Horizonte Q2│2023 - Volkswirtschaft

Der Putin-Schock lässt nach

Prof. Dr. Bernd Meyer und Team geben in der aktuellen Horizonte-Publikation einen Ausblick auf das zweite Quartal 2023.

Auf den Punkt

  • Die Weltkonjunktur hält sich besser als befürchtet.

  • USA: milde Rezession im Sommer, Aufschwung 2024.

  • Europa: Der Putin-Schock lässt nach. Aufschwung in Sicht.

  • Der Inflationsdruck geht zurück, vorerst aber nur langsam.

  • Notenbanken treten weiter auf die Bremse – aber das Ende des Zinszyklus ist in Sicht.

Die Konjunktur bleibt robuster als erwartet

Die Weltwirtschaft ist offenbar besser ins Jahr 2023 gestartet als erwartet. In den USA greifen die Verbraucher auf die Zusatzersparnisse zurück, die sie während der Pandemie gebildet haben. Damit federn sie den Schock der hohen Inflation ab, der die Kaufkraft ihrer Einkommen schmälert. In Europa sind die Gasspeicher kurz vor Ende der Heizsaison noch so gut gefüllt, dass die Gaspreise am Markt erheblich nachgegeben haben und das Risiko eines Gasmangels kaum noch eine Rolle spielt. China hat die Herdenimmunität erreicht, allerdings auf die ganz harte Art. Das Land öffnet sich wieder. Dies wird der chinesischen Konjunktur kurzfristig einen spürbaren Schub verleihen, der auch etwas auf Chinas Handelspartner ausstrahlen wird. Allerdings haben nahezu alle großen Notenbanken ihre Zinspolitik Anfang 2023 noch einmal gestrafft und – zumindest in den USA und der Eurozone – weitere Schritte für die kommenden Monate in Aussicht gestellt. Da die radikale geldpolitische Wende ihre volle Wirkung erst im Verlaufe des Jahres entfalten dürfte, bleibt der Ausblick für die Weltwirtschaft vorerst noch verhalten.

Zusatzersparnis der Verbraucher

Bruttoersparnis der privaten Haushalte, die über das von den durchschnittlichen Sparquoten 2015–2019 implizierte Maß hinausgeht, in % des Konsums in 2022

Q1 2020–Q4 2022
Quellen: BEA, Eurostat, ONS, Berenberg

Europa: Der Ausblick hellt sich weiter auf

Die hohen Preise für Energie und Nahrungsmittel haben die europäische Konjunktur im Herbst und Winter hart getroffen. Nachdem die Verbraucher sich im Sommer nach zwei Jahren Corona eine gute Urlaubssaison gegönnt hatten, ist die Region im vierten Quartal kaum noch gewachsen. Auch für das erste Quartal 2023 zeichnet sich eine Stagnation ab. Angesichts der hohen Energiekosten schränken Verbraucher ihre Ausgaben für andere Güter ein. Auch die privaten Investitionen gehen zurück, vor allem im Wohnungsbau. Angesichts der weiterhin hohen Nachfrage nach Arbeitskräften steigt die Arbeitslosigkeit aber nur geringfügig. Die hohen Zusatzersparnisse der Verbraucher, der robuste Arbeitsmarkt und staatliche Hilfen verhindern eine Rezession, auch wenn in von der Reduktion russischer Gaslieferungen besonders betroffenen Ländern wie Deutschland und Italien die Wirtschaftsleistung im Winterhalbjahr wahrscheinlich leicht rückläufig war.

Neuer Aufschwung im Sommer 2023

Wenn der Winter überstanden ist und der Gasmarkt sich nach dem Ende der Heizperiode weiter entspannt, kann die Euro-Konjunktur nach der Winterstagnation im Sommer 2023 wieder anspringen. Ab dann könnte auch der Anstieg der Einkommen wieder oberhalb der Inflationsrate liegen, sodass die Verbraucher real wieder etwas mehr Geld in der Tasche haben. In der Außenwirtschaft hat Europa Glück. In diesem Sommer wird die vermutlich recht milde US-Rezession die Ausfuhren zwar bremsen. Aber der gleichzeitige Wachstumsspurt in China kann dies ausgleichen. Angesichts gut gefüllter Speicher und eines geringeren Verbrauchs drohen für den kommenden Winter.

Der große Inflationsbuckel

Anstieg der Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahreszeitraum in %

Q1 2015-Q4 2025 Gestrichelt: Berenberg-Prognose. USA: CPI-U, Eurozone: HVPI, GB: VPI.
Quellen: BLS, Eurostat, ONS, Berenberg

voraussichtlich weder ein Gasmangel noch eine erneute Explosion der Energiekosten. Die Eurozone kann dann wieder an die Dynamik der Zeit vor Kriegsbeginn anknüpfen. Nach einem verhaltenen Zuwachs der Wirtschaftsleistung um 0,7% im Jahr 2023 erwarten wir für 2024 ein Wachstum von 1,6%, das wäre etwas oberhalb des langfristigen Trends von etwa 1,3%. Für Großbritannien rechnen wir mit einem ähnlichen Verlauf wie für die Eurozone, allerdings mit zwei Unterschieden. Als Folge der strafferen Fiskalpolitik und der höheren Zinsen wird Großbritannien wohl bis zum Frühjahr 2023 eine leichte Rezession durchmachen. Da die Regierung den Brexit-Streit mit der EU endlich beigelegt und damit ein wesentliches Investitionshemmnis ausgeräumt hat, kann die britische Konjunktur sich dann 2024 relativ rasch erholen.

Der transatlantische Unterschied – Europa erholt sich, USA schwächen sich vorerst ab

Hausgemachte Probleme in den USA

Anders als Europa leiden die USA vor allem unter einer hausgemachten Inflation. Mit ihrer späten, aber umso energischeren Zinswende wird die Fed die Nachfrage voraussichtlich so dämpfen, dass die US-Konjunktur zur Jahresmitte 2023 in eine milde Rezession fallen könnte – bei rückläufigem Konsum und weniger Investitionen vor allem im Wohnungsbau. Für das Wahljahr 2024 zeichnet sich dann ein erneuter Aufschwung ab, gestützt durch einen spürbaren Anstieg der real verfügbaren Einkommen und eine dann weniger straffe Zinspolitik. Chinas kurzer Spurt des Jahres 2023 dürfte Anfang 2024 allerdings mit einem Rückfall auf das nur noch geringe Trendwachstum von etwa 4% enden.

Die höchste Inflation seit 40 Jahren

Auf beiden Seiten des Atlantiks hat der Preisdruck seinen Höhepunkt offenbar überschritten. Während die Lohnzuwächse zunächst hoch bleiben, entlasten etwas geringere Preise für Benzin die Verbraucher. Da in den USA auch der Arbeitsmarkt allmählich an Schwung verliert, könnte auch der Lohndruck dort langsam abnehmen. Dagegen werden die Löhne in der Eurozone im Jahr 2023 wohl um 5% steigen, bevor der Lohndruck dann bei abnehmender Inflation im Jahr 2024 wieder auf etwa 4% zurückgehen dürfte.

Auch wenn der Inflationsdruck in den USA und Europa Anfang 2023 nur langsam abgenommen hat, werden die Jahresvergleichsraten auf beiden Seiten des Atlantiks bald spürbar sinken. In Europa fällt der Anstieg der Energiepreise des Jahres 2022 ab März schrittweise aus dem Vorjahresvergleich heraus. Gleichzeitig entspannen sich die bisherigen Lieferkettenprobleme. Auch Transportkosten sind gesunken. Das hilft, sowohl die Inflation zu dämpfen als auch die Auftriebskräfte der Konjunktur wieder zu stärken.

Zentralbanken steuern um - Zinsgipfel in Sicht

Damit die hohe Inflation sich nicht verfestigt, treten die Fed und die EZB auf die Zinsbremse. In den USA dürfte die Zentralbank den Leitzins bis Mai noch mehrfach anheben. Sobald die Fed genügend Anzeichen sieht, dass die konjunkturelle Schwächephase den Inflationsdruck hinreichend gedämpft hat, wird sie dann die Zinsen wieder etwas senken, voraussichtlich beginnend Ende 2023. Die EZB könnte ihren Einlagensatz bis Juni 2023 auf 3,5% anheben, gefolgt von einer langen Pause.

Wachstums- und Inflationsprognosen

* Berenberg-Daten zu tatsächlichen Wechselkursen, nicht nach Kaufkraftparitäten (KKP). KKP messen den schnell wachsenden Schwellenländern mehr Gewicht bei ** Durchschnitt, Bloomberg-Konsens per 16.03.2023

Autor

Dr. Holger Schmieding
Chefvolkswirt
Telefon +44 20 3207-7889