicht. Ich rechne schon damit, dass innerhalb von, sagen wir, fünf Jahren es mal zu einem kräftigen Anstieg der US-Renditen kommt und zu einem deutlichen Absacken des US-Dollars, weil Anleger das Vertrauen in die USA verlieren.

Und dann wird eines Tages der politische Schmerz der höheren Finanzierungskosten, das ist ja eine Folge von höheren Renditen für Staatsanleihen, und der politische Schmerz der zusätzlichen Inflation als Folge eines schwachen Dollars. Dann wird eines Tages der politische Schmerz dieser wahrscheinlich irgendwann kommenden Finanzierungskrise größer sein als der politische Schmerz, jetzt die Steuern zu erhöhen und damit den Staatshaushalt wieder ins Lot zu bringen.

Vorläufig zeichnet sich das noch nicht ab. Klopfen wir auf Holz, dass das nicht doch in den nächsten ein, zwei Jahren passiert. Aber auf Sicht von fünf Jahren halte ich das eher für wahrscheinlich. Wobei wir allerdings auch dazu sagen müssen: Es hat kleinere Staatsschuldenkrisen in den USA ja schon mehrfach gegeben, beispielsweise auch in den 90er Jahren. Daraufhin hatten die USA dann Steuern erhöht, und kurz danach war die Sache wieder im Lot. 

Also sollte es dann in einigen Jahren zu einer Art Staatsschuldenkrise in den USA kommen, mit einem kräftigen Anstieg der Risikoprämien, der Renditen, zu einem kräftigen Absacken des US-Dollars, dann wäre das vermutlich keine dauerhafte Krise, sondern etwas, das durch politische Entscheidungen, höhere Steuern korrigiert würde. Und die USA sind und bleiben eine flexible Wirtschaft. Nach einer solchen Krise würden sie sich wahrscheinlich auch wieder relativ schnell berappeln. 

[00:25:02] Prang: In der kommenden Woche haben wir den Energieexperten Dr. Ludwig Möhring erneut bei uns zu Gast. Ludwig Möhring ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Erdgas, Erdöl und Geoenergie.

Mit ihm sprechen wir über die Lage am Markt für Erdgas und über die Risiken für den kommenden Winter, da die Gasspeicher in Deutschland derzeit ja weit weniger gefüllt sind als eigentlich zu dieser Jahreszeit üblich. Wir würden uns freuen, wenn Sie dann wieder dabei sind. 

Vielen Dank für Ihr heutiges Interesse. Bis nächste Woche.

Über "Schmiedings Blick"

Diese Podcastreihe läuft seit April 2020 jeden Donnerstag. Sie ist entstanden in Reaktion auf Covid-19 und die Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Getragen vom Zuspruch unserer Hörer produzieren wir diesen Podcast über die Pandemie hinaus wie gewohnt weiter. Im Gespräch mit Dr. Christoph Prang bietet unser Chefvolkswirt Dr. Holger Schmieding aktuelle Einblicke in die Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte in Deutschland, Europa und der Welt.

Schmiedings Blick: Das Gastgespräch

Einmal im Monat erweitern wir den gewohnten Teilnehmerkreis, um mit externen Experten über aktuelle Themen rund um Politik und Wirtschaft zu diskutieren. Dieses Unterformat haben wir Anfang 2025 neu eingeführt. Veröffentlichung: In der Regel an jedem zweiten Donnerstag im Monat.

Über unseren Chefvolkswirt:

Dr. Holger Schmieding ist einer der profiliertesten Volkswirte in Europa. Mehrfach wurde er für seine Vorhersagen ausgezeichnet. Er war „Prognostiker des Jahres“ und dreimal bester Bankenvolkswirt in Europa bei den renommierten Extel Surveys. Bevor er 2010 zu Berenberg kam, hat er u.a. am Kieler Institut für Weltwirtschaft und beim Internationalen Währungsfonds gearbeitet und war als Chefvolkswirt Europa für die Bank of America Merrill Lynch tätig.

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