Schwächephasen konstruktiv nutzen

Das Team Multi Asset Strategy & Research geben in der aktuellen Horizonte-Publikation einen Ausblick auf das zweite Halbjahr 2026.

Horizonte | Kapitalmarktausblick

Multi-Asset-Strategie

Auf den Punkt

  • Während die US‑Wirtschaft boomt, haben sich in Europa die Stagflationsrisiken erhöht. Ein Ende des Irankrieges und hohe Fiskalausgaben könnten die Konjunktur in den kommenden zwei Jahren jedoch spürbar beleben.

  • Geldpolitik, Inflation und die US‑Zwischenwahlen werden im zweiten Halbjahr im Fokus stehen. Geopolitik und der IPO‑Boom stellen zusätzliche Risiken dar.

  • Wir bleiben konstruktiv für Aktien und Edelmetalle, gestützt durch steigende Unternehmensgewinne, reichlich Liquidität und anhaltende finanzielle Repression. Solange weder eine deutlich straffere Geldpolitik der Federal Reserve noch eine Rezession absehbar sind, sollten Anleger Aktien nicht untergewichten.

Portfoliopositionierung auf einen Blick

Im ersten Halbjahr haben wir von unserem konstruktiven Blick auf Aktien sowie der Übergewichtung von Schwellenländer- und US-Aktien gegenüber Europa profitiert. Schließlich leidet Europa besonders unter den höheren Energiekosten. Zudem zählt der alte Kontinent nicht zu den unmittelbaren KI-Profiteuren. Auch unsere Skepsis bezüglich Staatsanleihen hat sich bezahlt gemacht. Edelmetalle haben hingegen nur zum Jahresstart positiv beigetragen, die höheren Leitzinserwartungen in Folge der gestiegenen Inflationsrisiken belasteten zuletzt jedoch. Entsprechend positiv war es zumindest, dass wir die Gewinne bei Silber rechtzeitig realisiert und unsere Goldposition reduziert hatten. Zum Halbjahreswechsel halten wir an unserer moderaten Aktienübergewichtung fest, mit leichter Präferenz für die USA und Schwellenländer. Bei unverändertem Ausblick wäre ein Aktien-Rücksetzer aus unserer Sicht sogar eine Kaufgelegenheit.

Unsere Auffassung, dass im Umfeld ausufernder Staatsschulden und strukturell erhöhter Inflation Sachwerte gegenüber nominellen Staatsanleihen bevorzugt werden sollten, spiegelt sich deutlich im Portfolio wider. Wir bleiben entsprechend bei Aktien und Edelmetallen übergewichtet. Anleihen, insbesondere Staatsanleihen, sind dagegen untergewichtet. Zudem halten wir Kasse als „trockenes Pulver“ vor.  

Berenberg Asset-Allokation

Quelle: Berenberg

Rückblick H1 2026 – viele Überraschungen 

Im ersten Halbjahr 2026 präsentierten sich die Kapitalmärkte trotz hoher geopolitischer Unsicherheit insgesamt resilient, wobei ein solider globaler Konjunkturpfad und eine weiterhin expansive Geld- und Fiskalpolitik die zentrale Stütze für Risikoanlagen bildeten. Nach dem Kursfeuerwerk 2025 blieb der Aufwärtstrend an den Aktienmärkten grundsätzlich intakt. Zugleich nahm die Volatilität vor allem unterhalb der Oberfläche merklich zu, getrieben durch die Eskalation im Iran: Nach einem von zyklischen Titeln und Nebenwerten getragenen Jahresstart führten steigende Energiepreise und höhere Zinsen zu einem spürbaren Stresstest insbesondere für europäische Aktien, die zumindest zeitweise auch darunter litten, dass sie unterproportional am KI-Boom partizipieren. US-Aktien und KI-Profiteure aus Südkorea und Taiwan waren die großen Gewinner, getrieben durch deutliche Aufwärtsrevisionen bei den Gewinnschätzungen. Anleihen und Edelmetalle wurden hingegen durch das Auspreisen von Zinssenkungen belastet. Gold verzeichnete nach Ausbruch des Irankriegs massive Abflüsse aus ETFs – vor allem von US-Investoren.

Gold-ETFs verzeichneten deutliche Abflüsse bei Kriegsausbruch

Monatlich aggregierte Kapitalflüsse in Gold ETFs nach Region sowie Goldpreis (USD je Unze)

Zeitraum: 01.01.2024–31.05.2026
Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen

Während sich Gold mit Energiepreisspitzen schwertat, zeigten sich die globalen Aktienmärkte eher unbeeindruckt von dem Iran-krieg

Zeitraum: 22.06.2021–22.06.2026
Quelle: Bloomberg *CAGR = annualisierte Rendite (in %, in EUR); Std.-Abw. = annualisierte Standardabweichung (in %, in EUR).

Konjunkturausblick – Markt preist zunehmend Inflationsrisiken

Die aufgrund des Irankriegs höheren Energiepreise und Transportkosten lassen die Inflation weltweit ansteigen. Wie stark der Schock ausfällt und wie lange er anhält, hängt davon ab, wie schnell sich der Schiffsverkehr aus dem Golf normalisiert und wie lange es dauert, bis der Ölkreislauf (inklusive die Wiederauffüllung der globalen Öllagerbestände) wieder vollständig funktioniert. Die EZB hat den deutlichen Verbraucherpreisanstieg genutzt, um im Juni ihre Zinsen das erste Mal seit drei Jahren um 25 Bp zu erhöhen. Der Markt erwartet, dass weitere Zinserhöhungen folgen könnten. Unsere Volkswirte sind angesichts der damit einhergehenden Konjunkturrisiken für die Eurozone hingegen skeptisch. Für die USA gab es eine ähnlich starke Anpassung an die Zinserwartungen: Seit Beginn des Irankriegs am 28. Februar sind die kurzfristigen Zinserwartungen um über 100 Bp gestiegen, getrieben auch durch einen weiterhin robusten US-Arbeitsmarkt sowie starke Daten aus dem verarbeitenden Gewerbe. Im Mai begann der Markt erstmals in diesem Zyklus, kurzfristige US-Zinserhöhungen einzupreisen. 

Insgesamt ergibt sich für das zweite Halbjahr 2026 daher ein gemischtes Bild. Auf der einen Seite stehen zahlreiche wirtschaftliche und geopolitische Risiken. Auf der anderen Seite stützt die Fiskalpolitik in Deutschland und den USA weiterhin die Konjunktur. Die US-Wirtschaft wird derzeit zudem von einem KI-Boom angetrieben. China kämpft derweil weiterhin mit Problemen im Immobiliensektor und der schlechten Stimmung der Verbraucher. Europa ringt mit Stagflationsrisiken. Das Wachstum wird 2026 verhalten ausfallen. Ein Ende des Ukrainekriegs und hohe Fiskalausgaben könnten in den nächsten zwei Jahren jedoch die Konjunktur spürbar beleben.

Markt preist weniger Rückenwind durch lockere Geldpolitik ein

Leitzinsentwicklung der Federal Reserve (Obergrenze) und Leitzins-erwartung für Juni 2027 gemessen am 3-Monats SOFR Future

Stand: 22.06.2026
Quelle: Bloomberg, eigene Berechnung

Ausblick auf die Märkte – vorsichtig optimistisch

Rein fundamental sollten Aktien über die nächsten Monate unterstützt bleiben. Die Unternehmensgewinne steigen, wenngleich die Erwartungen in einigen Bereichen bereits sehr ambitioniert sind. Eine Rezession ist vor allem in den USA nicht in Sicht, und Liquidität ist reichlich vorhanden. Zudem sind viele Privatanleger weiterhin skeptisch, sodass das Sentiment auch noch nicht euphorisch ist. Die Zinsen haben sich wie der US-Dollar zuletzt (volatil) seitwärts bewegt, was auch unterstützend ist. Zeitgleich gibt es durch den technologischen Fortschritt vor allem im KI-Bereich Margenverbesserungspotenzial für viele Unternehmen. Geopolitisch könnte ein überraschender Frieden in der Ukraine ebenfalls positiv für die Märkte sein. Zu guter Letzt treiben die Unsummen an mechanischen ETF-Zuflüssen die Märkte nach oben. Allerdings erwarten wir einen volatilen Sommer/Herbst. Zum einen ist der Anreiz nach der starken ersten Jahreshälfte groß, Positionen zu rebalancieren und Gewinne mitzunehmen – auch angesichts der kommenden US-Zwischenwahlen. Zum anderen ging ein neuer Fed-Vorsitzender zumindest historisch stets mit höherer Marktvolatilität einher. Der sich nun beschleunigende IPO-Boom, die zunehmende Aufnahme von Fremdkapital durch Anleihen sowie geringere Aktienrückkaufprogramme durch die großen Tech-Unternehmen sind allesamt zusätzlich marginal negative Faktoren. Schließlich wird das Aktien- und Anleiheangebot erhöht, während die Nachfrage nach Aktien durch Unternehmen sinkt. Das größte Risiko für Risikoanlagen ist eine deutlich restriktivere Zentralbankpolitik. Sollte es zu einem neuen globalen Zinserhöhungszyklus kommen, würden viele Marktteilnehmer auf dem falschen Fuß erwischt werden. Das ist nicht das Basisszenario unserer Volkswirte, stellt aber gleichwohl das bedeutendste Risiko dar.

Vorherige IPO-Booms gingen mit höherer Volatilität einher

IPO-Aktivität dürfte über die Sommermonate weiter anziehen

Zeitraum: 01.01.1915–22.06.2026
Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen

Aktien und Gold bleiben bevorzugt

Wir sehen entsprechend weiteres Aufwärtspotenzial für Aktien und fahren eine moderate Übergewichtung. Wir setzen dabei vor allem auf KI-Gewinner sowie selektive Value-Sektoren wie Banken, um das Portfolio auszubalancieren. Die von uns antizipierte Volatilität spricht darüber hinaus dafür, „trockenes Pulver“ vorzuhalten, um taktische Opportunitäten über die nächsten Monate wahrzunehmen. Auch wenn wir Gold im ersten Halbjahr reduziert haben, bleiben wir übergewichtet. Die strukturellen Treiber (höhere Staatsverschuldung, Inflation, etc.) bleiben intakt, und die Positionierung sowie die Anlegerstimmung ist nun deutlich weniger euphorisch, was positiv ist.

Bei Staatsanleihen bleiben wir nicht nur wegen der gestiegenen Inflationsrisiken skeptisch. Zum einen steigt die Staatsverschuldung allerorten weiter. Zudem führen die Fremdfinanzierungen der riesigen KI-Investitionen zur neuen Konkurrenz hinsichtlich der Gunst der Anleger. Darüber hinaus hat der Abverkauf im März erneut gezeigt, dass Anleihen Aktien nicht mehr so gut diversifizieren wie in den letzten beiden Dekaden. Häufig erhöhen sie sogar die Portfoliovolatilität. Entsprechend sind wir im Anleihebereich weiterhin stark in Sonderthemen wie Frontier-Market- und Katastrophenanleihen investiert.    

Autor

Ulrich Urbahn
Leiter Multi Asset Strategy & Research und Portfoliomanagement Alternatives