
Herr Garcia, als Aktien-Fondsmanager des Berenberg Emerging Asia Focus Fonds liegt Ihr Fokus auf asiatischen Schwellenländern. Sie konnten letztes Jahr die wichtige Marke von 100 Mio. EUR verwaltetes Vermögen knacken. Was waren Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?
Ich denke, es waren im Wesentlichen drei Faktoren ausschlaggebend: Erstens unsere starke Performance – wir konnten sowohl unsere Benchmark als auch die meisten Mitbewerber deutlich schlagen. Zweitens hat uns der Aufbau eines überzeugenden Drei-Jahres-Track-Records enorm geholfen, insbesondere in Kombination mit der 5-Sterne-Klassifizierung von Morningstar. Drittens darf man nicht vergessen, dass Asien als Markt in den letzten drei Jahren viele überrascht hat und Regionen wie die USA, Europa oder Japan klar outperformen konnte. Viele Investoren haben erkannt, dass Asien heute nicht mehr nur eine taktische Beimischung ist, sondern zunehmend ein struktureller Wachstumsmarkt. Das kam uns zugute.
Die Region profitiert im Moment enorm von der KI-Euphorie am Markt. Einzelne Leitindizes aus der Region konnten sich über die letzten 12 Monate mehr als verdoppeln. Warum stehen asiatische Schwellenländer so im Zentrum des gegenwärtigen KI-Booms?
Viele unterschätzen, wie zentral Asien für den gesamten KI-Boom eigentlich ist. Über 70 % der globalen KI-Lieferkette befinden sich heute in Asien – von Halbleitern über Packaging bis hin zu Test-Equipment und Server-Infrastruktur. Ohne asiatische Unternehmen würde die gesamte KI-Revolution schlicht nicht funktionieren. Wir sprechen hier nicht über spekulative Start-ups, sondern über hochprofitable Marktführer mit starken Cashflows, technologischen Eintrittsbarrieren und oft überraschend attraktiven Bewertungen. Genau deshalb sehen wir in Asien weiterhin enormes Potenzial. Eine alte Börsenweisheit besagt: Während eines Goldrauschs sollte man nicht nach Gold graben, sondern Schaufeln verkaufen. Genau das sind viele asiatische Tech-Unternehmen.
Als größte Volkswirtschaft Asiens steht China automatisch im Fokus der Anleger. Doch trotz der globalen KI-Rallye scheinen Alibaba und Tencent, die Tech-Giganten der Volksrepublik, zu schwächeln. Wie passt das zusammen und wie schätzen Sie die Lage für chinesische Tech-Unternehmen im Wettbewerb ein?
Wir unterscheiden in China klar zwischen KI-Anwendern und KI-Bereitstellern. Die KI-Anwender sehen wir derzeit eher kri-tisch. Viele müssen massiv investieren, während ihr Kerngeschäft unter schwachem Konsum und starkem Wettbewerb leidet. Dort sind wir untergewichtet. Deutlich attraktiver finden wir die KI-Bereitsteller – also Unternehmen, die die notwendige Infrastruktur und Technologie für den KI-Boom liefern. Diese Firmen erzielen bereits heute starke Gewinne, verfügen über solide Cashflows und profitieren zusätzlich von großen staatlichen Investitionen. China verfolgt dabei ein klares strategisches Ziel: langfristig unabhängiger in der KI-Lieferkette zu werden.
Jenseits von Chips, KI und Rechenleistung, welche strukturellen Trends sollten Anleger innerhalb der asiatischen Schwellenländer noch auf dem Radar haben?
Neben KI ist für uns der vielleicht größte strukturelle Trend überhaupt der demografische und soziale Wandel in Asien. Länder wie Indien, Indonesien, die Philippinen und Vietnam verfügen über extrem junge Bevölkerungen – oft sind mehr als 60 % der Menschen unter 35 Jahre alt. Das ist langfristig ein enormer Wachstumstreiber. Viele dieser Volkswirtschaften stehen erst am Anfang eines riesigen Konsumzyklus. Die Verschuldungsgrade privater Haushalte sind im internationalen Vergleich noch gering, gleichzeitig steigen Einkommen, Urbanisierung und Zugang zu Finanzdienstleistungen rasant an. Wir sehen dort aktuell den Aufbau einer komplett neuen Mittelschicht. Menschen eröffnen zum ersten Mal Bankkonten, schließen Versicherungen ab, investieren in Bildung, reisen häufiger, konsumieren digital und geben mehr Geld für Gesundheit und Lifestyle aus. Das schafft enorme Chancen für Unternehmen entlang dieses Konsumtrends. Was viele vergessen: Mit wachsendem Wohlstand verändert sich auch das Konsumverhalten. Es geht nicht mehr nur um Grundbedürfnisse, sondern zunehmend um Lebensqualität, Unterhaltung, Gesundheit und sogenannte „Dopamin-Konsumthemen“ – also Gaming, Social Media, Beauty, Reisen und Premium-Food.
Neben China ist Indien der große Platzhirsch in Asien. Bevölkerungswachstum, steigender Binnenkonsum sowie ein wachsender Kapitalmarkt: Auf dem Papier weist Indien eine klare Wachstumsstory auf. Wieso hinkt der dortige Aktienmarkt seit mehr als einem Jahr dennoch hinterher?
Indien bleibt aus unserer Sicht langfristig eine der attraktivsten Wachstumsstorys weltweit. Kurzfristig fehlte dem Markt aber etwas die Dynamik. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass Indien bislang deutlich weniger von der globalen KI-Euphorie profitieren konnte als beispielsweise Taiwan oder Korea. Hinzu kam eine kurzfristige zyklische Abschwächung bei Konsum und Investitionen, was sich temporär auf das Gewinnwachstum vieler Unternehmen ausgewirkt hat. Gleichzeitig waren die Bewertungen vieler indischer Aktien schlicht sehr hoch. Der Markt hatte bereits sehr viel Optimismus eingepreist. Als großer Ölimporteur litt Indien zudem unter den geopolitischen Spannungen rund um den Irankonflikt und den höheren Energiepreisen. Langfristig bleiben wir für Indien aber konstruktiv, insbesondere aufgrund der starken Demografie, der zunehmenden Formalisierung der Wirtschaft und der fortschreitenden Digitalisierung im Land.
Die Irankrise lastete, wenn auch teilweise nur kurzfristig, auch auf den Aktienindizes der asiatischen Schwellenländer. Wie stellen Sie sich gegenüber den perspektivisch höheren Rohstoffpreisen auf?
Wir verfolgen geopolitische Entwicklungen und Rohstoffpreise sehr genau und würden bei Bedarf unsere Länder- und Sektorallokation entsprechend anpassen. Grundsätzlich sind wir jedoch klar Bottom-up-getriebene Investoren. Für uns stehen die Fundamentaldaten und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen im Vordergrund. Ein dauerhaft höherer Ölpreis wäre für uns vor allem dann relevant, wenn dadurch ein Geschäftsmodell strukturell unter Druck geraten oder ein Investment Case nicht mehr valide wäre. Kurzfristige Marktbewegungen oder geopolitische Schlagzeilen führen bei uns deshalb nicht automatisch zu großen Portfolioanpassungen. Entscheidend ist für uns immer die Frage, ob sich die langfristigen Gewinnperspektiven eines Unternehmens nachhaltig verändern.
Der asiatische Markt ist in diesem Jahr bislang sehr stark gelaufen. Wieso sollten Investoren weiterhin in Asien investieren?
Trotz der starken Entwicklung in diesem Jahr bleiben asiatische Schwellenländer im historischen Vergleich weiterhin attraktiv bewertet und global strukturell untergewichtet. Gleichzeitig sehen wir eine klare Verbesserung bei Profitabilität und Gewinnwachstum. Eigenkapitalrenditen und Nettomargen steigen nach einer längeren Schwächephase wieder an. Für uns ist dies ein Zeichen einer strukturellen Neubewertung der gesamten Region. Viele internationale Investoren sind in Emerging Asia noch immer unterinvestiert, obwohl sich die Fundamentaldaten deutlich verbessert haben. Aus unserer Sicht wäre es deshalb riskant, asiatische Schwellenländer heute gar nicht oder nur stark untergewichtet im Portfolio zu haben und damit die bedeutendste Neubewertung der Region in diesem Jahrzehnt zu verpassen.
Unser Interviewgast

Javier Garcia
Javier Garcia ist seit Oktober 2022 Portfoliomanager bei Berenberg. Er begann seine Investmentkarriere 2002 bei Julius Bär Asset Management (später Swiss & Global Asset Management), wo er ab 2006 Co-Manager des JB Global Emerging Markets Equity Fund wurde und ab 2009 zusätzlich als Lead Fonds Manager des JB Black Sea Funds und des JB Russia Stock Funds tätig war. Von 2013 bis 2022 war er als Senior Portfolio Manager Emerging Markets Equities bei UBS Wealth Management tätig. In dieser Funktion hat er den Bereich Global-Emerging-Markets und Asien-Aktien aufgebaut und gemanaged. Javier Garcia hält einen Bachelor in Business Administration und Economics der Universität Zürich und ist CFA Charterholder.
