Die Straße von Hormus ist weiterhin nahezu vollständig für den Schiffsverkehr gesperrt. Wie hat sich die Blockade bisher auf Wachstum und Inflation in Europa und den USA ausgewirkt? Wie lassen sich bei der sich ständig wechselnden Nachrichtenlage Vorhersagen zu Konjunktur, Inflation und Zinsen machen? Und was sind aktuell die wahrscheinlichen Szenarien? – Russland und die Ukraine beschießen sich inzwischen weit ins jeweilige Hinterland des anderen. Hat sich etwas Wesentliches im Kriegsverlauf geändert? – Zu den ganz großen Fragen der Geopolitik gehört das Verhältnis zwischen den beiden Weltmächten USA und China. Vor drei Wochen hat Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping US-Präsident Donald Trump in Beijing empfangen. Hat Trumps Besuch Ergebnisse gebracht? Was bedeutet all dies für Taiwan? Und wie hoch ist das Risiko einer chinesischen Seeblockade Taiwans? – Auch die deutsche Wirtschaftsministerin Katharina Reiche war gerade in Beijing. Wie wichtig ist China für unsere Wirtschaft? Woran liegt es, dass chinesische Unternehmen auf dem Weltmarkt so erfolgreich sind, gerade auch in den Sektoren, die zu den klassischen Stärken der deutschen Industrie gehören? Und wie sollte unsere Wirtschaftspolitik darauf reagieren? – In der Europäischen Union gibt es eine Grundsatzdiskussion über das Verhältnis zu China. Einige Länder wie Frankreich wollen härter gegen die Flut von Einfuhren aus China vorgehen. Andere Länder wie Deutschland warnen vor Protektionismus. Welcher Umgang mit China ist der richtige?
Episode #303
Transkript zur Episode
[00:06:06] Prang: Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zur aktuellen Folge von Schmiedings Blick am 4. Juni. Heute sprechen wir zunächst über die aktuelle geopolitische Lage im Zusammenhang mit den Konflikten im Iran und der Ukraine. Danach gehen wir näher auf das Thema China ein, das auch die deutsche und europäische Wirtschaft vor immer größere Herausforderungen stellt.
Mein Name ist Christoph Prang. Ich bin Experte für Unternehmenskommunikation bei Berenberg und führe das Gespräch mit unserem Gastgeber Dr. Holger Schmieding.
Holger, auch drei Monate nach dem Beginn des Iran-Krieges ist die Straße von Hormus weiterhin nahezu vollständig für den Schiffsverkehr gesperrt. Vor dem Krieg wurden etwa 20 Prozent der Weltausfuhr an Öl und Flüssiggas durch dieses Nadelöhr verschifft. Wie hat sich die Blockade bisher auf Wachstum und Inflation in Europa und den USA ausgewirkt?
[00:07:04] Schmieding: Chris, wir sehen in den Daten, soweit sie bisher verfügbar sind, einen erheblichen Dämpfer für die US-Konjunktur und Stagflation bei uns in Europa.
In den USA ist die Inflationsrate von 2,4 Prozent im Februar, also vor dem Krieg, auf 3,8 Prozent im April gestiegen. Zudem zeichnet sich für die USA ein leichter Rückgang beim Wachstum ab. Wir erwarten für das Gesamtjahr 2026 jetzt für die US-Konjunktur einen Zuwachs von 1,7 Prozent statt 2,1 Prozent vorher.
In der Eurozone ist die Inflation von 1,9 Prozent im Februar auf 3,2 Prozent im Mai hochgeschnellt. Es zeichnet sich für die Wirtschaft eine Stagflation für mindestens ein halbes Jahr ab, also eine Stagnation der Wirtschaftsleistung bei gleichzeitig hoher Inflation. Für das Gesamtjahr 2026 rechnen wir jetzt in der Eurozone mit einem Wachstum von 0,6 Prozent statt den 1,3 Prozent, die wir noch im Februar in Aussicht gestellt hatten.
[00:08:06] Prang: Die Nachrichtenlage zum Stand der Verhandlungen zwischen den USA und Iran ändert sich ständig. Wie kannst du unter diesen Umständen überhaupt Vorhersagen zu Konjunktur, Inflation und Zinsen machen?
[00:08:18] Schmieding: Chris, es ist wirklich ein Auf und Ab, aber man gewöhnt sich ja fast schon daran, dass die Nachrichtenlage sich mehr oder weniger täglich ändern kann.
Wir müssen halt in Szenarien denken. Die Grundlage für das Szenario, auf dem unsere Prognosen zurzeit beruhen, ist die Annahme, dass das Schlimmste doch bald vorbei sein könnte. Konkret, dass die Straße von Hormus noch im Laufe des Monats Juni wieder weitgehend geöffnet wird. Etwa drei Monate später würden dann auch die Eurozone und Deutschland wirtschaftlich wieder auf einen Wachstumskurs einschwenken können. Anfangs noch verhalten natürlich.
Es wird dauern, bis Öl und Gas wieder halbwegs, halbwegs normal fließen können. Aber bei dann langsam wieder sinkenden Ölpreisen dürfte der Wiederaufschwung dann im Laufe des Jahres 2027 an Fahrt gewinnen. In diesem Szenario würde die Inflation bis Mitte kommenden Jahres wieder auf etwa zwei Prozent zurückgehen. Die EZB würde ihren Leitzins, den Einlagensatz, nur einmal erhöhen, jetzt am 11. Juni von 2,0 auf 2,25 Prozent. Es sind allerdings auch ganz andere Szenarien denkbar
[00:09:28] Prang: Du nimmst also an, dass sich die Situation bereits in diesem Monat, also noch im Juni, etwas entspannt. Worauf gründet sich diese Zuversicht?
[00:09:36] Schmieding: Nun, diese Annahme haben wir Ende April gemacht. Bisher haben wir noch keinen klaren Grund, diese Annahme zurückzunehmen, obwohl natürlich die Zeit knapp wird. Aber immerhin, beide Seiten tauschen ja Entwürfe für ein Rahmenabkommen aus. Für ein Rahmenabkommen, das auch ein Wiederöffnen der Straße von Hormus vorsieht.
Dieses Austauschen von Noten ist immerhin ein Fortschritt in den Verhandlungen. Und ein Grund für die verhaltene Zuversicht, sehr verhaltene Zuversicht, muss ich sagen, ist auch, dass beide Seiten eigentlich einen Grund haben sollten, den Krieg in absehbarer Zeit zu beenden. Trump ist innenpolitisch unter Druck, gerade mit Blick auf die Zwischenwahlen zum Kongress am 3. November. Der Krieg ist unpopulär. Die iranische Wirtschaft ohne Öleinnahmen wird schwächer und schwächer. Auch wenn der Ausdruck „Iranische Wirtschaft im freien Fall" wahrscheinlich übertrieben wäre. Die Ölpreise am Markt sind ja bereits wieder etwas gesunken. Das spiegelt so ein bisschen diese Zuversicht wider.
Im April hat ein Fass Rohöl der Marke Brent etwa hundertzwanzig Dollar im Durchschnitt gekostet. Im Mai waren es hundertacht Dollar. Aktuell sind wir etwas unter hundert Dollar pro Fass. Diese Entwicklung, die leichte Entspannung bereits jetzt am Ölmarkt, passt zu unserer Annahme, dass der Preis für Rohöl der Marke Brent bis Anfang 2027 wieder auf etwa fünfundsiebzig Dollar pro Fass zurückgehen könnte.
Das wären dann im Januar 2027 immer noch zehn Prozent mehr als Anfang dieses Jahres. Ein gewisser Aufschlag wird auch bei einem Wiederöffnen der Straße von Hormus sicherlich für einige Zeit bleiben. Anlagen müssen repariert, Lager müssen wieder aufgefüllt werden.
[00:11:24] Prang: Und wie sieht euer Szenario aus für den Fall, dass die Straße von Hormus noch den ganzen Sommer über blockiert wäre?
[00:11:32] Schmieding: Nun, wenn die Straße von Hormus noch für zwei Monate weiter geschlossen ist, dann ließe sich das vermutlich so halbwegs noch ertragen. Die Wirtschaft wäre noch etwas schwächer, der Preisdruck noch etwas größer. Aber wenn es dann darüber hinausgehen würde, weit darüber hinausgehen würde, wenn die Straße von Hormus bis sagen wir mal November, Dezember geschlossen bliebe, dann könnte es wirklich, wirklich kritisch werden.
Dann wären sehr hohe Preise für Öl und Gas im Winter möglich. Zurzeit können wir ja das Problem teilweise abfedern durch globalen Abbau von Lagern. Wir können es durch den Mehreinsatz von Kohle, gerade in China, etwas abfedern. Wir haben eine etwas geringere Nachfrage nach Energieprodukten. Aber dieses Abfedern wird nur noch für einige Zeit gehen.
Sollte die Straße von Hormus bis fast zum Jahresende geschlossen bleiben, könnte das eine erhebliche Rezession auch in Deutschland und Europa auslösen. Dann wäre auch in den USA nicht mehr von einem Wachstumsdämpfer die Rede, sondern wahrscheinlich auch dort von erheblicher Stagflation mit Rezessionsrisiken.
Gerade weil es bei einem langen, langen Problem noch viel teurer werden könnte, denke ich ja, dass der Anreiz, das zu verhindern, relativ groß ist, sowohl für die USA als auch für den Iran. Aber auch in solch einem Szenario dürfte uns in Europa wahrscheinlich ein echter Mangel nicht drohen. Aber wir würden dann, wenn die Straße von Hormus bis Jahresende geschlossen bliebe, wahrscheinlich sehr, sehr hohe Preise auf dem Weltmarkt bezahlen müssen, damit wir dann noch das Öl, das Erdgas und das Kerosin bekommen, das wir brauchen.
[00:13:18] Prang: Dann kommen wir jetzt zum zweiten großen Thema der Geopolitik, dem russischen Krieg gegen die Ukraine. Vor zwei Wochen hatten wir darüber bereits ausführlich gesprochen. Hat sich seitdem etwas Wesentliches geändert?
[00:13:31] Schmieding: Nein, sehr viel geändert hat sich eigentlich nicht. Die Lage an der Front ist offenbar weitgehend stabil.
Auf dem Schlachtfeld kommen die russischen Angreifer unter hohen Verlusten nur sehr langsam voran. Die Lage für die Ukraine ist somit insgesamt deutlich besser oder zumindest wesentlich weniger kritisch, als es vor einem Jahr mal der Fall war. Es gibt allerdings zunehmende Schäden im Hinterland, und zwar auf beiden Seiten.
Die Ukraine trifft russische Nachschublinie und russische Ölanlagen weit im Hinterland. Aber auch Russland hat seinen Bombenkrieg gegen überwiegend zivile Ziele in der Ukraine ausgeweitet. Mehr Drohnen, mehr Marschflugkörper, mehr Raketen. Man merkt, der Ukraine fehlt teilweise die Flugabwehr. Zumindest ist die Flugabwehr eingeschränkt.
Für beide Seiten wird der Abnutzungskrieg teurer und teurer. Experten aus der russischen Zentralbank und dem Finanzministerium haben einigen Berichten zufolge Putin offenbar gewarnt, dass die hohen Ausgaben für den Krieg sich nicht mehr lange durchhalten lassen. Zumindest nicht ohne große, große Schäden für die Wirtschaft des Landes.
Aber ob Putin das kümmert? Sehr offene Frage. Vorerst sieht es leider nicht nach einem baldigen Ende aus. Keine der beiden Seiten ist so schwach, dass sie den Bedingungen der anderen Seite zustimmen müsste. Das gilt gerade auch für die Ukraine, die hoffentlich, hoffentlich lange genug durchhalten kann, bis auf russischer Seite es so dunkel aussieht, dass Putin schließlich zustimmt, einem Waffenstillstand entlang der aktuellen Frontlinie.
Insgesamt glaube ich schon, wenn Europa der Ukraine noch mehr hilft mit Geld und Flugabwehrwaffen, dann ist die Wahrscheinlichkeit wohl größer als fünfzig Prozent, dass Ende 2026 oder im Laufe des Jahres 2027 Putin einem Waffenstillstand in etwa entlang der Frontlinie zustimmen muss und dass damit der Krieg für absehbare Zeit endet.
Denn wenn Europa nach einem Waffenstillstand noch massiver in die Rüstung der Ukraine investiert und in die eigene Rüstung und zudem die kriegserfahrene Ukraine sich bereit erklärt, notfalls die baltischen Staaten gegen einen hypothetischen Angriff aus Russland mit zu verteidigen, dann dürfte es Putin für einige Zeit nicht mehr wagen, die Ukraine oder ein anderes europäisches Land frontal militärisch anzugreifen.
Hybride Bedrohungen aus Russland werden allerdings wohl in jedem Fall bleiben, bleiben und eher noch zunehmen.
[00:16:05] Prang: Zu den ganz großen Fragen der Geopolitik gehört das Verhältnis zwischen den beiden Weltmächten USA und China. Vor drei Wochen hat Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping US-Präsident Donald Trump in Beijing empfangen, um direkt danach auch für den russischen Präsidenten Wladimir Putin den roten Teppich auszurollen.
Wie beurteilst du Trumps Reise nach Beijing? Hat er etwas Nützliches erreicht?
[00:16:31] Schmieding: Nun, Chris, dass die USA und China miteinander reden, das ist für sich genommen ja schon einmal recht gut. Aber echte Ergebnisse über einen Imagegewinn für Chinas roten Kaiser hinaus, das ist schwer zu erkennen. Ein paar kleinere Handelsabkommen, ja, die aber insgesamt eher chinesischen Wünschen zu entsprechen scheinen.
Nach dem Motto: Mikrochips gegen Sojabohnen und andere US-Agrargüter. Aber in den letzten Tagen gibt es wieder Berichte, dass beide Seiten wieder einige neue Handelsbeschränkungen gegen die jeweils andere Seite verhängt haben. Also eine echte Entspannung ist hier nicht erkennbar. Und dass Chinas roter Kaiser den roten Teppich für Putin ausgerollt hat, zeigt ja, dass China nicht dabei behilflich ist, den russischen Krieg gegen die Ukraine zu beenden.
Und was den Iran-Krieg betrifft, auch da ist nicht klar erkennbar, dass China tatsächlich erheblichen Druck auf Teheran ausübt, jetzt einem Abkommen mit den USA zuzustimmen.
[00:17:29] Prang: Damit sind wir bei China angekommen. Wie siehst du die Gefahr, dass es in den kommenden Jahren zu einem Konflikt um Taiwan kommen könnte?
[00:17:38] Schmieding: Chris, das ist natürlich auf Dauer die ganz große Gretchenfrage der Geopolitik. Ein militärischer Großangriff Chinas, eine Invasion, ist für die nächsten Jahre wahrscheinlich nicht zu befürchten. Möglich sicherlich, aber eher unwahrscheinlich. Der Ukrainekrieg und der Irankrieg, beide zeigen ja, dass die Abwehr gegenüber dem Angreifer oftmals im Vorteil ist.
Es ist wesentlich billiger, sich gegen einen Angriff zu schützen, als anzugreifen, um etwas zu erreichen. Das lernen die USA ja jetzt auch im Iran-Konflikt schmerzhaft. Und Chinas Militär ist wahrscheinlich noch nicht hinreichend auf einen frontalen Angriff vorbereitet. Zudem ist der Rote Kaiser ja in den letzten Monaten dabei, einen großen Teil der chinesischen Militärspitze auszuwechseln.
Auch das spricht nicht dafür, dass ein Großangriff Chinas auf Taiwan unmittelbar bevorsteht. Allerdings, es gibt ein ernsthafteres Risiko, dass China in absehbarer Zeit eine Seeblockade Taiwans versuchen könnte. Wir sehen jetzt gerade, am Beispiel der Straße von Hormus, was Seeblockaden bewirken können.
[00:18:47] Prang: Holger, hat Trumps Besuch dazu beigetragen, das Risiko einer Seeblockade zu vermindern?
[00:18:54] Schmieding: Das ist ziemlich unklar. Der Besuch hat wahrscheinlich in China den Eindruck verfestigt, dass China gegenüber den USA langfristig in der stärkeren Position ist und damit auch gegenüber Taiwan. Trump hat ja bereits vereinbarte und vom US-Kongress genehmigte Waffenlieferungen an Taiwan zur Verhandlungsmasse mit Beijing gemacht.
Das ist ein erhebliches Problem für Taiwan. Das grenzt ja an eine Art Mitspracherecht für den potenziellen Angreifer. Aber das Vorgehen Trumps kann in China auch den Eindruck stärken, dass es vielleicht gar keiner Seeblockade bedarf in den nächsten Jahren, um Taiwan in die Knie zu zwingen, da Taiwan sich ja ohnehin nicht mehr auf US-Hilfe verlassen könnte.
Also in gewissem Sinne eine chinesische, etwas in Anführungsstrichen, Hoffnung, dass Taiwan selbst ohne Seeblockade möglicherweise eines Tages klein beigeben könnte oder müsste. Der Eindruck könnte in China halt entstehen, dass der jetzige Kurs Chinas, nämlich Militärmanöver und Diplomatie, auch ohne eine Seeblockade offenbar einige Ergebnisse zeigt.
Aber dass China in den nächsten Jahren eine Seeblockade Taiwans versuchen könnte, ist und bleibt ein erhebliches Risiko, auch wenn ich es vorläufig noch nicht für sehr wahrscheinlich halte. Anders als eine chinesische Vollinvasion ist das ein meines Erachtens wirklich sehr ernst zu nehmendes Risiko im Sinne einer Eintrittswahrscheinlichkeit, die hoch genug ist, um damit rechnen zu müssen, dass es passieren könnte, auch wenn es eben wahrscheinlich doch vorläufig nicht passiert.
Oder anders gesagt, wir müssen tun, was wir können, um China davon abzuschrecken.
[00:20:34] Prang: Holger Beijing scheint heutzutage ein beliebtes Reiseziel zu sein. Letzte Woche war auch die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche dort. Lass uns deshalb näher über die deutschen und europäischen Wirtschaftsbeziehungen zu China sprechen. Wie wichtig ist China für unsere Wirtschaft?
[00:20:53] Schmieding: China ist natürlich sehr wichtig. Im Jahr 2025 hat Deutschland Waren im Wert von zweiundachtzig Milliarden Euro nach China ausgeführt. Das sind 5,2 Prozent der gesamten deutschen Warenausfuhr. Aber das sind 23 Prozent weniger als im Spitzenjahr 2022.
Damals gab es ja nach der Pandemie einen erheblichen Nachholbedarf. Aber China ist nicht unser wichtigster Markt. 9,4 Prozent der deutschen Warenausfuhr gehen in die USA. 56 Prozent gehen in andere Länder der Europäischen Union. Davon liegt Polen mit 6,4 Prozent Anteil an der deutschen Warenausfuhr jetzt weit vor China.
Bei der Einfuhr ist China wichtiger. 12,6 Prozent unserer Waren, die wir einführen, kommen aus China. Wir haben wegen diesem Missverhältnis, 82 Milliarden Euro Ausfuhr nach China, aber etwa 172 Milliarden Euro Einfuhr aus China, im Handel mit China einen Rekordfehlbetrag im vergangenen Jahr von 90 Milliarden Euro gehabt. Das ist viel.
Was die Direktinvestitionen betrifft, so haben deutsche Unternehmen ja für lange Zeit viel in China aufgebaut. Der Bestand deutscher Direktinvestitionen in dem Land beträgt etwa 100 Milliarden Euro. Umgekehrt kommen aber auch chinesische Investitionen bei uns langsam in Gang. Bisher liegt der Bestand bei knapp 15 Milliarden Euro.
Das ist ein Prozent der ausländischen Direktinvestitionen, die wir insgesamt in Deutschland haben, allerdings mit zunehmender Tendenz. Noch wichtiger ist vielleicht, dass wir bei einigen Produkten, seltenen Erden, bei Batterien, bei Solaranlagen offenbar recht abhängig von China sind, bei seltenen Erden sogar sehr abhängig.
Dazu kommt, dass deutsche Unternehmen lange Zeit einen überproportionalen Anteil ihrer Gewinne in China erwirtschaftet haben. Das dürfte allerdings weitgehend vorbei sein.
Alles in allem, China ist für uns wirtschaftlich von großer Bedeutung, aber das ändert nichts daran, dass wir im deutsch-chinesischen Verhältnis nicht nur auf wirtschaftliche Dinge schauen müssen.Wir müssen vor allem die große Politik im Auge behalten.
[00:23:06] Prang: Woran liegt es, dass chinesische Unternehmen auf dem Weltmarkt so erfolgreich sind, gerade auch in den Sektoren, die zu den klassischen Stärken der deutschen Industrie gehören?
[00:23:16] Schmieding: Nun, da lassen sich vier Gründe nennen. Zum einen gibt es in China massive Subventionen entlang der ganzen Wertschöpfungskette von der Forschung über die Produktion bis hin zum Export.
Zweitens ist die chinesische Währung massiv unterbewertet. Das macht es chinesischen Anbietern leichter, ihre Konkurrenten aus dem Ausland zu unterbieten, auch wenn in letzter Zeit die chinesische Währung ein bisschen Aufwärtstendenzen zeigt.
Drittens gibt es in China halt Regulierung oder einen Mangel an Regulierung. In China wird vieles zugelassen, was bei uns aus guten und manchmal auch aus nicht so guten Gründen so nicht möglich wäre.
Und viertens hat China mit seinen Subventionen massive Überkapazitäten aufgebaut. Diese Überkapazitäten, auch gerade in Bereichen der Hochtechnologie, zwingen die Unternehmen in China zu einem knallharten Wettbewerb. Die machen oftmals keinen Gewinn, aber in diesem knallharten Wettbewerb gibt es einen hohen Innovationsdruck in China und das zeigt sich dann an den Preisen und in der Qualität der Produkte, die aus China kommen.
[00:24:21] Prang: Holger, zeigen die chinesischen Erfolge auf dem Weltmarkt, dass Chinas Wirtschaftspolitik das Land in großen Schritten voranbringt? Oder siehst du das anders?
[00:24:31] Schmieding: Chris, ich sehe das tatsächlich anders. China verschwendet Kapital mit seinem Fokus auf Spitzentechnologie, mit seinem Fokus auf Ausfuhrerfolgen. Es möchte andere Länder von China abhängig machen, ohne selbst vom Ausland abhängig zu sein. Das ist schlicht und einfach teuer. Wir sehen in China, weil das Geld an anderer Stelle fehlt, dass die Binnenwirtschaft schwach ist.
Es gibt eine hohe Jugendarbeitslosigkeit trotz einer rapide abnehmenden Zahl von Jugendlichen. Das alles zeigt, dass China wirtschaftspolitisch auf einem teuren Holzweg ist, auch wenn die chinesischen Erfolge in der Hochtechnologie auf den Weltmärkten unserer Industrie erheblich zu schaffen machen.
[00:25:14] Prang: Es wird oftmals vom China-Schock 2.0 gesprochen. Der industrielle Aufstieg Chinas hatte zunächst vor allem traditionelle Produzenten einfacher Massengüter getroffen, insbesondere in den USA und Italien. Das war der erste China-Schock. Jetzt sind chinesische Unternehmen oftmals die wichtigsten Konkurrenten, gerade auch für deutsche Unternehmen in der Hochtechnologie. Dieser zweite China-Schock trifft gerade Unternehmen aus Deutschland besonders hart. Wie sollte unsere Wirtschaftspolitik darauf deines Erachtens reagieren?
[00:25:45] Schmieding: Chris, da sind wir vor allem bei dem Thema, das uns ja immer wieder beschäftigt: Reformen, Reformen, Reformen in Deutschland. Wir müssen den Wirtschaftsstandort, den Investitionsstandort Deutschland stärken.
Wir brauchen Bürokratieabbau. Wir müssen den Anstieg der Lohnnebenkosten stoppen. Wir brauchen steuerlich, im Sozialwesen mehr Anreize zu mehr Arbeit. Wir müssen digitaler und flexibler werden. Dazu kommt, wir brauchen ein besseres Bildungssystem, gerade mit einer besseren frühkindlichen Bildung. Also alles in allem: Wir müssen anpassungsfähiger und leistungsfähiger werden.
Dann können wir auch mit diesem China-Schock umgehen. Wir haben in Deutschland schon viele wirtschaftliche Schocks in den vergangenen Jahrzehnten letztlich gemeistert.
[00:26:29] Prang: In der Europäischen Union gibt es eine Grundsatzdiskussion über das Verhältnis zu China. Einige Länder wie Frankreich wollen härter gegen die Flut von Einfuhren aus China vorgehen. Andere Länder wie Deutschland warnen vor Protektionismus und wollen zudem mehr Rücksicht auf die eigenen Unternehmen nehmen, die in China aktiv sind und von chinesischen Gegenmaßnahmen getroffen werden könnten. Welchen Umgang mit China empfiehlst du?
[00:26:57] Schmieding: Alles in allem, geopolitisch gesehen: Vorsicht im Umgang mit China.
China hat eine staatlich gelenkte Wirtschaft. Auch Privatunternehmen müssen sich dort den staatlich gesetzten Zielen unterordnen. China verfolgt politische Ziele, die für uns bedrohlich sein könnten. Wir brauchen im Umgang mit China keinen Protektionismus im Sinne eines Schutzes bestehender Arbeitsplätze, eines Schutzes bestehender Unternehmen und der aktuellen Strukturen bei uns.
Aber was wir brauchen, ist strategisches Denken, wie wir umgehen mit einem systemischen Rivalen und das ist China. Strategisches Denken heißt, wir müssen drüber nachdenken, was wir tun müssen, um nicht abhängig zu sein von China über ein Normalmaß hinaus, um nicht erpressbar zu sein. Also: Welche Fähigkeiten brauchen wir zur nationalen Sicherheit? Wie müssen Lieferketten für kritische Produkte breiter aufgestellt werden, dass es im Falle des Falles auch ohne China geht? Dafür werden wir teils Zölle, teils Subventionen, teils Mittel für die Grundlagenforschung, teils Mittel für die angewandte Forschung bei uns brauchen. Das sind Herausforderungen, die über eine klassische Wirtschaftspolitik hinausgehen.
Wir müssen hier in Kategorien der nationalen Sicherheit und letztlich auch der Versorgungssicherheit denken, damit wir nicht erpressbar sind oder zumindest nicht erpressbar bleiben. Also alles in allem: China ist ein wichtiger Handelspartner für uns. Wir können auch chinesische Direktinvestitionen in Deutschland durchaus gebrauchen, aber wir müssen sie kontrollieren.
Wir müssen wissen, was genau chinesische Unternehmen da machen, ob sie Daten erheben, wohin die Daten gehen, welche Technologie sie verwenden. Wir müssen im Umgang mit China halt eine besondere Vorsicht walten lassen, denn China ist keine Marktwirtschaft. China ist ein Land mit einer letztlich staatlich gelenkten Wirtschaft, einer Wirtschaft, in der auch Privatunternehmen sich den staatlich gesetzten Zielen unterordnen müssen.
[00:28:59] Prang: Holger, vielen Dank für deine Einschätzung.
In der kommenden Woche können Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, sich wieder auf einen ganz besonderen Podcast freuen. Wir führen ein Gastgespräch mit Lutz Goebel. Goebel war als gelernter Bauingenieur und Unternehmer jahrelang Vorsitzender des Verbandes der Familienunternehmen. Seit 2022 leitet er den Nationalen Normenkontrollrat. Zu den Kosten übermäßiger Regulierung und zu den Themen Bürokratieabbau, Deregulierung und Staatsmodernisierung gibt es kaum einen kompetenteren und stärker an der Praxis orientierten Experten als ihn. Wir würden uns freuen, wenn Sie dann wieder dabei sind.
Vielen Dank für Ihr heutiges Interesse. Bleiben Sie gesund.
Über "Schmiedings Blick"
Diese Podcastreihe läuft seit April 2020 jeden Donnerstag. Sie ist entstanden in Reaktion auf Covid-19 und die Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Getragen vom Zuspruch unserer Hörer produzieren wir diesen Podcast über die Pandemie hinaus wie gewohnt weiter. Im Gespräch mit Dr. Christoph Prang bietet unser Chefvolkswirt Dr. Holger Schmieding aktuelle Einblicke in die Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte in Deutschland, Europa und der Welt.
Schmiedings Blick: Das Gastgespräch
Einmal im Monat erweitern wir den gewohnten Teilnehmerkreis, um mit externen Experten über aktuelle Themen rund um Politik und Wirtschaft zu diskutieren. Dieses Unterformat haben wir Anfang 2025 neu eingeführt. Veröffentlichung: In der Regel an jedem zweiten Donnerstag im Monat.
Über unseren Chefvolkswirt:
Dr. Holger Schmieding ist einer der profiliertesten Volkswirte in Europa. Mehrfach wurde er für seine Vorhersagen ausgezeichnet. Er war „Prognostiker des Jahres“ und dreimal bester Bankenvolkswirt in Europa bei den renommierten Extel Surveys. Bevor er 2010 zu Berenberg kam, hat er u.a. am Kieler Institut für Weltwirtschaft und beim Internationalen Währungsfonds gearbeitet und war als Chefvolkswirt Europa für die Bank of America Merrill Lynch tätig.
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