Auf den Punkt
Nominal werden sichere Staatsanleihen wieder attraktiver, allerdings vorbehaltlich regionaler Unterschiede, erwarteter Inflation und Wechselkursschwankungen.
Korrekturen bei europäischen Unternehmensanleihen könnten Einstiegschancen bieten, insbesondere im Hochzinssegment.
Das Umfeld für Anleihen ist und bleibt politisch
Als wären inflationäre Zölle, steigende Staatsverschuldungen und ein Wechsel im Amt des US-Notenbankpräsidenten nicht genug, verlängerte der Ausbruch des Irankrieges am letzten Tag im Februar die Liste der Unwägbarkeiten an den Anleihemärkten um einen weiteren Punkt. Staats- und Unternehmensanleihen haben bisher unterschiedlich darauf reagiert, mit Vorteilen bei Letzteren. Wird sich diese Entwicklung fortsetzen oder sehen wir einen Favoritenwechsel?
Sichere Staatsanleihen mittelfristig mit wenig Aufwärtspotenzial
Der erfolgreiche Jahresstart von Staatsanleihen hoher Bonität wurde durch den Kriegsbeginn im Nahen Osten jäh gebremst. Die militärische Eskalation des Konflikts und die Blockade der Straße von Hormus bewirkten eine Bedrohung der Energieversorgung, welche die Ölpreise in die Höhe schnellen ließ. Staatsanleihen eskomptierten die aufkommenden Inflationsgefahren zügig, so dass die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen im März die Marke von 3,1 %, im zweiten Quartal sogar die von 3,2 % erreichte – der höchste Stand seit fünfzehn Jahren. US-Treasury-Renditen egalisierten ihre (im selben Zeitraum jüngeren) Höchststände von 2023 zwar nicht, zogen aber ebenfalls deutlich an und durchbrachen zwischenzeitlich das Niveau von 4,6 %. Zentralbankseitige Leitzinssenkungen, auf die der Kapitalmarkt noch zu Beginn des Jahres gehofft hatte, wurden ausgepreist, und die Erwartungen verkehrten sich ins Gegenteil. Tatsächlich nahm die EZB vor dem Hintergrund einer auf über 3 % gestiegenen Preissteigerungsrate im Juni einen Zinsschritt von 25 Bp nach oben vor. Unsere Volkswirte rechnen jedoch mit keiner weiteren Leitzinsanhebung. Trotzdem sehen wir mittelfristig in Staatsanleihen wenig Aufwärtspotenzial. Denn die Renditeentwicklung in der Eurozone und den USA dürfte trotz Entspannung im Nahen Osten das erhöhte Inflationsniveau abbilden – sowie den abnehmenden makroökonomischen Gegenwind.
Prognosen: Leitzinsen und Staatsanleiherenditen (in %)
Berenberg- und Konsensprognose im Vergleich, Werte zum Jahres-ende 2026 und zur Jahresmitte 2027
Angesichts einer tendenziell weniger restriktiven BoE sowie aufgrund einer höheren Basisverzinsung von UK-Gilts sind die nominalen Ertragschancen für das Vereinigte Königreich verglichen mit den beiden anderen Regionen auf Ein-Jahres-Sicht klar am höchsten – sofern es die Labour-Partei schafft, trotz des innerparteilichen Machtkampfes die fiskale Disziplin auf der Insel zu wahren. In realer Betrachtung muss gleichwohl die erwartete Inflation berücksichtigt werden, aus Euro-Perspektive darüber hinaus die Möglichkeit von Wechselkursschwankungen. Deutsche Bundesanleihen und US-Treasuries sind indes trotz verbesserter nominaler Aussichten kaum attraktiv.
Sichere Staatsanleihen: UK bleibt regionaler Favorit
Wertentwicklung 10-jähriger Staatsanleihen, Gesamteffekt aus Kurs- / Renditeveränderung, Kuponertrag und Roll-down-Effekt
Unternehmensanleihen weiter auf der Überholspur
Unternehmensanleihen zeigten seit Jahresbeginn im Vergleich zu Staatspapieren eine robustere Wertentwicklung, wofür auf Indexebene die geringere Zinssensitivität (Duration) des Segments einen wichtigen Faktor darstellt. Auch der Nahostkonflikt sorgte nur kurzzeitig für etwas Unruhe. Die fundamentale Stabilität des Marktes spiegelte sich in der anhaltend hohen Aktivität am Primärmarkt wider, was auf eine gesunde Nachfrage der Investoren hindeutete. Zudem prägte der Megatrend künstliche Intelligenz (KI) das Emissionsverhalten der Unternehmen. So begaben Google, Meta und Amazon seit Jahresanfang Anleihen im Wert von 144 Mrd. US-Dollar zum Ausbau ihrer KI-Infrastruktur und übertrafen damit bereits ihr Emissionsvolumen aus dem gesamten Jahr 2025 deutlich. Beide Trends sollten weiter anhalten. Vor dem Hintergrund steigender Staatsverschuldung in zahlreichen Industrienationen dürften Investoren im Rentenmarkt weiterhin gezielt nach Alternativen zu Staatsanleihen suchen. Unternehmensanleihen von Emittenten mit stabilen Geschäftsmodellen und soliden Bilanzen stehen dabei im Fokus. Zusätzlich eröffnen Unternehmensanleihen Investoren im Portfoliokontext breitere Diversifikationsmöglichkeiten und bieten einen Renditevorteil gegenüber Staatsanleihen. Auch im defensiveren Pfandbrief- und Covered-Bond-Segment war eine rege Emissionstätigkeit zu verzeichnen. Dabei nutzen immer mehr Kreditinstitute Covered Bonds als Refinanzierungsvehikel, allen voran für Immobilienkredite. Allerdings zeigen sich dadurch zunehmend regionale Verschiebungen. Der Anteil außereuropäischer sowie osteuropäischer Emittenten nahm spürbar zu, während die Emissionstätigkeit aus Kerneuropa, wie Deutschland und Frankreich, im relativen Vergleich rückläufig war.
Regionale Verteilung von Neuemissionen in Covered Bonds
Der Anteil von Covered-Bond-Emittenten aus Osteuropa sowie von außerhalb Europas hat zuletzt zugenommen
Bedenken hinsichtlich einer Eintrübung der Kreditqualität in diesem Segment sind jedoch unbegründet, da 2019 ein einheitlicher europäischer Rechtsrahmen geschaffen wurde, der eine weitgehende Harmonisierung der Standards gewährleisten soll. Dieser umfasst unter anderem strenge Qualitätsanforderungen an die Deckungswerte sowie im Insolvenzfall den doppelten Rückgriff auf Deckungsmasse und Bankbilanz. Auch internationale Gesetzgebungen und Emissionsprospekte orientieren sich zunehmend an diesen europäischen Standards. Covered Bonds stehen als Marktsegment zwischen Staats- und Unternehmensanleihen und bieten Investoren ein hohes Maß an Sicherheit. Insgesamt hat sich unsere Einschätzung gegenüber Unternehmensanleihen und Covered Bonds nicht geändert: Trotz der aktuellen Bewertung bleiben wir verhalten positiv und setzen weiterhin auf die Vereinnahmung der Risikoprämien. Etwaige Rückschläge könnten Chancen eröffnen, das Engagement auszubauen.
Unternehmensanleihen und Covered Bonds mit Renditevorteil
Risikoprämien* befinden sich auf niedrigem Niveau, bieten aber weiterhin einen Mehrwert gegenüber Staatsanleihen erster Bonität
Fazit: Chancen stecken in allen Segmenten
Auch wenn die (Geo-)Politik unverändert für Unruhe sorgt und das Marktumfeld zwischenzeitlich schwankungsanfällig werden dürfte, finden wir in allen von uns betrachteten Anleihesegmenten mittelfristig Ertragschancen. Unternehmenspapiere und Covered Bonds schätzen wir in Relation zu sicheren Staatsanleihen als interessant ein, da sie gegenüber diesen Renditeaufschläge bieten, die zu vertretbaren bzw. im Falle des Covered-Bond-Sektors minimalen Risiken vereinnahmt werden können. Bei Staatsanleihen mit hoher Bonität bleiben britische Gilts favorisiert. Der Wechselkursaspekt bleibt aus Euro-Anleger-Sicht allerdings zu beachten. Generell gilt: Inflation bleibt essenziell, sie frisst Teile der nominalen Erträge auf.
Autoren

Martin Mayer
Bei Berenberg ist er seit November 2009 als Senior Portfoliomanager mitverantwortlich für die Renten- und Stiftungsstrategie der privaten Vermögensverwaltung sowie für individuelle Multi Asset-Spezialmandate mit defensivem Schwerpunkt. Nach seiner Ausbildung zum Betriebswirt (Wirtschaftsakademie) und seinem Studium zum Dipl.-Volkswirt (Universität Hamburg) trat er 1998 in die Vermögensverwaltung der Deutschen Bank ein. Dort betreute er bis 2008 individuelle Kundenportfolios für das Private Wealth Management und absolvierte 2001/2002 eine Weiterbildung zum CEFA-Investmentanalysten/DVFA. Im Sommer 2008 wechselte Mayer zur HSH Nordbank und fungierte dort als stellvertretender Leiter des Portfoliomanagements.

Felix Stern
Felix Stern begann vor mehr als 25 Jahren bei Berenberg im Asset Management als Portfoliomanager Renten. Heute leitet der Senior Portfoliomanager das Team Fixed Income Euro Ausgewogen und ist verantwortlich für die Auswahl defensiver Anleihen aus dem Investment Grade Segment sowie Spezialist für kurzlaufende Anleihekonzepte. Darüber hinaus ist er hauptverantwortlicher Portfoliomanager für mehrere Publikumsfondsfonds aus dem Hause Berenberg.
Der gelernte Industriekaufmann wechselte nach mehrjähriger Tätigkeit im Bereich Market Research der British American Tobacco (Germany) GmbH Anfang 2000 in den Bereich des Fixed Income-Portfoliomanagements. Der Diplom-Kaufmann in Wirtschaftswissenschaften absolvierte sein Studium berufsbegleitend an der Fernuniversität in Hagen und erwarb zudem einen Abschluss als CCrA - Certified Credit Analyst (DFVA) sowie CESGA – Certified ESG Analyst (DVFA).
