Wie Geopolitik, Inflation und Notenbankpolitik die Märkte bewegen

Podcast | 02. Jul 2026

Halbjahresbilanz 2026: Zwischen Krisen und Zuversicht

Lesedauer: 3 MIN

Hinter uns liegt ein turbulentes erstes Halbjahr mit tiefgreifenden geopolitischen Entwicklungen. Was war die größte Überraschung des ersten Halbjahres? Was lässt sich bisher über die politischen Folgen des Irankriegs sagen? Und wie hat sich der Konflikt wirtschaftlich unter anderem in der Eurozone ausgewirkt? – Neben dem Nahen Osten hält der Konflikt in Osteuropa noch immer an. Offenbar ist die Ukraine derzeit weniger unter Druck als vor sechs Monaten. Wie stehen die Chancen auf einen baldigen Waffenstillstand? – Ein genauerer Blick auf die großen globalen Volkswirtschaften zeigt derzeit ein gemischtes Bild. Hat sich die US-Wirtschaft in etwa so entwickelt, wie es zu Jahresbeginn zu erwarten war? Und wie sieht es in China aus? – Der Irankrieg hat weltweit viele Verbraucher hart getroffen. Die Inflation ist nach oben geschnellt, hat aber zuletzt zumindest in Europa wieder etwas nachgelassen. Wie sind die Inflationsgefahren einzuschätzen? Was bedeutet dies für die Notenbanken und den Ausblick auf die Geldpolitik? – In dem ersten halben Jahr ist demnach viel passiert. Gab es in diesem volatilen Umfeld zudem Entwicklungen, die an den Finanzmärkten besonders überrascht haben? – Schließlich ein Blick auf die kommenden sechs Monate: Welche großen Trends sind für die zweite Jahreshälfte zu erwarten, angefangen bei der Politik? Wie könnte sich die Wirtschaft in diesem Zeitraum entwickeln? Und was hieße das letztlich für die Finanzmärkte?

Episode #307

Transkript zur Episode

SchmiedingsBlick_Episode307_top

[00:00:06] Prang: Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zur aktuellen Folge von Schmiedings Blick am 2. Juli. Ich bin heute zur Abwechslung mal aus Montreal zugeschaltet. Holger befindet sich in London. Die Zeit vergeht wie im Fluge. 2026 ist zu 50 Prozent bereits Geschichte. Heute blicken wir deshalb zurück auf die erste Hälfte des Jahres und wagen einen kurzen Ausblick auf die kommenden sechs Monate.

Mein Name ist Christoph Prang, ich bin Experte für Unternehmenskommunikation bei Berenberg und führe das Gespräch mit unserem Gastgeber Dr. Holger Schmieding. Holger, wir leben in bewegten Zeiten mit rasanten Entwicklungen und Veränderungen. Was war für dich die größte Überraschung des ersten Halbjahres?

War es der Iran-Krieg? 

[00:00:58] Schmieding: Ja, der Nahe Osten ist zwar seit langer Zeit ein Unruheherd. Dass die Öl- und Gaszufuhr aus der Region dabei mal unterbrochen werden könnte, das gehörte seit langer Zeit zu den Restrisiken, die wir typischerweise immer wieder erwähnen. Auch in unserem Jahresausblick für 2026, den wir ja zum Jahresbeginn vorgestellt hatten.

Aber dass dieses Risiko in diesem Umfang in diesem Jahr eintritt, das war nicht Teil unserer Prognose. Nun, dass es möglicherweise zu einem erneuten kurzen Angriff der USA und Israels auf Atom- und Raketenanlagen des Irans kommen würde, wie im sogenannten Zwölf-Tage-Krieg im Juni vergangenen Jahres, das schien möglich.

Aber eine lange Vollsperrung der für die Weltwirtschaft so wichtigen Straße von Hormus, das war wirklich eine unangenehme Überraschung. Bleiben wir bei Themen der Geopolitik. Dass Trump damit drohen würde, die USA könnten sich Grönland mit Gewalt einverleiben, das war ebenfalls eine ziemlich unangenehme Überraschung Anfang des Jahres.

Zum Glück ist er davon offenbar abgerückt. Aber es gab im Bereich der Geopolitik auch eine positive Überraschung: Die Ukraine steht im Abwehrkampf gegen Russland besser da als Ende letzten Jahres. Die Ukraine fügt Russland empfindliche Schläge zu. Auf dem Schlachtfeld kommt Russland dank überlegener ukrainischer Drohnentechnologie derzeit höchstens im Schneckentempo und unter hohen, hohen Verlusten voran.

Das ist für die Ukraine insgesamt eine bessere Lage, als sie sich vor sechs Monaten abgezeichnet hat. 

[00:02:28] Prang: Lass uns zunächst näher auf den Iran-Krieg eingehen. Was lässt sich bisher über die politischen Folgen sagen? 

[00:02:34] Schmieding: Nun, leider sitzt das brutale Regime aus Mullahs und Revolutionsgarden in Teheran offenbar jetzt fester im Sattel als vorher.

Die USA und Israel sehen dagegen schwächer aus, weil sie trotz eines massiven Einsatzes von Militärtechnologie ihre Ziele offensichtlich nicht erreicht haben. Der Krieg ist zudem in den USA unpopulär. Deshalb ist diese MAGA-Bewegung von Trump, Make America Great Again, diese Bewegung ist schwächer geworden.

Sie verliert Anhänger Wir haben [00:03:00] wahrscheinlich mit dem Beginn des Irankrieges das gesehen, was man auf Englisch im Rückblick Peak MAGA nennen könnte, also den Gipfel der MAGA-Bewegung. Bei den Zwischenwahlen zum Kongress am 3. November ist es wahrscheinlich, dass Trumps Republikaner ihre Mehrheit in einer der beiden Kammern verlieren, dem Abgeordnetenhaus.

Und das wäre wichtig, denn der Kongress kontrolliert auch in den USA letztlich das Geld. Zumindest in Bezug auf alles, was Geld kostet, wäre Trump dann bis zum Ende seiner Amtszeit im Januar 2029 eine Art lahme Ente. 

[00:03:41] Prang: Und wie hat sich der Irankrieg wirtschaftlich ausgewirkt beziehungsweise welche Auswirkungen sind noch zu erwarten?

[00:03:47] Schmieding: Nun, das ist und bleibt ein ziemlicher Schlag für einen großen Teil der Weltwirtschaft. Höhere Preise vor allem für Öl, Gas und Düngemittel, ein herber Rückschlag für die Weltkonjunktur mit insbesondere großen Gefahren gerade für ärmere Länder, die auf die Einfuhr von Energie und Düngemitteln zu bezahlbaren Preisen angewiesen sind.[00:04:00] 

In Europa hatten wir nach offenbar recht gutem Wachstum im Januar und Februar dann seitdem offenbar Stagflation als Folge des Iran-Krieges. Das sind schon erhebliche Schäden. 

[00:04:18] Prang: Holger, du hast eingangs schon die Ukraine erwähnt. Offenbar ist die Ukraine derzeit weniger unter Druck, als sie es noch vor sechs Monaten war.

Wie siehst du die Chancen, dass es zu einem baldigen Waffenstillstand kommen könnte? 

[00:04:30] Schmieding: In den kommenden Monaten wahrscheinlich nicht. Innerhalb eines Jahres ist es gut möglich. Ich würde sagen, da ist die Wahrscheinlichkeit mehr als 50 Prozent. Die russische Wirtschaft schwächelt. Die Kosten für Russland steigen, sie werden sichtbarer.

Die Unzufriedenheit innerhalb Russlands nimmt langsam zu. Putin will aber vermutlich noch abwarten, ob es ihm gelingt, im Winter die ukrainische Energieinfrastruktur noch härter zu treffen als im letzten Winter und ob es ihm gelingt, zusammen mit weiteren Angriffen auf die Bevölkerung der Ukraine das Land unter Druck zu setzen.

Vielleicht möchte er auch abwarten, ob nach den Präsidentschaftswahlen in Frankreich im April die Rechtspopulisten dort an die Macht kommen und ob dann vielleicht die europäische Unterstützung für die Ukraine wackelt. Unabhängig vom Ausgang der Wahlen in Frankreich und anderen Ländern halte ich das zwar für sehr unwahrscheinlich, solange Deutschland fest an der Seite der Ukraine steht, aber möglicherweise möchte Putin trotz der für ihn schwierigeren Lage noch darauf setzen.

Aber wahrscheinlich spätestens im Frühjahr kommenden Jahres wird Russland dann wirtschaftlich in einer so schwierigen Lage sein, dass Putin vermutlich dann doch den Krieg beenden möchte. Den Krieg beenden würde dann heißen, er erklärt den Sieg. Er sagt, er habe alles erreicht, was er erreichen möchte und der Krieg wird dann entlang in etwa der aktuellen Frontlinie eingefroren.

Ob es so kommt – unklar, aber ich sehe eine Wahrscheinlichkeit von etwas über 50 Prozent, dass in einem Jahr der Krieg in diesem Sinne eingefroren ist. 

[00:05:58] Prang: Dann machen wir jetzt einen Schwenk und werfen einen näheren Blick auf einige Volkswirtschaften. Beginnen wir mit den USA. Hat sich die US-Wirtschaft in etwa so entwickelt, wie du es zum Jahresbeginn erwartet hast?

[00:06:11] Schmieding: Chris, alles in allem in etwa ja. Zum Jahresbeginn hatten wir für die US-Wirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von 2 Prozent vorhergesagt. Jetzt liegt unsere Prognose bei 1,9 Prozent für 2026. Die USA sind ja als Nettoexporteur von Energie vom Iran-Krieg, zumindest von den höheren Ölpreisen, den höheren Gaspreisen nicht direkt betroffen.

Die Verbraucher schon, aber für viele Unternehmen ist das ja eher ein Gewinn. Die Inflation in den USA ist natürlich jetzt auch deutlich höher, als wir das zum Jahresbeginn erwartet hatten. Für das Gesamtjahr 2026 sehen wir jetzt die US-Inflation bei 3,7 Prozent statt der 2,9 Prozent, die wir zum Jahresbeginn erwartet hatten.

Die Benzinpreise sind halt in den USA ebenfalls deutlich höher. In diesem Jahr wird in der US-Konjunktur der Privatverbrauch noch eine erhebliche Rolle spielen. Der private Verbrauch wird ja gestützt durch die Senkung der Einkommensteuer in diesem Jahr, die der Kongress vor knapp einem Jahr verabschiedet hatte.

Aber die verfügbaren Einkommen der US-Haushalte nach Inflation, also die reale Kaufkraft, nimmt dort nur noch langsam zu. Es fehlen Einwanderer. Die Zölle belasten die Wirtschaft, auch die Verbraucher. Insgesamt im Trend lässt die US-Wachstumsdynamik nach Wir bleiben dabei, dass sich im Trend die US-Wachstumsdynamik verringert von Raten um die 2 Prozent auf in den kommenden Jahren eher Wachstumsraten von eins Komma 5 Prozent.

Das wäre für US-Verhältnisse wenig, für europäische Verhältnisse aber immer noch recht gut. 

[00:07:48] Prang: Und wie sieht das in China aus? 

[00:07:50] Schmieding: Nun, in China, die Ausfuhren laufen gut, die Binnenwirtschaft ist weiterhin schwach. Das ist in etwa das, was wir zum Jahresbeginn erwartet hatten. Allerdings im Detail sind die Ausfuhren noch etwas stärker zurzeit, als wir zum Jahresbeginn gedacht hatten.

Die ausgewiesene Wachstumsrate Chinas für dieses Jahr wird wahrscheinlich deshalb bei 4,6 Prozent liegen. Zum Jahresbeginn hatten wir 4,3 Prozent gesagt. Aber alles in allem: China entwickelt sich grob gesagt in etwa so, wie wir das erwartet haben. Die Binnenwirtschaft schwächelt und schwächelt, sie kommt nicht in Gang.

China verschwendet mit seinem Fokus auf Hochtechnologie, mit seinen massiven Investitionen dort viel Kapital, das zwar in der ausfuhrorientierten Industrie sichtbar wird, die Ausfuhrerfolge auch im Bereich guter Technologien sehen wir ja. Dieses Kapital fehlt aber in anderen Bereichen in der Binnenwirtschaft und entsprechend China insgesamt langfristig bei schwächelnder Binnenwirtschaft, bei abnehmender Bevölkerung.

Insgesamt lässt die Dynamik in China im Trend nach. 

[00:08:48] Prang: Dann kommen wir jetzt zur Eurozone. Wie hart hat der Iran-Krieg die Wirtschaft hier bei uns getroffen? 

[00:08:54] Schmieding: Nun, die Eurozone steckt wahrscheinlich seit März in einer Art von Stagflation. Das heißt, die Wirtschaft kommt [00:09:00] nicht voran, die Preise sind gestiegen, die Inflationsrate ist hoch.

Wir haben vermutlich keinerlei Wachstum im zweiten Quartal gehabt und werden wahrscheinlich auch für das dritte Quartal nur ein Mini-Wachstum schaffen. Man kann es auch so sagen: Der Iran-Krieg hat uns etwa ein halbes Jahr Wachstum gekostet. Wir haben einen herben Rückschlag für das Verbrauchervertrauen gesehen und die Europäische Zentralbank hat mit ihrem kleinen Zinsschritt nach oben von einem Viertelprozentpunkt im Juni die Aussichten für die Wirtschaft zudem noch ein klein bisschen weiter eingetrübt, meines Erachtens unnötigerweise.

Was die Wachstumsprognose für dieses Jahr betrifft: Zum Jahresbeginn hatten wir 1,2 Prozent gesagt für die Eurozone. Jetzt sind wir bei 0,6 Prozent, wobei wir die durch Sondereffekte verzerrten irischen Daten dabei herausgerechnet haben. 

[00:09:48] Prang: Die Inflation ist mit dem Irankrieg nach oben geschnellt, hat aber zuletzt zumindest in Europa wieder etwas nachgelassen.

Wie schätzt du die Inflationsgefahren ein? 

[00:09:58] Schmieding: Nun, gegen höhere [00:10:00] Energiepreise können wir nichts machen. Da kann die EZB sagen, was sie will. Unsere Inflation ist vor allem durch die Iran-Krise, unsere Inflation ist vor allem durch die Energiepreise getrieben. Das Potenzial für einen größeren Inflationsschub über die Energiepreise hinaus, über Transportkosten hinaus und über den Bereich Nahrungsmittel hinaus, wo ja teure Düngemittel und wahrscheinlich auch Hitzewellen uns zu schaffen machen werden.

Das Inflationspotenzial darüber hinaus ist allerdings sehr begrenzt. Es gibt bei uns wenig Spielraum für diese sogenannten Zweitrundeneffekte, also beispielsweise für deutlich höhere Löhne, wenn einige Preise gestiegen sind. Auch werden nicht alle Unternehmen ihre Zusatzkosten an Energie, an Transportkosten voll auf die Verbraucher überwälzen können.

Wir haben ja schon gesehen: Mit einem gewissen Rückgang der Ölpreise im Juni ist auch die Inflation in der Eurozone und in Deutschland rückläufig. In der Eurozone ist die Rate gefallen von 3,2 Prozent im Mai auf 2,8 Prozent im Juni. Für das Gesamtjahr erwarten wir jetzt eine Inflationsrate von höchsten 2,8 Prozent.

Ja, zum Jahresbeginn vor dem Irankrieg hatten wir für dieses Jahr 2 Prozent Inflation erwartet. Das ist eine höhere Rate, die wir jetzt haben. Ja, das ist der Effekt des Irankrieges. Aber die Straße von Hormus ist ja zumindest teilweise wieder geöffnet. Es gibt eine gute Chance, dass im Gesamtjahr die Inflation vielleicht sogar etwas geringer ausfällt als die 2,8 Prozent, die wir jetzt für dieses Jahr vorhersagen.

[00:11:37] Prang: Und was bedeutet dies für die Notenbanken? Hat der durch den Irankrieg bedingte Anstieg der Inflation auch deinen Ausblick auf die Geldpolitik verändert? 

[00:11:47] Schmieding: Ja, das hat er. Bei der US-Notenbank, der Fed, hatten wir zum Jahresanfang angenommen, dass der neue Chef der Fed, Kevin Warsh, es zumindest schaffen würde, einmal im Sinne von Trump die Leitzinsen zu senken um einen Viertelprozentpunkt.

Jetzt hat er den Leitzins unverändert gelassen auf der ersten Sitzung, die er selbst geleitet hat bei der Fed. Und es gibt heute statt eines Potenzials für niedrigere Zinsen angesichts der hohen Benzinpreise in den USA das Risiko, dass die Fed die Zinsen einmal anhebt in diesem Jahr. Wie erwartet, hat sich herausgestellt, dass Walsh zwar von Trump ernannt wurde, dass er aber als Chef einer unabhängigen Zentralbank dann nicht unbedingt das macht, was Trump gerne hätte.

Zurzeit klingt Walsh ja eher so, als wolle er beweisen, den Bürgern, den Märkten, dass er von Trump unabhängig ist. Er deutet ja eine Zinssenkung im Sinne von Trump überhaupt nicht an. Eher weist er darauf hin, dass vielleicht sogar die Zinsen in den USA steigen müssten. Die Europäische Zentralbank, da hatten wir erwartet zum Jahresbeginn, dass sie in diesem Jahr ihre Zinsen unverändert lassen würde.

Zum Jahresbeginn hatten ja viele andere damit gerechnet, dass es noch Spielraum in Europa für die Zinsen nach unten gibt. Nun, der Irankrieg, der Anstieg der Energiepreise hat dann leider die Europäische Zentralbank dazu gebracht, im Juni ihre Leitzinsen um einen Viertel Prozentpunkt anzuheben. Das hatte sich im April und Mai abgezeichnet.

Ich halte das weiterhin für einen Fehler. Was den Ausblick betrifft: Viele bei der Europäischen Zentralbank, viele Beobachter auch, glauben offenbar, dass die EZB noch einmal wird nachlegen müssen. Aber ich denke, die Inflationsgefahren sind bei uns nicht so groß. Ich erwarte keinen weiteren Zinsschritt der EZB nach oben, weder in diesem Jahr noch im nächsten Jahr, obwohl ich zugeben muss, das Risiko, dass die EZB ihrem Junifehler, Zinsen nach oben, noch einen weiteren Fehler im September draufsattelt, das Risiko ist nicht sehr gering.

[00:13:48] Prang: Gibt es Dinge, die dich an den Finanzmärkten im ersten Halbjahr überrascht haben? 

[00:13:54] Schmieding: Nun, alles in allem etwas schon. Hätte mir jemand Anfang Januar gesagt, dass die USA diesen Krieg gegen den Iran starten würden, dass die Straße von Hormuz für Monate geschlossen bliebe, dann hätte ich eine stärkere Aktienmarktreaktion erwartet.

Jetzt aber ist der Krieg ja auf Holzklopfen hoffentlich in dem Sinne vorbei, dass die Straße von Hormuz nicht wieder für längere Zeit voll geschlossen wird. Das ist natürlich etwas, was die Aktienmärkte stützt und wir haben das gesehen, dass bereits gerade im Mai und Juni die Hoffnung darauf die Aktienmärkte wieder etwas vorangetrieben hat.

Der Irankrieg, obwohl die USA und Israel ihn begonnen haben, hat auch den US-Dollar gestärkt. Warum? Die USA gelten als sicherer Hafen. Zudem schaden die höheren Energiepreise ja Europa weit mehr als dem Energieexporteur USA. Zusammen mit den Wetten auf künstliche Intelligenz haben die USA deshalb an den Aktienmärkten weit besser abgeschnitten als Europa.

Eine derartige Divergenz hatte ich zum Jahresbeginn noch nicht erwartet. Was den Dollar betrifft: Die Fed wird in diesem Jahr ihre Zinsen ja nicht senken, sondern vielleicht sogar anheben. Damit ist der US-Dollar jetzt etwas stärker, als ich zum Jahresbeginn erwartet hatte. Wir hatten vor sechs Monaten einen Wert zum Euro von eins neunzehn für Mitte 2026 vorhergesagt.

Stattdessen sind wir jetzt bei eins vierzehn. 

[00:15:21] Prang: Holger, lass uns zum Schluss auch noch nach vorne blicken. Welche großen Trends erwartest du für die kommenden sechs Monate? Beginnen wir mit der Politik. 

[00:15:30] Schmieding: Nun, im Iran-Krieg. Ich denke, es bleibt unruhig. Es wird immer mal wieder einige Nachrichten geben, die die Märkte in Aufregung versetzen.

Es ist möglich, dass auch wieder Bomben fallen. Es ist möglich, dass der Verkehr durch die Straße von Hormus noch einmal für kurze Zeit gestört wird. Aber ich glaube, dass weder die USA noch der Iran ein Interesse daran haben, dass die Lage noch einmal für lange Zeit dramatisch eskaliert. Trump verliert daheim weiter an Rückhalt.

Wir haben schon über die Zwischenwahlen zum Kongress gesprochen. Ich denke, dass halt ein Trend in den USA bleibt. Peak MAGA, wie ich es genannt habe. Trump und seine Bewegung verlieren an Unterstützung. Trump wird wahrscheinlich nach den Zwischenwahlen zum Kongress in gewissem Sinne eine lahme Ente sein.

Er kann noch sehr viel Unruhe stiften, aber er wird vom Kongress nicht die großen Mittel bekommen, um beispielsweise noch mal einen neuen großen Krieg anzuzetteln. Klopfen wir jetzt einmal auf Holz. In Berlin, denke ich, wird die Regierung weitere Reformen vorantreiben. Was die innenpolitische Lage in Deutschland betrifft: Die Regierung dürfte stabil bleiben.

Allerdings ist ja die Gefahr nicht gering, dass die AfD in Sachsen-Anhalt im September an die Regierung kommen könnte. Ich schätze die Wahrscheinlichkeit auf unter 50 Prozent sein, auf unter 50 Prozent ein, aber die Gefahr ist real. Was wäre wenn? Wir hätten wahrscheinlich viel Lärm, aber doch wenig Folgen für die Bundespolitik, denn ein einzelnes Bundesland ist nun für die großen Entscheidungen der Bundespolitik, Außenpolitik, Unterstützung für die Ukraine oder auch die Haushaltspolitik nicht wirklich wichtig.

Ich sehe, wie schon diskutiert, eine kleine Chance, dass der Ukraine-Krieg endet, aber wahrscheinlich doch nicht in den nächsten sechs Monaten. 

[00:17:17] Prang: Und wie könnte sich die Wirtschaft im zweiten Halbjahr entwickeln? 

[00:17:22] Schmieding: Nun, wir erwarten, dass die US-Konjunktur stabil bleibt, sich aber im Trend etwas abschwächt.

Ähnliches gilt für China. Die Eurozone und Deutschland dürften der Stagflation entkommen. Wir dürften zumindest zum Jahresende im vierten Quartal in der Eurozone und in Deutschland wieder ein annähernd normales Wachstum erreichen und dann im kommenden Jahr wirklich normales Wachstum schaffen, um dann vielleicht in 2028 sogar Wachstum oberhalb des Trends zu erreichen.

Ich erwarte ja, dass wir im Jahr 2028 eine Art Miniboom erleben. 

[00:17:56] Prang: Dann kommen wir zu meinem letzten Punkt: Was hieße all das für die Finanzmärkte? 

[00:18:01] Schmieding: Nun, ausgehend von meinem fundamentalen Ausblick würde ich sagen, die Aussichten für die Finanzmärkte, auch die Aktienmärkte, sind gar nicht so schlecht. Aber wir haben eine erhebliche Gefahr von Rückschlägen, zumindest von zeitweiligen Rückschlägen.

Wir haben ja sehr, sehr viel Wetten auf künstliche Intelligenz. Wir haben sehr, sehr viel Wetten in den USA auf einige große Unternehmen und da kann durchaus auch mal eine gewisse Ernüchterung zeitweilig einsetzen. Ich denke, dass bei besserem Wachstum in Europa zum Jahresende der Euro wieder etwas an Boden gegenüber dem Dollar gewinnen kann.

Die Anleihenmärkte könnten mehr oder weniger stabil bleiben mit kleineren Bewegungen, aber da sehe ich keine großen Änderungen bei den Kursen. Auf Dauer erwarte ich, dass, sagen wir mal, 2027, 2028 in den USA und in Deutschland und Europa die Anleiherenditen eher etwas nach oben tendieren werden, aber nicht unbedingt bereits für die zweite Hälfte 2026.

[00:19:00] Prang: In der kommenden Woche blicken wir näher auf die Entwicklung in Deutschland, über die wir heute nur am Rande gesprochen haben. Dazu gehört ein Blick auf Konjunktur und Inflation sowie auf den Stand der Diskussion über Wirtschafts- und Sozialreform unmittelbar vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause.

Vielen Dank für Ihr heutiges Interesse. Bleiben Sie gesund.

Über "Schmiedings Blick"

Diese Podcastreihe läuft seit April 2020 jeden Donnerstag. Sie ist entstanden in Reaktion auf Covid-19 und die Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Getragen vom Zuspruch unserer Hörer produzieren wir diesen Podcast über die Pandemie hinaus wie gewohnt weiter. Im Gespräch mit Dr. Christoph Prang bietet unser Chefvolkswirt Dr. Holger Schmieding aktuelle Einblicke in die Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte in Deutschland, Europa und der Welt.

Schmiedings Blick: Das Gastgespräch

Einmal im Monat erweitern wir den gewohnten Teilnehmerkreis, um mit externen Experten über aktuelle Themen rund um Politik und Wirtschaft zu diskutieren. Dieses Unterformat haben wir Anfang 2025 neu eingeführt. Veröffentlichung: In der Regel an jedem zweiten Donnerstag im Monat.

Über unseren Chefvolkswirt:

Dr. Holger Schmieding ist einer der profiliertesten Volkswirte in Europa. Mehrfach wurde er für seine Vorhersagen ausgezeichnet. Er war „Prognostiker des Jahres“ und dreimal bester Bankenvolkswirt in Europa bei den renommierten Extel Surveys. Bevor er 2010 zu Berenberg kam, hat er u.a. am Kieler Institut für Weltwirtschaft und beim Internationalen Währungsfonds gearbeitet und war als Chefvolkswirt Europa für die Bank of America Merrill Lynch tätig.

Schmiedings Blick bei: Apple Podcasts, podcast.de, Spotify, Deezer, castbox, fyyd

Wir freuen uns über Fragen und Anregungen per E-Mail an SchmiedingsBlick%40berenberg.de.