Die möglichen Auswirkungen auf die Geopolitik sowie auf Wirtschaft und Geldpolitik in Deutschland und Europa 

Podcast | 18. Jun 2026

Das Iran-Abkommen und seine Folgen

Lesedauer: 15 MIN

Die USA und der Iran haben sich auf ein Rahmenabkommen verständigt. Was sind die wesentlichen Punkte? Wer hat die Oberhand behalten? Und ist der Krieg damit beendet? – Der Westen und auch viele Perser hatten große Hoffnungen auf einen Systemwechsel im Iran gehegt. Stärkt die jetzige Entwicklung die Mullahs? Und was besagt der Waffenstillstand über die geopolitische Stellung der USA? – Das mögliche Ende des Irankrieges strahlt auch über die Region hinaus aus. Was bedeutet die Einigung dort für den Krieg vor unserer eigenen Haustür, also für den russischen Krieg gegen die Ukraine? Und wie könnte sich dieser Kriegsausgang auf das chinesische Vorgehen gegenüber Taiwan auswirken? – Die wirtschaftlichen Folgen des Irankrieges haben die Verbraucher bei uns deutlich zu spüren bekommen. Der Ölpreis sinkt inzwischen wieder. Was bedeutet das für die bisherigen Vorhersagen zu Wachstum und Inflation? Welche Konsequenzen hat das für die Konjunktur in Deutschland und in der Eurozone? Und wie sollte die Geldpolitik zumindest bis Jahresende nun aussehen?

Episode #305

Transkript zur Episode

[00:00:06] Prang: Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zur aktuellen Folge von Schmiedings Blick am 18. Juni. 

Aus aktuellem Anlass sprechen wir heute schwerpunktmäßig über das Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran zur Beendigung des Irankrieges. Wir werfen einen Blick sowohl auf die geopolitischen Aspekte als auch auf die Folgen für Wirtschaft und die Geldpolitik bei uns in Deutschland und Europa. Um die deutschen Reformen, die wir zunächst als Thema für heute vorgesehen hatten, wird es dann in der kommenden Woche gehen. 

Mein Name ist Christoph Prang. Ich bin Experte für Unternehmenskommunikation bei Berenberg und führe das Gespräch mit unserem Gastgeber Dr. Holger Schmieding. 

Holger, die USA und der Iran haben sich auf ein Rahmenabkommen verständigt. Fasse bitte zunächst einmal die wesentlichen Punkte dieses Abkommens für uns zusammen. 

[00:01:02] Schmieding: Nun, beide Seiten verpflichten sich, die Straße von Hormus wieder zu öffnen. Das ist ja eine Hauptschlagader des Welthandels, gerade für Öl und Flüssiggas. Der Iran bekommt offenbar Geld, beispielsweise aus den eingefrorenen Vermögen. Und beide Seiten haben sich eine Frist von sechzig Tagen gegeben für weitere Verhandlungen, unter anderem über Irans Atomprogramm. 

Es ist im Rahmenabkommen offenbar vorgesehen, dass sichergestellt werden soll, dass der Iran keine Atomwaffen entwickeln kann. Aber wie das passieren soll, das wissen wir bisher nicht. Darüber soll offenbar 60 Tage lang mindestens weiter verhandelt werden. 

[00:01:41] Prang: Viele Beobachter sagen, dass der Iran sich mit diesem Abkommen stärker durchgesetzt habe als die USA. Stimmst du dem zu? 

[00:01:50] Schmieding: Nach allem, was jetzt bekannt ist, ja. Präsident Trump hat ja vollmundig einige Ziele verkündet zum Beginn des Angriffs auf den Iran. Er wollte einen Regimewechsel. Das ist nicht passiert. Er wollte das Atom- und Raketenprogramm des Irans ein für alle Mal ausschalten. Das ist offenbar auch nicht passiert. Er sieht es offenbar als Erfolg, dass die Straße von Hormus jetzt wieder für den Schiffsverkehr geöffnet werden soll. Aber sie war ja vor dem Krieg offen.

Also als Erfolg für Trump kann man das wirklich nicht werten. Offenbar hat sich nach dem, was bis jetzt bekannt ist, der Iran insgesamt etwas stärker durchgesetzt. 

[00:02:25] Prang: Glaubst du, dass dieses Abkommen Bestand haben wird? Oder könnte der Krieg jederzeit wieder aufflammen? 

[00:02:31] Schmieding: Chris, natürlich, Risiken gibt es viele. Es kann immer mal wieder zu Konflikten kommen. Es kann am Libanon noch scheitern. Es kann in den Verhandlungen immer mal wieder stocken. Es kann sein, dass mit erneuten Militärschlägen gedroht wird. Aber alles in allem glaube ich schon, dass dieses Abkommen Bestand haben wird. Denn beide Seiten wollen offenbar, dass die Straße von Hormus wieder geöffnet wird. Trump wahrscheinlich sogar noch mehr als das Regime in Teheran. 

Bei Trump stehen ja die Zwischenwahlen zum Kongress am 3. November auf der Tagesordnung, und die hohen Ölpreise sind in den USA sehr unpopulär. Auch der Krieg insgesamt kommt bei den Wählern in den USA mehrheitlich nicht gut an. Also Trump hat einen erheblichen Anreiz, den Konflikt zu beenden, zumindest in dem Sinne, dass die Straße von Hormus nicht wieder geschlossen wird.

Es ist natürlich möglich, dass beispielsweise zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon es immer wieder zu einem Schlagabtausch kommt. Aber da denke ich, dass Trump erheblichen Druck auf den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu ausüben wird, auf Provokationen der Hisbollah nicht wieder überproportional zu reagieren.

Also alles in allem, ich glaube schon, dass es zwar noch einige schwierige Momente geben wird, dass aber insgesamt das Abkommen weitgehend Bestand haben wird. Anders gesagt, die Straße von Hormus wird weitgehend geöffnet werden und vermutlich mit möglicherweise kurzen Unterbrechungen geöffnet bleiben.

[00:04:03] Prang: Dann kommen wir jetzt zu den geopolitischen Folgen des Krieges. Wie könnten der bisherige Krieg und das Abkommen die Lage im Iran selbst verändern? 

[00:04:12] Schmieding: Es sieht so aus, dass das brutale Regime im Iran fester im Sattel sitzt als zuvor. Es dürfte auch noch weniger Hemmungen geben bei den Spitzen der Revolutionsgarden, gegen Demonstranten mit brutaler Gewalt vorzugehen oder gegen vermeintliche Regimegegner, was ja auch der Fall ist, derzeit bereits. Es gibt mehr Hinrichtungen im Iran. 

Also die Möglichkeit, dass erhebliche Teile der Bevölkerung sich gegen dieses Regime auflehnen könnten und es stürzen könnten, dürfte vorerst noch geringer sein als vorher. Langfristig ist die Situation im Iran wohl nicht stabil. Es gibt eine Bevölkerung, wo wohl die übergroße Mehrheit gerne die Mullahs und die Revolutionsgarden los wäre. Das kann auf Dauer nicht gutgehen, aber es sieht vorerst so aus, wahrscheinlich sogar noch für einige Jahre, dass die Revolutionsgarden ihre Macht eher festigen können, als dass sie gefährdet wären, die Macht zu verlieren. Es wird leider vermutlich vorerst nicht die erhoffte demokratische Revolution im Iran geben.

[00:05:16] Prang: Holger, das legt eine Anschlussfrage nahe: Wenn das Regime im Iran fester im Sattel sitzt als zuvor, wie du feststellst, was besagt dies über die geopolitische Stellung der USA? 

[00:05:27] Schmieding: Trump hat offenbar die Ziele, die er anfangs genannt hat, nicht erreicht. In gewissem Sinne hat er sich erneut als Großmaul entlarvt, und das ist wohl für das geopolitische Ansehen, für die geopolitische Stellung der USA, kein Vorteil. Alles in allem sehen die USA international jetzt eher schwächer aus als vorher. 

[00:05:47] Prang: Was könnte das mögliche Ende des Irankrieges für den Krieg vor unserer eigenen Haustür bedeuten, also für den russischen Krieg gegen die Ukraine? 

[00:05:56] Schmieding: Zunächst einmal hat der Krieg, hat der Anstieg der Energiepreise ja Geld in die russische Kriegskasse geschwemmt. Im Januar und Februar vor dem Irankrieg sah es so aus, dass in Russland, im russischen Staatshaushalt, das Geld bald sehr knapp werden würde. Das hat sich dann ja geändert. Aber es dürften jetzt ab Juni die Öleinnahmen Russlands wieder einbrechen. Die ukrainischen Schläge, die gezielten Schläge gegen russische Ölanlagen tragen auch dazu bei.

Also ich denke, dass in Russland das Geld für den Krieg knapper und knapper werden wird und dass Russland diesen Abnutzungskrieg, diesen sehr teuren Krieg, diesen Krieg, in dem Russland immer mehr Geld bieten muss, damit es noch sogenannte Freiwillige findet für den höchstgefährlichen Fronteinsatz, dass Russland diesen Krieg höchstens noch ein Jahr finanziell durchhalten kann.

Spätestens dann, vielleicht sogar früher, wird es wohl einen Waffenstillstand geben entlang in etwa der aktuellen Frontlinie. Einen Waffenstillstand, den natürlich Putin daheim als Sieg verkaufen wird, aber ein Waffenstillstand, mit dem die Ukraine wahrscheinlich dann ganz gut weiterleben könnte. 

Zudem, die ukrainische Drohnenabwehr, die Technologie der Ukraine, ist jetzt noch mehr international gefragt als vorher. Wir haben ja gesehen im Irankrieg, es kommt auf Drohnen und gerade auch auf Drohnenabwehr an. Das ist ein Imagegewinn für die Ukraine, der wahrscheinlich langfristig dem Land erheblich nutzen kann. Es hat sich herausgestellt, auch in diesem Krieg, dass gerade für Europa die Ukraine mit ihrer Technologie, mit ihrer Innovationskraft bei Drohnenabwehr und anderen Waffen, dass diese Ukraine für uns in Europa ein unverzichtbarer Sicherheitspartner geworden ist.

Die Ukraine kann uns helfen, uns vor russischen Bedrohungen zu schützen. Sie hat die technologischen Innovationen, sie hat die Kenntnisse. Wir haben zwar das Geld, aber uns fehlen die Kenntnisse, die die Ukraine auf dem Schlachtfeld täglich gewinnt, wie man mit Drohnen und anderen aktuellen Gefahren umgeht. 

[00:08:04] Prang: Und wie könnte sich das Rahmenabkommen auf ein anderes geopolitisches Konfliktfeld auswirken, auf die chinesischen Ansprüche auf Taiwan?

[00:08:13] Schmieding: Nun, der Verlauf des Irankrieges und das mögliche Ende des Irankrieges wird natürlich in China aufmerksam beobachtet. Ich glaube, die Folgen für diesen potenziellen Konfliktherd China-Taiwan sind zwiespältig. 

Zum einen: Die USA haben es in ihrem Vorgehen gegen Iran gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, gegen einen vermeintlich schwächeren Gegner voranzukommen, gegen einen Gegner, der Drohnen hat. Das merkt auch Israel derzeit im Vorgehen im Libanon gegen Hisbollah. Wir wissen es auch aus der Erfahrung der Ukraine im Abwehrkampf gegen Russland, dass ein schwächerer Gegner mit Drohnen einer überlegenen Militärmacht durchaus standhalten kann. Das dürfte insgesamt China eher weiter davon abhalten, eine Invasion Taiwans zu versuchen, also eine militärische Übernahme der Insel.

Aber zweitens: Iran hat mit der Blockade der Straße von Hormus ja offenbar einiges erreicht. Damit ist die Gefahr, dass China mal etwas Ähnliches versuchen könnte, also eine Seeblockade der Zugänge zu Taiwan, diese Gefahr ist wahrscheinlich dadurch insgesamt eher etwas gestiegen als gesunken. Das ist vermutlich eine potenzielle Eskalation, die wir in den kommenden Jahren beobachten müssen.

Ich halte es immer noch nicht für wahrscheinlich, dass China dieses riskante Spiel spielen möchte, aber die Gefahr, dass China das vielleicht doch mal machen möchte, ist durch die Erfahrung mit dem Irankonflikt, durch die Erfahrung mit der Blockade der Straße von Hormus leider insgesamt wohl eher etwas größer geworden.

[00:09:54] Prang: Dann lass uns jetzt über die wirtschaftlichen Folgen sprechen. Der Ölpreis ist in dieser Woche ja spürbar gesunken. Musst du jetzt deine Vorhersagen für Wachstum und Inflation anpassen?

[00:10:05] Schmieding: Chris, nein, zunächst einmal nicht. Denn das, was jetzt passiert, steckt in etwa in unseren Prognosen drin. Wir haben seit Ende April gesagt, als Basis für unsere Prognosen: Der Ölpreis ist hoch, er wird aber im Juni zurückgehen auf etwa 90 Dollar pro Fass Brent und wird dann weiter sinken auf etwa 75 Dollar pro Fass Brent im Januar.

Wir sind jetzt ungefähr auf dem Wege dahin. Wenn ich mir das anschaue, was die Märkte zurzeit einpreisen, dann ist das nicht so weit entfernt von den Annahmen, die wir Ende April getroffen haben, mal ein bisschen darunter, vielleicht auch mal ein bisschen darüber, aber alles in allem in etwa damit vereinbar. Das heißt, unsere Prognosen brauchen vorläufig nicht geändert zu werden.

Es steigt in gewissem Sinne unser Vertrauen, dass die Basis für unsere Prognosen, also die Annahmen über die Energiepreise, auch in etwa eintreten können. Mittlerweile ist die Chance natürlich gestiegen, dass die Ölpreise auch schneller, stärker fallen können, als wir das unseren Prognosen zugrunde gelegt haben. Und das könnte, wenn es so ist, dazu führen, dass wir etwas mehr Wachstum und etwas mehr Inflation für dieses Jahr und für das kommende Jahr voraussagen könnten. 

[00:11:22] Prang: Holger, kannst du uns bitte erläutern, was dies für die Konjunktur in Deutschland und der Eurozone bedeutet? 

[00:11:28] Schmieding: Nun, aktuell sind wir als Folge des Energiepreisschocks in der Eurozone und in Deutschland wahrscheinlich in einer Stagflation mit einem gewissen Risiko, dass aktuell, also im zweiten Quartal, die Wirtschaftsleistung in Deutschland sogar leicht rückläufig ist.

Wir erwarten für das nächste Quartal ein Mini-Wachstum. Es wird ein bisschen dauern, bis das Verbrauchervertrauen, bis das Geschäftsklima, sich wieder erholt hat und die Bürger und Unternehmen tatsächlich wieder spürbar mehr Geld ausgeben. Also das reine Verkünden eines Rahmenabkommens dürfte nicht dazu führen, dass es unmittelbar mit der Konjunktur wieder richtig losgeht.

Aber leicht zeitverzögert, sagen wir, im Schlussquartal 2026, dürfte die Konjunktur wieder normal laufen, und für das Gesamtjahr 2026 erwarten wir derzeit für die Eurozone – in Klammern: ohne Irland, da sind die Zahlen sehr volatil – erwarten wir für die Eurozone ein Wachstum von 0,6 Prozent, für Deutschland kalenderbereinigt 0,3 Prozent.

Dann, wenn ab Ende 2026 die Konjunktur wieder normal läuft, könnten im kommenden Jahr für die Eurozone 1,3 Prozent Wachstum, für Deutschland 0,9 Prozent dabei herauskommen. Und für das Jahr danach, 2028, erwarte ich eine Art Mini-Boom. Deutsche Reformen werden etwas helfen. Darüber sprechen wir kommende Woche.

Der deutsche Fiskalstimulus, mehr Ausgaben für Militär, für Infrastruktur werden im Zeitablauf auch spürbarer werden. Und wenn es Deutschland weniger schlecht geht, nutzt das auch all unseren Nachbarn, für die Deutschland ja oftmals der wichtigste Handelspartner ist. Also für 2028 erwarte ich einen Mini-Boom mit einer Wachstumsrate in der Eurozone von oberhalb 1,5 Prozent und in Deutschland immerhin von bis zu 1,4 Prozent. Für unsere Verhältnisse wäre das recht gut. 

[00:13:24] Prang: Wenn die Ölpreise nun weiter zurückgehen, kann auch die Inflationsrate wieder sinken. Mit welcher Inflation rechnest du jetzt für das kommende Jahr? 

[00:13:33] Schmieding: Wir haben ja Ende April unsere Annahmen für Ölpreise angepasst und verkündet. Auf der Basis dieser Annahmen, also Ölpreis im kommenden Jahr etwa 75 Dollar pro Fass Brent, auf dieser Basis müsste die Inflation im Frühjahr 2027 in der Eurozone zurück bei 2 Prozent sein, auch in Deutschland. Mit der Chance, dass es zeitweilig sogar beim Preisauftrieb im Vorjahresvergleich etwas unter die 2 Prozent gehen könnte. Denn wenn diese Annahmen eintreten, dann werden die Ölpreise im kommenden Frühjahr ja deutlich geringer sein, als sie es in den letzten Monaten waren.

Das heißt, im Vorjahresvergleich ein Rückgang der Energiepreise, etwas, das von der Inflationsrate halt abzieht. Also wir marschieren auf 2 Prozent oder sogar etwas unter 2 Prozent im kommenden Frühjahr zu. 

[00:14:30] Prang: Und wie wirkt sich dies auf die Geldpolitik aus? Oder lass mich das vorsichtiger ausdrücken: Nach der Zinserhöhung vor einer Woche durch die Europäische Zentralbank, von dir so prognostiziert und auch mit deutlichen Worten beanstandet: Wie sollte sich diese Entwicklung deiner Meinung nach auf die Geldpolitik auswirken?

[00:14:49] Schmieding: Zunächst einmal, ich habe ja keinen Grund für höhere Leitzinsen bei uns gesehen, habe aber natürlich, wie andere auch, zur Kenntnis genommen vorab, dass die EZB die Zinszügel straffen wollte. Meines Erachtens war das ein Fehler. Wir haben ja gerade diskutiert, dass die Inflationsrate wahrscheinlich von sich aus zurückgehen wird.

Die EZB hat keinerlei Einfluss auf die Ölpreise. Sie hat keinerlei Einfluss auf die Situation an der Straße von Hormus. Sie kann auch nicht verhindern, dass höhere Ölpreise und höhere Transportkosten zeitweilig einige Preise für Flugreisen, für Pauschalreisen und in anderen Bereichen nach oben bringen. Darauf hat sie keinen Einfluss. 

Ich denke, dass bei uns die Gefahr dieser Zweitrundeneffekte relativ gering ist. Wir leben nicht in einem inflationären Umfeld, wo Unternehmen sagen: "Ach, guck mal, überall steigen die Preise, dann kann ich meine Preise ja auch erhöhen. Die Verbraucher werden das Geld schon ausgeben."

Nein, die höheren Energiekosten haben ja die Verbraucher bei uns hart getroffen. Ich sehe bei einem Arbeitsmarkt, der ja etwas schwächelt, auch wenig Grund bei uns anzunehmen, dass die Lohninflation kräftig anziehen könnte. Zurzeit geht sie ja eher zurück. Also mangels großer Zweitrundeneffekte des einmaligen Preisschubs, den wir bekommen haben, mangels großer Zweitrundeneffekte sehe ich keinen Grund für höhere Zinsen und ich denke schon, dass im Juli bei der nächsten Zentralbanksitzung die EZB sagen wird: "Die Lage hat sich etwas entspannt, warten wir etwas weiter ab." Und dass dann im September sich herausstellt, die Lage hat sich noch mehr entspannt, wir brauchen die Leitzinsen nicht weiter anheben. 

Anders gesagt: Ich erwarte, dass nach dem einen Zinsschritt im Juni jetzt für längere Zeit die Leitzinsen bei uns stabil bleiben. Ich nehme zur Kenntnis, dass bisher bei der EZB nicht jeder das so sieht, aber ich denke, wenn die Ölpreise sich jetzt auf deutlich niedrigerem Niveau einpendeln, als wir im April hatten, dann wird die EZB doch für den Rest des Jahres wohl stillhalten.

[00:16:53] Prang: In der kommenden Woche wollen wir dann wirklich über die angekündigten Sozial- und Steuerreformen sprechen und einen genaueren Blick auf die zirkulierenden Pläne und Vorschläge werfen. Eine ganz kleine Hintertür für brandaktuelle Anlässe lassen wir uns aber auch für das nächste Mal offen. 

Vielen Dank für Ihr heutiges Interesse. Bleiben Sie gesund.

Über "Schmiedings Blick"

Diese Podcastreihe läuft seit April 2020 jeden Donnerstag. Sie ist entstanden in Reaktion auf Covid-19 und die Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Getragen vom Zuspruch unserer Hörer produzieren wir diesen Podcast über die Pandemie hinaus wie gewohnt weiter. Im Gespräch mit Dr. Christoph Prang bietet unser Chefvolkswirt Dr. Holger Schmieding aktuelle Einblicke in die Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte in Deutschland, Europa und der Welt.

Schmiedings Blick: Das Gastgespräch

Einmal im Monat erweitern wir den gewohnten Teilnehmerkreis, um mit externen Experten über aktuelle Themen rund um Politik und Wirtschaft zu diskutieren. Dieses Unterformat haben wir Anfang 2025 neu eingeführt. Veröffentlichung: In der Regel an jedem zweiten Donnerstag im Monat.

Über unseren Chefvolkswirt:

Dr. Holger Schmieding ist einer der profiliertesten Volkswirte in Europa. Mehrfach wurde er für seine Vorhersagen ausgezeichnet. Er war „Prognostiker des Jahres“ und dreimal bester Bankenvolkswirt in Europa bei den renommierten Extel Surveys. Bevor er 2010 zu Berenberg kam, hat er u.a. am Kieler Institut für Weltwirtschaft und beim Internationalen Währungsfonds gearbeitet und war als Chefvolkswirt Europa für die Bank of America Merrill Lynch tätig.

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