Die Lage im Nahen Osten hat sich in den vergangenen Wochen weiter zugespitzt. Welche Folgen hat dies für die geopolitischen Kräfteverhältnisse in der Region und für die Rolle der USA? – Die Energiepreise sind kräftig gestiegen. Wie groß ist die Gefahr, dass aus dem aktuellen Preisschock eine länger anhaltende Energiekrise wird? Und wie lassen sich die jüngsten Ausschläge bei Öl und Erdgas mit der Entwicklung nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Jahr 2022 vergleichen? – Der aktuelle Preissprung fällt in eine politisch sensible Zeit: Welche Auswirkungen haben die hohen Energiekosten auf die anstehenden Wahlen in den USA und Deutschland? Könnten die hohen Preise an den Tankstellen auch das Wahlverhalten in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin beeinflussen? – In Deutschland stellt sich darüber hinaus die Frage nach den möglichen politischen Folgen der Landtagswahlen. Wie stabil ist die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz? Und was würde ein möglicher Streit über die Führung der Regierung für die Koalition bedeuten? – Der neue Energiepreisschock trifft auch die Wirtschaft. Wie verändern sich die Aussichten für Wachstum und Inflation in den USA, Deutschland und Europa? Und wie sollten die Europäische Zentralbank und die Federal Reserve auf die Kombination aus höherem Preisdruck und konjunkturellen Risiken reagieren? – Schließlich: Müssen sich Verbraucher und Unternehmen auf dauerhaft höhere Energiepreise einstellen? Oder gibt es mittelfristig Aussicht auf eine spürbare Entspannung?
Episode #316
Transskript
[00:00:06]Lohmann: Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zu einer neuen Folge von Schmiedings Blick heute am 17. September. Heute sprechen wir über die Konflikte im Nahen Osten und die direkten Folgen. Der erneute Anstieg der Öl- und Gaspreise wirft nämlich große Fragen auf für Politik, die Wirtschaft und natürlich auch für die Zinsentscheidungen in Deutschland, Europa und den USA.
[00:00:32] Mein Name ist Famke Lohmann, ich bin Expertin für Unternehmenskommunikation bei Berenberg und führe heute das Gespräch mit unserem Gastgeber Dr. Holger Schmieding. Holger, beginnen wir mit der Lage im Nahen Osten. Fass bitte einmal kurz zusammen: Was genau hat sich dort in den letzten drei Wochen verändert?
[00:00:46]Schmieding: Famke, es gibt zwar keine Rückkehr zu einem vollen Krieg, aber beide Seiten greifen Handelsschiffe an, denen die jeweils andere Seite die Durchfahrt durch die Straße von Hormus ermöglichen will. Die Schifffahrt durch diese Straße von Hormus ist damit weitgehend zum Erliegen gekommen. Die Eskalation in den letzten Wochen geht überwiegend vom Iran aus und zudem ist die Huthi-Miliz, die mit dem Iran verbündet ist, im Jemen weiter vorgerückt.
[00:01:09] Diese Miliz hat jetzt die jemenitische Seite des Südausgangs des Roten Meeres, des Bab al-Mandab, auf Deutsch des Tores der Tränen, unter seine Kontrolle gebracht und bedroht damit auch dort die Schifffahrt. Die Preise für Öl und Erdgas sind daraufhin ja kräftig gestiegen. Jetzt fragen sich viele Verbraucher, ob das der Beginn einer neuen Dauerkrise ist.
[00:01:28]Lohmann: Lässt sich der aktuelle Schock mittlerweile mit den Preisausschlägen vergleichen, die wir nach Putins Großangriff auf die Ukraine im Jahr 2022 erleben mussten?
Schmieding: Die Preise für Öl und Gas sind tatsächlich deutlich nach oben geschnellt. Der Preis für Rohöl Fass Brent liegt jetzt um 18 Dollar über dem Durchschnitt des Monats August und bei Erdgas ist der Preis relativ zur ersten Hälfte des August um ein Drittel gestiegen. Das ist ziemlich viel. Wenn man das vergleicht mit 2022, so ist der Schock bei Rohöl insgesamt etwas weniger ausgeprägt als damals. Aber da in diesem Konflikt im Nahen Osten auch Raffinerien getroffen sind, sind die Spritpreise bei uns gerade für Diesel auf einem Rekordhoch. Bei Erdgas ist bisher das, was wir in den Preisen sehen, etwa nur ein Drittel des Schocks, den wir 2022 zu verkraften hatten.
[00:02:14] Also alles in allem, das kommt noch längst nicht an den Schock von 2022 heran, aber es ist in den letzten Wochen deutlich, deutlich schlimmer geworden. Wenn wir das Ganze geopolitisch einordnen, ist die aktuelle Entwicklung ein schwerer Rückschlag für die Rolle der USA in der Region? Ja, eindeutig. Es ist eine Blamage für die Supermacht USA, sogar eine dreifache Blamage.
[00:02:35] Erstens: Die USA haben den Iran offenbar ziemlich falsch eingeschätzt. Zweitens: Es gibt in den USA bei den Streitkräften jetzt offenbar einige Engpässe bei Munition und damit sind die USA weltpolitisch für längere Zeit wohl etwas geschwächt. Und drittens: Trotz mehrfacher Bitten Saudi-Arabiens haben die USA, hat Trump offenbar im Konflikt Saudi-Arabiens mit den Huthis, im Konflikt im Jemen offenbar nicht gegen die Huthis eingegriffen.
[00:03:02] Und das heißt aus saudischer Sicht, denn die Huthis bedrohen ja Saudi-Arabien, sie bedrohen die Schifffahrt aus Saudi-Arabien hinaus. Sie haben auch Energieinstallationen in Saudi-Arabien offenbar direkt angegriffen. Für die Saudis ist das auch eine ziemliche Blamage, denn Saudi-Arabien hat in den letzten zehn Jahren insgesamt siebenhundertzehn Milliarden Dollar für Rüstungsgüter ausgegeben und ist offenbar nicht mal in der Lage, mit den Huthis im Nordjemen fertig zu werden.
[00:03:29]Lohmann: Gibt es denn aus deiner Sicht, so festgefahren die Fronten auch wirken, im Moment überhaupt eine realistische Chance, dass sich die Lage in Kürze wieder etwas entspannt?
Schmieding: Nun, der Iran scheint derzeit die Oberhand zu haben. Er kann mit brutaler Repression im Inneren offenbar die eigene Bevölkerung im Schach halten, die natürlich unter den immensen Wirtschaftsschäden kräftig leidet.
[00:03:50] Offenbar will der Iran vor den Zwischenwahlen zum US-Kongress am 3. November die US-Wirtschaft und Trump maximal schaden, maximal unter Druck setzen. Deshalb wäre es eine Überraschung, wenn es vor November zu einer erheblichen Entspannung käme. Die Auswirkungen, die spüren wir ja global und das zu einem denkbar sensiblen Zeitpunkt.
[00:04:10]Lohmann: Holger, du hast bereits die Zwischenwahlen zum Kongress in den USA am 3. November angesprochen. Nun ist es ja kein Geheimnis, dass hohe Energiepreise unpopulär sind. In den USA kostet eine Gallone Diesel jetzt sechs Dollar, das entspricht.Was bedeutet dieser aktuelle Preisschub für den Ausgang der Zwischenwahlen in den USA?
Schmieding: Nun, du hast es schon gesagt: Hohe Energiepreise sind unpopulär und die Wähler machen Trump zurecht mit dafür verantwortlich. Es sieht jetzt so aus, dass bei den Zwischenwahlen die Demokraten, die Opposition in einer der beiden Kammern des Kongresses, dem Abgeordnetenhaus, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit die Mehrheit erringen werden.
[00:04:47] Das sah schon immer so aus, aber das hat sich jetzt verfestigt. Und mittlerweile ist es auch gut möglich, dass auch in der zweiten Kammer, dem Senat, die Demokraten knapp gewinnen könnten. Das steht Spitz auf Knopf, ist aber mittlerweile durchaus möglich. Und das heißt, es gibt eine Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent, dass Trump und seine Republikaner nach den Zwischenwahlen am 3. November in keiner der beiden Kammern des Kongresses mehr eine Mehrheit hätten. Der Verlust bereits einer Kammer würde dazu führen, dass Trump viele Fiskalinitiativen, also Geld ausgeben, Steuern senken, nicht mehr durchsetzen könnte. Wenn er in beiden Häusern des Kongresses die Mehrheit verliert, dann wäre wirklich eine richtig lahme Ente.
[00:05:28] Er könnte dann natürlich als Oberbefehlshaber der Streitkräfte immer noch einiges in der Welt anrichten, aber er würde mit großer Wahrscheinlichkeit vom Kongress kein Geld mehr bekommen, beispielsweise für größere außenpolitische Abenteuer. Für einen US-Griff nach Kuba könnte es vielleicht noch ausreichen, aber dass Trump darüber hinaus weitere größere Konflikte starten könnte, wäre dann sehr, sehr unwahrscheinlich.
[00:05:51]Lohmann: Lass uns jetzt über die deutsche Politik sprechen. Am Sonntag wählen die Bürger in zwei Bundesländern in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin neue Landesparlamente. Können die Rekordpreise für Treibstoff, den die Autofahrer jetzt an den Tankstellen zahlen müssen, dort eine Rolle spielen?
Schmieding: Ja, die hohen Preise an den Tankstellen könnten Kanzler Merz und der Union erheblich schaden.
[00:06:10] Die Ursachen für den Anstieg der Energiekosten in den letzten Jahren liegen zwar eigentlich wenig in Deutschland. Die sind verbunden mit den Namen Trump, die sind verbunden auch mit Putin, wenn wir etwas weiter zurückgehen. Und die Partei, die in Deutschland nun am engsten an diesen beiden Herren dran ist, das ist die AfD.
[00:06:28] Das ist nicht eine der Parteien, die in Berlin derzeit regieren. Aber wie die Wähler mal so sind, werden sie möglicherweise oder vielleicht sogar wahrscheinlich eher die regierenden Parteien in Berlin verantwortlich machen und nicht diese Halbfreunde der AfD. Und entsprechend ist zu befürchten, dass die CDU gerade in Mecklenburg-Vorpommern, einem Flächenland, wo die Benzinkosten eine größere Rolle spielen als in der Metropole Berlin, dass die CDU dort eine erhebliche Niederlage verkraften muss.
[00:06:57]Lohmann: Holger, vor einer Woche haben wir hier im Podcast über die herbe Niederlage der CDU in Sachsen-Anhalt gesprochen und was das für Kanzler Merz und seine Koalition bedeutet. Du hast erklärt, dass Merz zwar angeschlagen sei, aber wahrscheinlich werde er doch Kanzler bleiben. Bleibst du bei dieser Einschätzung oder hast du deine Meinung geändert?
[00:07:13]Schmieding: Nun, Merz wankt als Kanzler mehr, als ich vor einer Woche erwartet hatte. Mit den hohen Spritpreisen ist das Risiko weiter gestiegen, dass das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern für die CDU sehr, sehr schlecht ausfällt. Vor etwa zehn Tagen sah es so aus in den Umfragen, dass die CDU zehn Prozent in Mecklenburg-Vorpommern erreichen könnte.
[00:07:32] Jetzt in drei Umfragen steht die CDU nur noch bei sieben Prozent und das ist nicht mehr weit oberhalb der fünf Prozent, also der Hürde, die man braucht, um überhaupt ins Parlament zu kommen. Sollte die CDU in Mecklenburg-Vorpommern unter fünf Prozent fallen, wäre das wohl ein neuer Schock für die Partei.
[00:07:48] Dann könnte die Debatte sich zuspitzen. Ich glaube weiterhin, Merz bleibt Kanzler. Aber das Risiko, dass es eine Revolte gegen ihn geben könnte und dass er das Amt verliert, mag mittlerweile bei etwa 35 Prozent liegen.
Lohmann: Lass mich da kurz nachhaken: Sollte es in der Union tatsächlich zu einer Debatte über einen Kanzlertausch kommen, könnte das die gesamte Koalition zwischen CDU, CSU und SPD ins Wanken bringen?
[00:08:11]Schmieding: Ich nehme an, die SPD könnte auch mit einem neuen Kanzler, sagen wir Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen, durchaus leben. Ob Wüst eigentlich will, ist derzeit unklar. Er hat ja eigentlich erst eine Wahl in seinem eigenen Bundesland im April kommenden Jahres zu bestehen. Und ein Kanzlerwechsel ist riskant.
[00:08:28] Die Koalition hat ja nur eine Mehrheit von 13 Stimmen im Bundestag. Sollte bei einer Neuwahl des Kanzlers es in der Partei Unruhe geben oder in der SPD Unruhe geben und sollten 13 Abgeordnete der Union und SPD nicht für einen neuen Kanzler stimmen, dann hätten wir ein ganz, ganz großes Problem. Also den Kanzler abzulösen ist nicht ganz einfach und nicht ohne Risiko.
[00:08:51] Aber wenn es geschehen würde, glaube ich trotzdem, dass die Koalition halten würde. Warum? Weder die Union noch die SPD haben eine echte Alternative zu ihrem jetzigen Bündnis. Eine Minderheitsregierung, sagen wir der Union, die möglicherweise auf die AfD für einige Dinge angewiesen wäre, wäre für Teile der Union, glaube ich, nicht akzeptabel.
[00:09:11] Und eine Minderheitsregierung, die sich im Wesentlichen auf die SPD stützt, nun, warum sollte man dann die Koalition mit der SPD vorher auflösen? Also alles in allem, Merz wackelt erheblich. Die Koalition, auch da gibt es Risiken für den Fortbestand, aber da bin ich mir deutlich sicherer, dass die Koalition Bestand haben wird.
[00:09:29]Lohmann: Holger, kommen wir jetzt zu den wirtschaftlichen Folgen. Hast du deine Prognose für Wachstum und Inflation in den USA, Deutschland und Europa als Reaktion auf den neuen Energiepreisschock geändert?
Schmieding: Ja, natürlich. Der neue Energiepreisschock wird sich zeigen in höheren Verbraucherpreisen und auch weniger Wachstum in den kommenden Quartalen.
[00:09:47] Weniger Wachstum, weil nun, nach den Ausgaben für Energie bleibt den Verbrauchern weniger Geld übrig, um anderes zu kaufen. Die Nachfrage wird etwas gedämpft und auch bei Unternehmen schlagen natürlich höhere Energiekosten zu Buche. Konkret: In den USA erwarten wir jetzt für das kommende Jahr eine Inflation von 2,5 statt 2,3
[00:10:06] In Europa ist die Anpassung der Inflationsprognosen nach oben etwas ausgeprägter, denn bei uns spielt ja Flüssiggas eine große Rolle. Für Deutschland haben wir die Inflationsprognose für das kommende Jahr von 1,9 auf 2,5 % hochgenommen, für die Eurozone von 2,2 % auf 2,6 %. Und was das Wirtschaftswachstum betrifft: Wir glauben weiterhin, dass die Wirtschaft in Deutschland und Europa wachsen wird, allerdings in den kommenden Quartalen, einschließlich vermutlich schon des dritten Quartals, in dem wir jetzt ja gerade noch sind, dass die Wirtschaft nur noch sehr schwach zulegen kann.
[00:10:42] Wir haben deshalb unsere Wachstumsprognosen für die Jahresdurchschnitte 2026 und 2027 für Deutschland um je 0,1 Prozentpunkt gesenkt auf jetzt 0,9 % für dieses Jahr und 0,8 % fürs kommende Jahr. Für die Eurozone erwarten wir jetzt für das Jahr 2027 ein Wachstum von 1,1 statt 1,3 %. Das sind gewisse Änderungen, allerdings dramatisch sind sie nicht.
[00:11:07] Wir haben ja bisher in diesem Jahr erlebt, dass die Konjunktur den Iran-Schock insgesamt etwas besser verkraftet hat, als wir zunächst befürchtet hatten. Und wir hoffen, dass diese Widerstandsfähigkeit sich auch im Herbst 2026, Anfang 2027 darin zeigt, dass die Wirtschaft zwar schwächelt, aber dass das Wachstum nicht völlig zum Erliegen kommt, bevor dann im weiteren Verlauf des Jahres 2027 mit hoffentlich niedrigeren Energiekosten die Konjunktur wieder richtig in Schwung kommen kann.
[00:11:38]Lohmann: Vor einer Woche hat die Europäische Zentralbank ihre Leitzinsen um einen Viertelprozentpunkt nach oben geschraubt, nachdem sie dies auch im Juni bereits einmal gemacht hatte. War das deines Erachtens die richtige Entscheidung?
Schmieding: Nein, da habe ich wohl eine Minderheitsmeinung, aber ich halte das für eine falsche Entscheidung.
[00:11:53] Denn die Europäische Zentralbank kann die Straße von Hormus nicht öffnen. Sie kann die Huthis nicht vom Tor der Tränen, vom Bab al-Mandab vertreiben. Die Europäische Zentralbank muss darauf achten, ob eine Lohn-Preis-Spirale, ob ein größeres Inflationskarussell in Gang gesetzt werden könnte. Dafür gibt es bisher keine Anhaltspunkte und darum ist es eigentlich nicht verständlich, dass die Europäische Zentralbank die Wirtschaft weiter belastet mit höheren Finanzierungskosten, wo doch Häuslebauer, Unternehmen bereits leiden unter den höheren Energiepreisen.
[00:12:26] Also für richtig halte ich die Entscheidung nicht, obwohl ich natürlich nachvollziehen kann, dass die EZB meint, okay, die Preise sind gerade hoch, das drückt sich in einer höheren Inflationsrate aus und darauf müssten wir reagieren unter den gegebenen Umständen. Aber es ist nur bisher ein Preisschock von außen, der nichts mit der Binnennachfrage zu tun hat, der nichts mit dem zu tun hat, was die EZB steuern kann mit ihrer Zinspolitik.
[00:12:51] Unter diesen Umständen halte ich eigentlich die höheren Leitzinsen für nicht richtig. Und wie geht es jetzt weiter? Müssen wir uns in den kommenden Monaten auf weitere Zinserhöhungen der EZB einstellen? Leider ja. Wahrscheinlich spätestens im Dezember wird es noch mal um einen Viertelprozentpunkt nach oben gehen, möglicherweise bereits im Oktober.
[00:13:08] Denn die EZB hat ja im Juni und jetzt im September gezeigt, dass sie reagiert mit ihrer Zinspolitik, auch wenn nur die Energiepreise steigen, ohne dass wir einen hausgemachten Inflationsdruck sehen. Und dieses Muster lässt vermuten, dass die EZB noch einmal, mindestens noch einmal nachlegen wird.
Lohmann: Gestern Abend hat auch die US-Notenbank, die Federal Reserve, ihren Leitzinskorridor ebenfalls um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Wie bewertest du das?
Schmieding: Das ist eine der besten Nachrichten, die wir in diesem Jahr bisher bekommen haben, vor allen Dingen aus den USA. Denn US-Präsident Donald Trump hat ja massiven Druck ausgeübt auf die US-Notenbank, die Fed, ihre Zinsen zu senken, zu senken und zu senken. Er hat selbst den neuen Chef der US-Notenbank, Kevin Warsh, ausgesucht.
[00:13:55] Und jetzt reagiert die US-Notenbank so, wie eine Notenbank reagieren soll, wenn die Zahlen nahelegen, sie sollte die Geldpolitik straffen. Die Arbeitsmarktzahlen in den USA sind zuletzt etwas besser ausgefallen als erwartet. Die Kernrate der Inflation dort ohne Energie und Nahrungsmittel ist deutlich höher als in Europa.
[00:14:14] Die verharrt derzeit bei etwa 3,3 %. Deshalb haben die USA wirtschaftlich gesehen, anders als die EZB, einen klaren Grund für höhere Zinsen. Und dass die US-Notenbank sich trotz Trump an den Wirtschaftsdaten orientiert, zeigt, dass die Institutionen in den USA Trump überstehen, die Angriffe von Trump. Die Notenbank ist unabhängig.
[00:14:37] Sie hat mit ihrem Zinsschritt gestern Abend bewiesen, dass sie weiterhin unabhängig ist. Und das gibt wirklich Hoffnung, dass die USA, das politische Gefüge, die Institutionen in den USA die Periode Trump überstehen werden.
Lohmann: Holger, lass uns zum Abschluss etwas weiter in die Zukunft blicken. Erwartest du, dass die Energiepreise dauerhaft hoch bleiben? Oder können wir Verbraucher darauf hoffen, dass die Lage sich mittelfristig bessert?
Schmieding: Ja, es wird in einiger Zeit wieder deutlich bessere Nachrichten für Verbraucher geben. Wenn wir Glück haben, beginnt das schon, sagen wir mal, im November, Dezember diesen Jahres, wenn dann hoffentlich zwischen dem Iran und den USA wieder Gespräche in Gang kommen oder beide Seiten sich zumindest implizit darauf einigen, die Sache nicht immer weiter eskalieren zu lassen, sondern etwas runterzuschalten.
[00:15:22] Schließlich möchte der Iran auf Dauer ja auch Einnahmen haben. Vor allem aber ist es eine Beobachtung über längere Zeit. Wenn Preise, gerade Energiepreise, für einige Zeit besonders hoch sind, dann wird gesucht, dann wird gefunden, dann steigt das Angebot von Öl und Gas aus anderen Ländern. Wir können leicht in, sagen wir mal, zwei Jahren statt bei einem mangelnden Angebot bei einem Überangebot von Öl und Gas auf den Weltmärkten sein.
[00:15:49] Wir haben mit unseren Prognoserevisionen auch unsere Vorhersage für den Ölpreis im Jahr 2028 angepasst, aber nach unten von 70 Dollar pro Fass Brent auf 65 Dollar pro Fass Brent. Das ist relativ zu den jetzigen Preisen um 108 Dollar ein dramatischer Rückgang. Und die Chance ist sogar, dass im Jahr 2028 Öl vielleicht nur 50 Dollar pro Fass kosten wird.
[00:16:13] Ein solcher Rückgang der Energiepreise wäre natürlich eine besonders gute Nachricht, nicht nur für die Industrie, vor allen Dingen für all unsere Verbraucher. Und damit sehe ich weiterhin eine gute Chance, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland und Europa im Jahr 2028 kräftig ausfallen kann. Ich spreche da von einem Miniboom.
[00:16:32] Ich habe mit der Abwärtsrevision der Prognosen für 2026 und 2027 unsere Vorhersage für das deutsche Wirtschaftswachstum 2028 nach oben revidiert, von 1,5 auf 1,6 % mit der Chance, dass es auch besser ausfallen kann. Und was könnten die politischen Folgen sein? Nun, wenn es dann so kommt, wie ich erwarte, dann würde das bedeuten, Rückenwind für die Regierung im Vorfeld der regulären Bundestagswahlen Anfang 2029.
[00:17:00] Und mit diesem Ausblick kann man wirklich nur hoffen, dass die Regierungsparteien nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin die Nerven behalten, dass sie die Reformen mit leichten Korrekturen hier und da umsetzen, dass sie durch die Reformen auch die Stimmung in der Wirtschaft wieder verbessern und dass dann tatsächlich bis 2029 Frühjahr die nächsten Bundestagswahlen die bessere wirtschaftliche Entwicklung, die ich gerade für 2028 erwarte, auch von den Wählern bemerkt wird und die extremen Parteien AfD, BSW, die Linke dann weniger Zulauf haben, als sie es jetzt bei den Landtagswahlen wahrscheinlich haben werden.
[00:17:39]Lohmann: Vielen Dank für deine Einschätzung, Holger. In der kommenden Woche beschäftigen wir uns mit dem Ausgang der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie den Folgen, die sich daraus möglicherweise für Wirtschaft und Politik in Deutschland ergeben können. Zudem sprechen wir über ein großes Thema der Geopolitik, das wir heute nicht zum Thema machen konnten, nämlich die Lage in der Ukraine.
[00:17:56] Vielen Dank für Ihr heutiges Interesse. Bleiben Sie gesund und bis nächste Woche.
Über "Schmiedings Blick"
Diese Podcastreihe läuft seit April 2020 jeden Donnerstag. Sie ist entstanden in Reaktion auf Covid-19 und die Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Getragen vom Zuspruch unserer Hörer produzieren wir diesen Podcast über die Pandemie hinaus wie gewohnt weiter. Im Gespräch mit Dr. Christoph Prang bietet unser Chefvolkswirt Dr. Holger Schmieding aktuelle Einblicke in die Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte in Deutschland, Europa und der Welt.
Schmiedings Blick: Das Gastgespräch
Einmal im Monat erweitern wir den gewohnten Teilnehmerkreis, um mit externen Experten über aktuelle Themen rund um Politik und Wirtschaft zu diskutieren. Dieses Unterformat haben wir Anfang 2025 neu eingeführt. Veröffentlichung: In der Regel an jedem zweiten Donnerstag im Monat.
Über unseren Chefvolkswirt:
Dr. Holger Schmieding ist einer der profiliertesten Volkswirte in Europa. Mehrfach wurde er für seine Vorhersagen ausgezeichnet. Er war „Prognostiker des Jahres“ und dreimal bester Bankenvolkswirt in Europa bei den renommierten Extel Surveys. Bevor er 2010 zu Berenberg kam, hat er u.a. am Kieler Institut für Weltwirtschaft und beim Internationalen Währungsfonds gearbeitet und war als Chefvolkswirt Europa für die Bank of America Merrill Lynch tätig.
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